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Die Eulenburg-Affäre: Kaiser Wilhelms II. queere Freunde

Helen Whittle
28. April 2026

Ein Kaiser, den man "Liebchen" nannte, ein General, der in einem rosa Tutu einen Herzinfarkt erlitt: Der homoerotische Freundeskreis um den Diplomaten Eulenburg erschütterte das Deutsche Reich bis ins Mark.

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Wilhelm II. (links) im Jagdoutfit zeigt auf etwas, neben ihm ein anderer Mann
Kaiser Wilhelm II. (links) war oft zu Eulenburgs Jagdpartien eingeladen Bild: Photo12/Ann Ronan Picture Library/IMAGO

Ein prunkvolles Stück queerer Geschichte wurde am 24. April in Berlin versteigert: Die etwas mehr als 116 Zentimeter hohe Porzellanvase, verziert mit einem vergoldeten Leguan und einem Obststrauß, gekrönt von einer Ananas, soll als Geschenk von Kaiser Wilhelm II., dem letzten Kaiser Deutschlands, für seinen Freund Prinz Philipp von Eulenburg-Hertefeld angefertigt worden sein.

Die heute kaum noch bekannte Beziehung zwischen dem Kaiser und dem Prinzen stand im Mittelpunkt eines Skandals, der sogenannten Eulenburg-Affäre, die laut dem deutschen Historiker Norman Domeier ganz Europa bis ins Mark erschütterte und die öffentliche Meinung über die Monarchie grundlegend veränderte.

Wilhelm II. bestieg 1888 den deutschen Thron. Er galt als unfähiger und unberechenbarer Herrscher, der von der Berichterstattung über sich selbst besessen war und zunehmend autoritäre Tendenzen entwickelte. Eulenburg wiederum war ein Diplomat, der schnell zum wichtigsten außerparlamentarischen Berater des Kaisers aufstieg. Oft lud er enge Freunde zu Jagdausflügen auf seinen Herrensitz Schloss Liebenberg nördlich von Berlin ein. Wie später vor Gericht bekannt wurde, nannte man Eulenburg in diesem Kreis "Philine" und den Kaiser "Liebchen".

Aufwendig dekorierte Porzellanvase
Die vergoldete Porzellanvase war ein Geschenk Kaiser Wilhelms II. an seinen engen Freund Eulenburg Bild: Kunsthaus Lempertz/Jan Epple

"Es war deutlich, dass sie einen Kult der neoromantischen Männerfreundschaft pflegten und ihre Korrespondenz voller anscheinend homoerotischer Freundschaftsbekundungen war", schreibt der Historiker Robert Beachy in seinem Buch "Das andere Berlin: Die Erfindung der Homosexualität.  Eine deutsche Geschichte 1867-1933".

Komplott zum Sturz der Monarchie

Die Kritiker des Kaisers - und es waren nicht wenige - verachteten die "Liebenberger Tafelrunde", die sich regelmäßig in Eulenburgs Familienschloss traf. Für sie waren diese Männer Speichellecker, die ihre Nähe zum Kaiser missbrauchten, um die Politik zu beeinflussen.

Eine dieser kritischen Stimmen gehörte dem einflussreichen Berliner Journalisten Maximilian Harden, einem glühenden Nationalisten. Er war überzeugt, dass die deutsche Drohung, während der Ersten Marokkokrise 1905/06 (Frankreich und das Deutsche Reich rivalisierten um den Einfluss auf Marokko, Anm. d. Red.)  gegen Frankreich in den Krieg zu ziehen, von den Franzosen als Bluff abgetan worden war - aufgrund von Informationen, die dem französischen Botschafter bei einer Liebenbergschen Jagdpartie zugespielt worden waren.

Harden habe Veränderungen im Reich herbeiführen wollen, sagt Norman Domeier, Autor des Buches "Der Eulenburg-Skandal: Eine politische Kulturgeschichte des Kaiserreichs.": "Es war schon ziemlich zynisch zu glauben, die einzige Möglichkeit, diese Leute als Journalist und Verleger zu Fall zu bringen, bestünde darin, sie zu skandalisieren."

Schwarz-Weiß-Bild von Philipp zu Eulenburg-Hertefeld
Kaiser Wilhelm II. erhob Eulenburg (Foto) im Jahr 1900 in den FürstenstandBild: United Archives International/IMAGO

Am 17. November 1906 veröffentlichte Harden in seiner vielgelesenen Wochenzeitschrift "Die Zukunft" einen brisanten Artikel: Die Männer aus Wilhelms Entourage würden "von sichtbaren und unsichtbaren Stellen aus Fädchen spinnen, die dem Deutschen Reich die Atmung erschweren", war da zu lesen. "Sie träumen nicht von einer Welt in Flammen, ihnen ist es schon warm genug." "Warm" war damals ein gängiger Slang-Ausdruck für Schwule. Insbesondere Eulenburg unterstellte er einen verderblichen Einfluss.

Der so Beschuldigte verließ Berlin umgehend und reiste in die Schweiz, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Doch er kehrte 1907 in die Hauptstadt zurück, was Harden in Rage versetzte. Was folgte, war eine Reihe von Prozessen, die weltweite Aufmerksamkeit erregten. Die Auswirkungen des Skandals waren vergleichbar mit dem Prozess gegen den bekannten Schriftsteller Oscar Wilde 1895 in England wegen "grober Unzucht" und der Dreyfus-Affäre, die 1894 begann und in Frankreich zum Symbol für Ungerechtigkeit und Antisemitismus wurde.

