Die Konjunktur auf dem Weg ins tiefste Tal | Wirtschaft | DW | 15.05.2020
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Corona-Krise

Die Konjunktur auf dem Weg ins tiefste Tal

Die deutsche Wirtschaftsleistung ist im ersten Quartal infolge der Corona-Krise deutlich eingebrochen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte um 2,2 Prozent. Doch die Talsohle ist damit noch lange nicht erreicht.

Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal wegen der Corona-Krise so stark eingebrochen wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt fiel von Januar bis März um 2,2 Prozent zum Vorquartal.

"Das war der stärkste Rückgang seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 und der zweitstärkste Rückgang seit der deutschen Vereinigung", teilte das Statistische Bundesamt am Freitag in einer ersten Schätzung mit.

Ganz Europa leidet

Die Wirtschaft der Eurozone insgesamt ist eingebrochen. Wie das Statistikamt Eurostat am Freitag auf Basis einer zweiten Schätzung mitteilte, war die Wirtschaftsleistung der 19 Euroländer im ersten Quartal 3,8 Prozent niedriger als im Vorquartal. 

In den 27 Ländern der Europäischen Union betrug der Wachstumseinbruch gegenüber dem Vorquartal 3,3 Prozent. Auch dies ist ein Rekordrückgang. Gegenüber dem ersten Quartal 2019 ging das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone um 3,2 Prozent und in der EU um 2,6 Prozent zurück.

Die Rezession ist da

Exporte, Konsum und Investitionen gingen laut Bundesamt in Deutschland jeweils spürbar zurück. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten ebenfalls ein Minus von 2,2 Prozent erwartet.

"Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie haben eine Rezession ausgelöst", erklärte das Bundeswirtschaftsministerium. Im Vergleich zu anderen großen Euro-Ländern ist der Rückgang in Deutschland noch gering ausgefallen. Den stärksten Einbruch im Euroraum verzeichnete Frankreich mit einem Rückgang um 5,8 Prozent zum Vorquartal. In Spanien ging das BIP um 5,2 Prozent zurück, in Italien um 4,7 Prozent. 

Abendstimmung im Hamburger Hafen: Wo bleiben die Containerschiffe?

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Erleichterung, Pessimismus und erste Forderungen

Bei den Reaktionen auf die Mitteilung des Statistischen Bundesamtes mischen sich Erleichterung über das aktuell noch mäßige Minus mit Sorgen vor einer weiteren Verschlechterung. Commerzbank-Ökonom Jörg Krämer urteilt: "Auch wenn sich die Produktion von nun an langsam erholen wird, zeichnet sich wegen des Einbruchs im März und vor allem April für das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal ein deutliches Minus ab; wir rechnen gegenüber dem ersten Quartal mit Minus von 11,5 Prozent."

Angesichts dieser Zahlen fordert Krämer von der Politik, "die Anti-Corona-Maßnahmen mit Blick auf die Wirtschaft weiter zu lockern. Wichtig wäre beispielsweise die Öffnung der Grenzen sowie weniger restriktive Vorgaben für die Einzelhändler."

Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) blickt ebenso pessimistisch nach vorn: "Deutschland steht vor der schärfsten Rezession der Nachkriegsgeschichte, denn für das zweite Quartal ist mit einem weiteren, noch deutlicheren Einbruch des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Die Entwicklung ist historisch ohne Beispiel."

Nach dem blauen Auge kommt die blutige Nase

Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe sieht zwar auch positive Aspekte, ist aber in Bezug auf das zweite Quartal auch nicht optimistisch: "Dank der Bauinvestitionen und des Staatskonsums hält sich der Rückgang in Grenzen, auch im Vergleich zu anderen Ländern. Das Ergebnis ist nur ein Vorgeschmack auf die noch bevorstehende Ohnmacht."

"Mit einem blauen Auge davongekommen, doch die blutige Nase holen wir uns noch", prophezeit Andreas Scheuerle von der Dekabank. "Im europäischen Vergleich sind wir noch mit einem blauen Auge davongekommen. Dank eines ausgesprochen guten Starts in das erste Quartal sowie aufgrund der erst zu Monatsmitte März einsetzenden Quarantänemaßnahmen"

Für Thomas Gitzel von der VP Bank ist es "schier unglaublich, dass man mit Blick auf den Rückgang des BIP im ersten Quartal festhalten kann, dass Deutschland vergleichsweise gut weg kam. Doch dies ist alles andere als ein Trost."

Produktion langsam wieder angelaufen: Arbeiter im VW-Werk Wolfsburg

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Das dicke Ende kommt erst noch

Im Januar und Februar zeigten viele Indikatoren noch eine deutliche Belebung an. Das hat sich mit den im März beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus schlagartig verändert: Geschäfte, Hotels und Restaurants mussten schließen, Fabriken machten dicht, Veranstaltungen wurden abgesagt.

Die Folgen dürften vor allem im laufenden zweiten Quartal  sichtbar werden. Der Abwärtstrend werde sich im Frühjahr"zunächst noch verstärken", erklärte das Ministerium. Die Bundesregierung erwartet deshalb in diesem Jahr die schwerste Rezession der Nachkriegszeit: Das Bruttoinlandsprodukt soll um 6,3 Prozent einbrechen. Die Commerzbank rechnet für das zweite Quartal mit einem Minus von mehr als elf Prozent, während die Deutsche Bank sogar einen Einbruch von 14 Prozent zum Vorquartal voraussagt.

"Jetzt wissen wir quasi amtlich, was so ein Lockdown kostet: pro Woche ungefähr ein bis zwei Prozent", sagte der Volkswirt Jens-Oliver Niklasch von der LBBW zu den Zahlen aus Wiesbaden. Nach seiner Berechnung dürfte das Minus im zweiten Quartal bei acht bis zehn Prozent liegen. "Aber man kann es rechnen, wie man möchte: Wirtschaftlich ist es eine Katastrophe, menschlich eine Tragödie. Sorgen wir alle zusammen dafür, dass es nicht noch schlimmer wird."

dk/hb (dpa, rtr, afp)

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