Die Angst der Helfer | Welt | DW | 18.09.2013
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Welt

Die Angst der Helfer

In Syrien geraten Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter nicht nur zwischen die Fronten, sie werden immer öfter gezielt unter Beschuss genommen. Ganz nach der Devise: Wer meinem Feind hilft, ist auch mein Feind.

Für die Helfer vom Roten Kreuz und vom Roten Halbmond wird die Situation in Syrien immer schwieriger. "Die Übergriffe haben sich in letzter Zeit gehäuft", klagt Rima Kamal vom Büro des Internationalen Roten Kreuzes in Damaskus, "es gibt Angriffe durch Heckenschützen und Entführungen". Kamal fürchtet, dass es noch schlimmer wird: "Die Kämpfe eskalieren weiter, wir machen uns Sorgen, dass auch das Risiko bei unseren Einsätzen weiter zunimmt."

Ein Sonderbericht des UN-Menschenrechtsrates legt nahe, dass Ärzte, medizinisches Personal und Krankentransporte in Syrien nicht nur versehentlich, sondern immer öfter auch ganz gezielt beschossen werden. Krankenhäuser würden bombardiert und Sanitäter terrorisiert. In manchen Gebieten, zum Beispiel rund um Damaskus oder in der Stadt Homs, sollen 70 bis 80 Prozent der Gesundheitseinrichtungen inzwischen schwer beschädigt oder sogar zerstört sein. Ärzte und Krankenschwestern seien entweder getötet worden oder geflohen.

Kriegsparteien versperren Zugang zu Verwundeten

Seit Beginn der Kämpfe sind allein 22 Mitarbeiter des Roten Halbmondes umgekommen. Der Rote Halbmond genießt denselben völkerrechtlichen Status wie das Rote Kreuz. Das heißt, die Mitarbeiter verhalten sich in jedem Konflikt neutral und haben im Gegenzug das Recht, sich frei zu bewegen und jedem Hilfe zu leisten, der Hilfe benötigt, unabhängig davon, auf welcher Seite er steht. "Das ist die Theorie", sagt Rima Kamal bitter, "die syrische Realität sieht anders aus".

Mitarbeiter des Roten Kreuzes heben einen verwundeten Syrer auf eine Bahre (Foto: AFP/GettyImages)

Mitarbeiter des Roten Kreuzes helfen einem verwundeten Syrer

Nicht nur die direkten Angriffe auf Leib und Leben machen den Helfern zu schaffen. Rotes Kreuz und Roter Halbmond sehen sich immer öfter von den Kriegsparteien behindert. "Wir versuchen seit zwei Monaten, in die umkämpfte Altstadt von Homs zu kommen", erzählt Kamal. Die Stadt sei von den Rebellen kontrolliert und von Regierungstruppen umstellt. "Wir verhandeln hier mit lokalen Behörden, mit syrischen Regierungsleuten und mit einer Reihe verschiedener oppositioneller Gruppen", so Kamal. "Es ist uns bisher nicht gelungen, die Sicherheitsgarantien für unsere Mitarbeiter zu bekommen, um den Menschen in Homs Hilfe zu bringen."

Kein Verständnis für Neutralität

Ähnlich sehe es auch in den umkämpften Gebieten rund um Damaskus aus. In den meisten Vororten habe seit sechs Monaten keine einzige Hilfsorganisation Zugang bekommen. "Selbst nach den Giftgasangriffen im August durften wir nicht in das Gebiet. Und auch der syrische Rote Halbmond kann nicht dorthin, um den betroffenen Menschen Essen oder medizinische Unterstützung zu bringen."

Rima Kamal ist bemüht, keine Seite direkt zu beschuldigen. Sie legt Wert darauf, dass Rotes Kreuz und Roter Halbmond auch in diesem schmutzigen Krieg neutral bleiben. "Ich werde auf niemanden mit dem Finger zeigen", sagt sie, "was wir aber immer wieder betonen, ist das Recht jedes Einzelnen auf ärztliche Hilfe, egal ob es sich um einen verletzten Kämpfer, um einen Zivilisten, um Kinder oder um Frauen handelt."

Hans-Joachim Heintze (Foto: privat)

Hans-Joachim Heintze: Die Rücksicht schwindet

Die Neutralität sei die wichtigste Arbeitsgrundlage für das Rote Kreuz, bestätigt Professor Hans-Joachim Heintze vom Institut für Friedenssicherung und Humanitäres Völkerrecht an der Ruhr-Universität Bochum. Für das Rote Kreuz dürfe es deshalb nie um die Frage gehen, wer schuld sei oder wer gut und wer böse, sondern einzig und allein darum, wer Hilfe brauche. Zumindest bisher, vor allem in den klassischen Kriegen zwischen Ländern, sei das rote Kreuz auf weißem Grund ein Zeichen für unparteiische Hilfe gewesen: "Da beide Kriegsparteien dies wussten, ist das Zeichen des Roten Kreuzes in der Vergangenheit zumindest in den meisten Fällen respektiert worden."

Heckenschützen vor Krankenhäusern

Doch die Rücksicht auf das Rote Kreuz werde in modernen Konflikten immer seltener, meint Friedensforscher Heintze: "Es sind jetzt Parteien dazugekommen, die man gar nicht so genau identifizieren kann und die sich nicht an das Recht gebunden fühlen, weil sie die Vorteile nicht sehen." Christof Johnen, Koordinator des Deutschen Roten Kreuzes für Auslandseinsätze, bringt das Problem etwas anders auf den Punkt: "Die Konfliktparteien sehen es nicht gerne, wenn Hilfe an die geleistet wird, die man als Feinde wahrnimmt."

Diese Einschätzung wird von den jüngsten Berichten aus Syrien untermauert, nach denen zunehmend auch gut gekennzeichnete Hilfskonvois beschossen werden und sich Heckenschützen besonders gern vor Krankenhäusern postieren und dort sogar Schwerverletzte unter Feuer nehmen.

Christof Johnen (Foto: privat)

Sorgt sich um seine Kollegen: Christof Johnen

Das Risiko wird Helfer abschrecken

Für Christof Johnen steht das Rote Kreuz in Ländern wie Syrien nicht nur vor einer humanitären Herausforderung, sondern auch vor einer Erziehungsaufgabe. "In diesem Konflikt kämpfen sehr viele Gruppierungen, die oft nicht über das Mandat des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes informiert sind", meint Johnen. "Deshalb versuchen die Kollegen vom Roten Halbmond und auch das Internationale Rote Kreuz, die Kämpfer zu informieren, an welche Grundregeln man sich halten muss."

Doch das kann dauern. Rima Kamal in Damaskus fürchtet, dass die Angriffe auf Ärzte, Krankenhauspersonal und Sanitäter in den nächsten Monaten eher zu- als abnehmen werden. "Solche Attacken werden auf lange Sicht immer mehr Leute abschrecken, anderen zu helfen", meint sie. "Wenn man das eigene Leben aufs Spiel setzen muss, dann werden sich immer weniger Menschen finden, die dieses Risiko in Kauf nehmen." Das Gesundheitssystem in Syrien könnte bald ganz zusammenbrechen.

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