"Es ist wirklich faszinierend, wie sehr der Skandal die deutsche Gesellschaft spaltete. Man merkt, wie das Deutsche Reich, das nach außen hin so pompös und prunkvoll wirkte, innerlich schwach und instabil war, mit enormen Unterschieden zwischen Nord und Süd, Ost und West. Der Skandal hat diese Gräben weit aufgerissen", so Domeier gegenüber der DW.

Einer der aufsehenerregendsten Prozesse im Zusammenhang mit der Eulenburg-Affäre drehte sich um General Kuno von Moltke. Er war Stadtkommandant und für die militärische Sicherheit Berlins zuständig. Harden hatte behauptet, von Moltke, der in der "Liebenberger Tafelrunde" offenbar als "Tütü" bekannt war, trage zu Hause gerne Rouge und "auffällige Kostüme" wie Kimonos und lange Röcke. Der General trat zurück und verklagte Harden wegen Verleumdung.

Schloss Liebenberg, Gemälde um 1890
Die Liebenberger Tafelrunde vergnügte sich regelmäßig auf Eulenburgs Landsitz nördlich von BerlinBild: Hohlfeld/IMAGO

Während des Prozesses machte von Moltkes Ex-Frau, Lili von Elbe, die enge Freundschaft des Kommandanten mit Eulenburg für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich und behauptete, von Moltke habe sich geweigert, das Bett mit ihr zu teilen. Harden zog zudem den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld als Sachverständigen hinzu, um Moltkes sexuelle Ausrichtung zu klären. Hirschfeld hatte 1897 in Berlin das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee gegründet, die weltweit erste Organisation für die Rechte von Homosexuellen. Seine Einschätzung, basierend auf seinen Beobachtungen im Gerichtssaal, lautete, dass von Moltke eine feminine Seite habe und "unbewusste Homosexualität" zeige. Harden wurde freigesprochen.

Hirschfelds Theorien über Geschlecht und Sexualität, die durch den Prozess einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden, waren für die damalige Zeit bahnbrechend. Für ihn war sexuelle Orientierung ein angeborenes, natürliches biologisches Merkmal und keine Lebensentscheidung, keine Krankheit und kein Verbrechen. "In gewisser Weise ist es eine frühe Version des 'Born This Way'-Konzepts, wie es verschiedene Emanzipationsbewegungen seitdem vertreten haben", sagt der Historiker Frederik Doktor von der Europa-Universität Flensburg.

Teil der queeren Geschichte

Lange vor seiner Blütezeit in der Weimarer Republik hatte sich Berlin bereits einen Ruf als Partyhauptstadt Europas mit einer lebendigen Queer-Szene erworben. Zu einer Zeit, als sexuelle Handlungen zwischen Männern gemäß Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches unter Strafe standen, gab es in der Stadt sogar eine spezielle Polizeieinheit - nicht, um homosexuelle Handlungen zu unterbinden, sondern um hochrangige Mitglieder der Gesellschaft vor potenziellen Erpressern zu schützen.

Die Eulenburg-Affäre hatte laut Doktor unbeabsichtigte Folgen für die Berliner Schwulenszene. "Sie führte letztendlich zu mehr Homophobie, zur weit verbreiteten Vorstellung von 'Entartung', zur Definition von Homosexuellen als weibische Männer und zu Debatten über die Verschärfung von Paragraf 175- die die Nazis Jahrzehnte später, im Jahr 1935, umsetzten", erklärt Doktor gegenüber der DW.

Homosexualität wurde zudem mit mangelndem Patriotismus und sogar Verrat in Verbindung gebracht. Im Jahr 1908 empfahl die New Yorker "Staatszeitung", eine wichtige Stimme für Deutsche in den USA, sogar einen "fröhlichen kleinen Krieg", um Deutschland von der Homosexualität zu befreien.

Der Skandal zerstörte Eulenburgs Ruf.  Während einer der vielen Prozesse sagten ein älterer Fischer und ein Kleinkrimineller aus, in ihrer Jugend sexuelle Beziehungen mit dem Prinzen unterhalten zu haben. Nachdem er 1909 im Gerichtssaal zusammenbrach, wurde Eulenburg von den Gerichtsärzten regelmäßig für zu krank befunden, um vor Gericht zu stehen. Von seinen Freunden wurde er fortan bis zu seinem Tod im Jahr 1921 gemieden.

Die Liebenberger Tafelrunde allerdings versammelte sich weiterhin um Kaiser Wilhelm. Während eines Jagdbanketts im Schloss Donaueschingen im Jahr 1908 erlag der preußische General Hans Dietrich Graf von Hülsen-Haeseler, Chef des Militärkabinetts des Kaisers, beim Walzertanzen einem Herzinfarkt. Einigen Berichten zufolge trug er das Ballkleid der Gastgeberin und einen mit Pfauenfedern geschmückten Hut, anderen zufolge ein rosa Tutu und eine Rosenkrone.

Der Vorfall führte dazu, dass der Kaiser, der nach der Veröffentlichung sehr undiplomatischer Äußerungen über die Briten ohnehin schon unter Druck stand, einen Nervenzusammenbruch erlitt. Er wurde schließlich während des Ersten Weltkriegs vom Militär ins Abseits gedrängt und dankte 1918 ab. Als letzter Kaiser Deutschlands starb er 1941 im Exil in den Niederlanden.

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords