Neue Front im Heiligen Krieg | Nahost | DW | 18.10.2013
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Nahost

Neue Front im Heiligen Krieg

In Syrien verdrängen radikale Islamisten die gemäßigte Opposition. Auch Al-Kaida nahe Organisationen sind auf dem Vormarsch. Unterstützung bekommen sie aus den Golfstaaten. Wie gefährlich sind die Dschihadisten?

Der Aufstand in Syrien verändert sein Gesicht. In vielen Regionen haben mittlerweile islamistische Hardliner die nichtreligiösen oder gemäßigten Rebellen verdrängt. Nach einer neuen Studie des sicherheitspolitischen Fachverlags Jane's sind mittlerweile knapp die Hälfte der rund hunderttausend Oppositionskämpfer Islamisten unterschiedlicher Ausrichtung. Etwa zehntausend von ihnen sind demnach Dschihadisten, die ihren Kampf nach einem angestrebten Sieg in Syrien auch anderswo fortsetzen wollen.

Allerdings ist die Lage in dem Bürgerkriegsland verworren. Zahlen über die Stärke der Widerstandsgruppen sind mit Vorsicht zu genießen, wie Michael Stephens von der britischen Denkfabrik Royal United Services Institut (RUSI) betont. Außerdem sei es schwierig, die einzelnen Kämpfer und Organisationen einer bestimmten Ausrichtung zuzuordnen. Islamisten und Dschihadisten folgen zwar alle einer religiös begründeten Ideologie, können aber sehr unterschiedliche Ziele und Strukturen haben. So gelten viele Islamisten als gemäßigt. "Nur etwa 2000 bis 3000 Extremisten müssen uns wirklich Sorgen bereiten", erklärt Syrien-Experte Stephens im DW-Gespräch.

Dschihadisten streben neues Kalifat an

Als besonders radikal gelten die Anhänger eines weltumspannenden "Heiligen Krieges". Sie wollen nicht nur die Regierung in Damaskus stürzen. Ihr Ziel geht – im Gegensatz zu vielen anderen Islamisten – weit über die Grenzen des Levante-Staates hinaus. Sie wollen Syrien zum Teil eines zukünftigen grenzüberschreitenden Gottesstaates im Mittleren Osten machen. Dafür sind viele Freiwillige aus anderen arabischen Staaten, Europa und Asien gekommen. "Wir wissen, dass einige Hundert aus Nordeuropa sind", sagt Stephens. Es gebe Zellen in Norddeutschland, den Niederlanden und Skandinavien, die Freiwillige über die Türkei ins Kampfgebiet schleusten.

Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee steht am 1.9.2013 in einem zerstörten Haus in Aleppo. (Foto: Reuters)

In vielen Gebieten unter Rebellen-Kontrolle lösen Radikale die gemäßigten Gruppen ab

Die bekannteste unter den Dschihadisten-Organisationen ist die Al-Nusra-Front, die enge Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida haben soll. Sie hat Schätzungen zufolge mehr als 5000 Mann unter Waffen. RUSI-Analyst Stephens hält diese Zahlen jedoch für zu hoch. Außerdem seien nicht alle Al-Nusra-Kämpfer Extremisten. Einige Leute hätten sich nur deshalb der Organisation angeschlossen und sich Bärte wachsen lassen, weil diese besser organisiert und weniger korrupt als andere sei. Die Front soll für zahlreiche Selbstmordattentate und Bombenanschläge verantwortlich sein. Daneben hat der "Islamische Staat in Irak und der Levante" (ISIL) als Dachorganisation kleinerer Gruppen immer mehr an Einfluss gewonnen. Die Organisation gilt ebenfalls als Al-Kaida-Ableger.

Die verschiedenen Dschihad-Gruppen können teilweise auf die gleichen Geldgeber in den reichen arabischen Golfstaaten zurückgreifen, erklärt Paul Salem, Direktor des Nahost-Büros der Carnegie-Stiftung. Dennoch hätten diese Gruppen jeweils ihre eigenen Strukturen. Gemeinsam ist ihnen, anstelle des bisher säkularen Staates einen Gottesstaat anzustreben. In den Gebieten unter ihrer Kontrolle haben die Einwohner bereits einen Vorgeschmack davon. Miliz-Kommandeure spielten sich dort als Richter auf und ließen Hände abhacken und Menschen hinrichten, schildert Salem einige Fälle. Die Frauen würden massiv unterdrückt, wenn auch nicht ganz so schlimm wie unter den Taliban in Afghanistan. Nichtmuslime seien Gewalt ausgesetzt. "Das ist sicher nicht die Art von Islam, die die Muslime in den Städten und anderswo gewöhnt sind und gutheißen", betont der Nahost-Fachmann.

Kritik am Zögern des Westens

Ohne massive Hilfe von außen können die Syrer laut Salem die Dschihad-Kämpfer nicht mehr loswerden. Deshalb wirbt er beharrlich für Waffenlieferungen und Training für die nichtreligiösen Widerstandsgruppen wie die Freie Syrische Armee. Das westliche Zögern, die gemäßigten Rebellen gegen die Regierung in Damaskus aufzurüsten, hält er für gefährlich. "Den Dschihadisten hilft, dass sie der Freien Syrischen Armee vorhalten können: Seht, eure Freunde helfen euch nicht." Dagegen haben die Extremisten offenbar reichlich Geld und Waffen aus privaten und sogar staatlichen Quellen in den Golfstaaten zur Verfügung. Sollte sich das nicht ändern, werde ihr Einfluss weiter wachsen, prophezeit der Mitarbeiter der Carnegie-Stiftung.

Al-Nusra-Kämpfer nahe der syrischen Grenze. Undatiertes Bild aus einem Propagandavideo. (Foto: AP)

Gegen Assad und für den Dschihad: Kämpfer der Al-Nusra-Front

Mit der Kräfteverschiebung in den Reihen der Opposition könnte sich irgendwann auch die Haltung des Westens zum Konflikt ändern. Bislang haben die USA nur mit Luftschlägen gegen das Assad-Regime gedroht. Sollten die Dschihadisten jedoch immer mächtiger werden und auch westliche Interessen bedrohen, hält Salem auch US-Angriffe auf diese Gruppen für denkbar. Washington und die irakische Regierung verhandeln ihm zufolge bereits über die Stationierung von US-Drohnen im Irak. Damit solle Bagdad im Kampf gegen Al-Kaida-Anhänger im eigenen Land unterstützt werden. "Ich könnte mir vorstellen, dass die USA zukünftig auch mit regionalen Mächten und der syrischen Opposition reden, um dasselbe in den syrischen Gebieten zu tun, in denen Al-Kaida und die Al-Nusra-Front aktiv sind."

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