Deutschlands Mindestlohn - nicht so gut, wie er aussieht | Wirtschaft | DW | 02.01.2019
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Datenanalyse

Deutschlands Mindestlohn - nicht so gut, wie er aussieht

Wer Vollzeit arbeitet, sollte nicht arm sein - das soll ein Mindestlohn sicherstellen. Einige europäische Länder erreichen dieses Ziel besser, andere schlechter. Und es sind nicht die, die Sie erwarten.

Deutschland hat einen der höchsten Mindestlöhne in Europa. Wer Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet, verdient hier monatlich rund 1.500 Euro brutto. Und der Satz steigt: Ab heute müssen Arbeitgeber mindestens 9,19 Euro pro Stunde zahlen, 35 Cent mehr als bisher. Oberflächlich betrachtet scheint Deutschland damit innerhalb Europas gut dazustehen. An den Spitzenreiter Luxemburg, mit einem Mindestlohn von knapp 2.000 Euro brutto im Monat, reicht es zwar nicht heran, doch von den unteren Rängen der Liste ist Deutschland weit entfernt.

Aber um zu verstehen, wie es sich mit Mindestlohn tatsächlich leben lässt, reichen diese Ranglisten nicht aus. Für die 22 europäischen Länder, in denen Mindestlohnrichtlinien gelten, hat die DW deshalb das Einkommen analysiert, das Menschen erzielen, wenn sie Vollzeit zum Mindestlohn arbeiten. Basis sind Daten von 2017. In welchen Ländern sind diese Arbeitnehmer von Armut bedroht, obwohl sie Vollzeit arbeiten?

Knapp über der Armutsgrenze

In Deutschland konnte ein alleinstehender Erwachsener ohne Kinder bei dem alten Mindestlohn von 8,84 pro Stunde nach Steuern und Sozialabgaben noch 1.110,50 Euro mit nach Hause nehmen, den Berechnungen der DW zufolge. Das ist nicht viel: Nur 14,50 Euro trennen dieses Einkommen von der offiziellen Armutsschwelle. Als armutsgefährdet gilt ein Mensch laut EU dann, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens seines Landes zur Verfügung hat. Die Armutsschwelle misst also relative Armut: Wer in Deutschland arm ist, ist arm im Vergleich zu einem typischen Deutschen. Im Vergleich zu einem typischen Rumänen hat er oder sie jedoch sogar noch deutlich mehr Geld im Monat zur Verfügung.

Dennoch sagt die Armutsschwelle einiges darüber aus, wo Mindestlohnarbeiter in ihrer Gesellschaft stehen: Wie sehr weicht ihr Einkommen von der typischen Situation in ihrem Land ab? Wie leicht können sie am täglichen Leben teilnehmen und den Lebensstandard aufrechterhalten, der in ihrem Land als normal gilt?

Trotz Erhöhung bleiben Mindestlohnempfänger armutsgefährdet

Die zusätzlichen 35 Cent pro Stunde ändern nicht viel daran, wie armutsgefährdet Mindestlohnempfänger in Deutschland sind:  Bei Vollzeitbeschäftigung ergibt das nach DW-Schätzungen noch um die 35 Euro netto pro Monat zusätzlich, was einen deutschen Arbeitnehmer immer noch kaum über die Armutsschwelle hinaushebt. Vom mittleren Einkommen, also dem, bei dem die eine Hälfte der Bevölkerung mehr und die andere Hälfte weniger zur Verfügung hat, ist man damit weit entfernt.

Datenvisualisierung Mindestlohn vs Armutsgrenze vs mittleres Einkommen

Basis für diese Analyse ist die günstigste Situation, in der sich ein Mindestlohnempfänger befinden kann: Alleinstehend, keine Kinder, Vollzeitarbeit. Außerdem wird vorausgesetzt, dass er alle Sozialleistungen bekommt, auf die er oder sie Anspruch hätte. Was dann monatlich zusammenkommt, wenn Steuern und Sozialabgaben bezahlt sind, nennt man auch das verfügbare Einkommen. Auf dieser Basis berechnet die EU auch die Armutsschwelle.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland dabei weit zurück: Nur Estland und Lettland schneiden noch schlechter ab. Dort gelten selbst Alleinstehende in Vollzeitbeschäftigung bei Mindestlohn als armutsgefährdet. Aber auch in Luxemburg, dem Land mit dem höchsten Mindestlohn Europas, landen Arbeitnehmer kaum über der Armutsschwelle.

Datenvisualisierung Mindestlohn in Europa vs Armutsgrenze

An der Spitze der neuen Liste liegt dafür Rumänien. Die Armutsschwelle des Landes liegt für Einzelhaushalte bei nur 137 Euro pro Monat. Der rumänische Mindestlohn garantiert bei einem Vollzeitjob immerhin fast doppelt so viel. Allerdings steht das Land auch deswegen so scheinbar gut da, weil die Löhne dort ohnehin schon recht niedrig sind, wie Thorsten Schulten, Experte für Arbeitspolitik in Europa bei der Hans-Böckler-Stiftung, erklärt: "In Ländern mit niedrigen Löhnen ist der Mindestlohn, relativ betrachtet, besser als in Ländern mit höherem Lohnniveau." Eine ähnliche Situation, wenn auch nicht so extrem, findet sich in wirtschaftlich schwächeren Ländern wie Griechenland oder Portugal. Absolute Armut ist in Rumänien dennoch weit verbreitet: Fast ein Drittel der Bevölkerung kann es sich laut EU-Daten nicht leisten, abgenutzte Kleider durch neue zu ersetzen.

Deutsche Mindestlohnempfänger zahlen hohe Sozialabgaben

Doch auch einige Länder, in denen die Löhne im Schnitt deutlich höher sind, schneiden besser ab als Deutschland: In Großbritannien zum Beispiel liegt das Mindestlohneinkommen satte 650 Euro pro Monat oberhalb der Armutsgrenze. Tatsächlich liegt es sogar nahe am mittleren Einkommen. Das liegt zu großen Teilen an den hohen Sozialleistungen, auf die Mindestlohnempfänger Anspruch haben: Mit Hilfe von Wohngeld und Lohnzuschüssen sowie niedrigen Steuersätzen kann ein Mindestlohnempfänger sogar mit 300 Euro mehr als dem reinen Brutto-Lohn rechnen. In den Niederlanden ist das ähnlich.

In Deutschland hingegen bekommen Mindestlohnempfänger nichts hinzu, sondern müssen im Gegenteil noch vergleichsweise viel abgeben: Bis zu 300 Euro im Monat können allein durch Sozialabgaben vom Bruttolohn abgehen. Das sei ein Problem für viele deutsche Niedriglohnarbeiter, sagt Barbara Binder, die am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zu Einkommensungleichheit forscht. "Schon bei sehr niedrigem Einkommen sind die Sozialbeiträge in Deutschland sehr hoch. Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich europäische Länder den Unterstützungsbedarf von Mindestlohnempfängern einschätzen."

Aber auch ohne staatliche Unterstützung haben Mindestlohnempfänger in Großbritannien und den Niederlanden noch rund 30 Prozent mehr im Monat zur Verfügung als jemand an der Armutsgrenze. Ein Grund dafür könnte in Großbritannien die "Living Wage Campaign" sein, die die Diskussion um Mindestlöhne dort seit Jahren mitbestimmt. Die "Living Wage Foundation" etwa wirbt bei Unternehmen und Politikern für einen Mindestlohn, der sich an den tatsächlichen Lebenshaltungskosten in Großbritannien bemisst. Derzeit ist der Mindestlohn, wie in vielen europäischen Ländern, an das Verhältnis zum Durchschnittslohn des Landes gebunden. Das Niveau von etwa 10 Euro, das laut der Stiftung ein adäquates Minimum darstellen würde, hat der Mindestlohn noch nicht erreicht. Dennoch hat die Kampagne die Politik beeinflusst: Nach der Erhöhung des Mindestlohns 2016 spricht die britische Regierung nun ebenfalls offiziell vom "National Living Wage".

Wer bekommt Mindestlohn?

Es gibt überraschend wenig Informationen darüber, wer Mindestlohn bekommt und welchen Lebensstandard er garantiert. "Auch in der Forschung wird sich darüber oft gewundert", sagt Barbara Binder vom KIT. Generell ist bekannt, dass Frauen, jüngere Menschen, Menschen mit Behinderungen, ethnische Minderheiten und schlechter ausgebildete Menschen deutlich häufiger schlecht bezahlt werden. Auch in Deutschland sind Mindestlohnempfänger zu 60 Prozent weiblich.

Wer Kinder hat, kommt nicht über die Runden

Wer nicht in Vollzeit ist, hat es noch deutlich schwerer, mit Mindestlohn über die Runden zu kommen. Das sind aber, zumindest in Deutschland, die meisten: Fast die Hälfte der deutschen Mindestlohnempfänger sind "Mini-Jobber", die einige Stunden pro Woche arbeiten, für maximal 450 Euro pro Monat. Weitere 30 Prozent arbeiten in Teilzeit. Für diese Menschen, und insbesondere für Haushalte mit Kindern, ist die Situation deutlich schwieriger: Für alleinstehende Elternteile in Deutschland zum Beispiel ergaben Berechnungen der Regierung, dass Mindestlöhne selbst in Vollzeit nicht annähernd ausreichen, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Und damit ist Deutschland nicht alleine: Eine Familie mit zwei Kindern in Rumänien bräuchte mindestens 710 Euro pro Monat, um alle notwendigen Ausgaben zu decken, wie eine Umfrage der "Clean Clothes Campaign" unter Arbeitern in der Kleidungsindustrie ergab.

Fast die Hälfte der Rumänen erhalten Mindestlohn

Rumänien hat seinen Mindestlohn in den letzten Jahren stark angehoben. Seit 2010 hat er sich in etwa verdreifacht: Ab heute sollen rumänische Arbeitnehmer Anspruch auf mindestens 2.080 rumänischen Leu pro Monat haben, was etwa 447 Euro entspricht. Diese Erhöhungen haben das Einkommen vieler Menschen angehoben, die vorher noch weniger verdient haben.

Rumänien hat mittlerweile den mit Abstand höchsten Prozentsatz an Mindestlohnempfängern in ganz Europa hat: Laut einem Eurofound-Bericht erhielten schon 2017 gut 4 von 10 Beschäftigten den Mindestlohn. Zum Vergleich: In Deutschland traf das zur selben Zeit nur auf 3,6 Prozent aller Arbeitsplätze oder 1,4 Millionen Stellen zu. Auch wenn es auf den ersten Blick besorgniserregend erscheinen mag, ist ein hoher Anteil an Mindestlohnempfängern nicht unbedingt schlecht. In Rumänien zumindest zeigt es an, dass sich die Situation vieler Arbeitnehmer in den letzten Jahren verbessert hat.

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