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GesellschaftDeutschland

Deutschland: Tempel und Moscheen öffnen, Kirchen schließen

5. April 2026

In Deutschland werden reihenweise christliche Kirchen geschlossen. Dafür entstehen mehr andere religiöse Bauten. Die Religion der Menschen aus Indien oder Syrien macht das Stadtbild bunter.

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Foto eines Hindu-Tempels in Berlin: Im unteren Teil des Bildes sieht man Gerüste vor einem Fries, der typisch ist für einen indischen Tempelbau. Darüber erhebt sich 19 Meter hoch, goldfarben angemalt und mit vielen Figuren ein spitzes Dach.
Der künftige Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln, der größte Hindu-Tempel in DeutschlandBild: Christoph Strack/DW

Erlangen ist ein gutes Beispiel. Beim Thema Religion passiert in der 119.000-Einwohner-Stadt im Süden Deutschlands gerade viel. So laufen die Vorbereitungen für den Bau einer neuen Synagoge, der Freistaat Bayern hat ein Grundstück im Bereich der Universität bereitgestellt. Die beiden großen Moscheen der Stadt planen ihre Erweiterung. Und in einem Vorort hat ein engagierter Verein ein Grundstück gekauft, um einen Shiva-Vishnu-Tempel für Hindus zu bauen.

Silvia Klein, die bei der Stadt Erlangen das Büro für Chancengleichheit und Vielfalt leitet, betont die Vielfalt der Kulturen und Sprachen - und der Religionen. Sie verweist mit Blick auf den Tempelbau auf den Verein "Hindu Tempel Franken". Der habe mit Spenden, Eigenmitteln und einem Kredit die Baufläche erworben, spätestens 2027 solle der Bau beginnen.

Viele indische Studierende leben in Erlangen

Klein erläutert, an der Universität gebe es derzeit mehr als 2000 Studierende aus Indien. Die indische Gemeinschaft sei die größte nicht-deutsche Bevölkerungsgruppe in Erlangen.

Erlangen ist ein Beispiel dafür, wie religiöse Vielfalt in Deutschland baulich sichtbar wird. Natürlich gibt es weiter die etablierten Kirchen: katholische und evangelische Gotteshäuser, eine griechisch-orthodoxe und eine russisch-orthodoxe Gemeinde.

Im Kirchenraum haben sich rund 100 Mitglieder der koptisch-orthodoxen Gemeinde in Erlangen versammelt. Im Zentrum sitzt der Bischof mit einer hohen Kopfbedeckung neben dem Pfarrer der Gemeinde. An den Wänden hängen eher dunkle Bilder, die man nicht erkennen kann
Gruppenbild nach einem Gottesdienst in der koptisch-orthodoxen Kirche in Erlangen. In der Mitte steht mit einer hohen Bischofsmütze auf dem Kopf der Bischof Anba Deuscoros Bild: Ragai Matta/Koptisch-Orthodoxe Gemeinde Erlangen

Vor gut drei Jahren übernahm die koptische Kirche im Stadtteil Bruck ein katholisches Gotteshaus. Aus "St. Peter und Paul" wurde die "Koptisch-Orthodoxe Kirche der heiligen Maria und der heiligen Apostel". Der koptische Diakon Ragai Edward Matta sagt der DW: "Früher hatten wir 18 Familien mit 50 oder 60 Mitgliedern, heute sind es an die 60 Familien mit gut 200 Personen". Tendenz steigend. Zudem gehörten rund 40 Studierende zur Gemeinde.

Die großen christlichen Kirchen in Deutschland dagegen schrumpfen. Noch vor wenigen Jahren bekannte sich über die Hälfte der Deutschen zu einer der Großkirchen. Aktuell gehören noch rund 36,6 Millionen Deutsche zur katholischen oder evangelischen Kirche. Das sind etwa 44 Prozent der 83,5 Millionen Menschen in Deutschland. Immer häufiger werden nun katholische oder evangelische Kirchen geschlossen, umgenutzt, verkleinert. 

Im oberen Teil des Bildes erkennt man an den bläulichen Fenstern, dass dies ein Kirchenbau aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. Unten im erkennbaren früheren Kirchenraum stehen nun viele Dutzend Fahrräder aufgereiht, wie in einem Fahrradgeschäft üblich
In Jülich westlich von Köln wurde aus einer ehemaligen katholischen Kirche ein FahrradgeschäftBild: Toms Bike Center

"Deutschland wird gottloser" oder "Mehr Konfessionslose als Kirchenmitglieder" - solche Überschriften finden sich in Medien. Aber stimmt das? Allein mehr als 5,3 Millionen Menschen im Land - so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2020) - sind Muslime.

Nach einer Erhebung der Evangelischen Kirche von 2024 leben 3,8 Millionen Orthodoxe in Deutschland. Hinzu kommen Juden, Buddhisten, Bahai - und eine wachsende Zahl von Hindus. Statistisch gibt es für all diese Gruppen nur Schätzungen, keine genauen Zahlen.

Religiöse Neubauten im deutschen Stadtbild 

Klar ist: Beim Thema Religion wird das Stadtbild in Deutschland bunter. Konkret schlägt sich das in Neubauten nieder. Wie viele es genau sind, lässt sich kaum erfassen. Im Sommer 2024 eröffneten buddhistische Nonnen in Berlin-Mitte einen repräsentativen neuen Tempel. Mittlerweile gibt es bundesweit rund 20 buddhistische Klöster.

Im Juni 2026 eröffnet in Berlin der größte Hindu-Tempel des Landes. 2004 begannen Privatleute mit der Planung. "Wir sind eine wachsende community", sagt Vilwanathan Krishnamurthy der DW, der das Projekt von Anfang an vorantrieb. Von 2014 auf 2024 hat sich die Zahl der Einwohner Berlins mit indischer Staatsangehörigkeit nach offiziellen Angaben mehr als verzehnfacht auf mehr als 41.000.

Vilwanathan Krishnamurthy steht neben einer bunten Götterfigur vor dem entstehenden Sri-Ganesha-Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln.
Vilwanathan Krishnamurthy vor dem entstehenden Sri-Ganesha-Hindu-Tempel in Berlin-NeuköllnBild: Christoph Strack/DW

Krishnamurthy betont die Bedeutung des Tempels: "Es gibt die Sehnsucht nach einem religiösen Zentrum, in dem sich die jungen Leute treffen können." So seien manche Eltern in Indien durch dieses Angebot beruhigt und sorgten sich weniger um ihre Kinder in der Ferne.

Beim Tempel in Erlangen arbeiten einige der Engagierten als Ingenieure oder Manager, zum Beispiel bei Siemens. In Berlin gehört des öfteren Amazon zu den Arbeitgebern. Bei beiden Tempeln wuchs in den vergangenen Jahren das Spenden-Aufkommen.

Die Errichtung von Hindu-Tempeln häuft sich. Allein in Frankfurt am Main gibt es mehr als ein halbes Dutzend kleinerer Tempel-Räume. Auch in Köln, Hamburg, München und in Berlin gibt es jeweils mehrere. Sie stehen für unterschiedliche religiöse Strömungen und Identitäten, etwa von Indern, Tamilen oder Afghanen.

Auch Moscheen werden in Deutschland neu errichtet. "Im letzten Jahr wurden die Moscheen in Voerde, Kornwestheim und Köngen fertig gestellt und geöffnet", teilt die Pressestelle von DITIB schriftlich mit, der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion". Zudem seien in Gießen und Willich Grundsteine für Moscheebauten gelegt worden.

An einer Straßenkreuzung steht ein knapp 20 Meter hoher Rohbau, von Gerüsten umgeben. Man erkennt auf dem Dach die Rundung der Kuppel. Auch 2026 ist diese moschee noch im Bau.
Seit knapp zehn Jahren im Bau - und immer noch eine Baustelle: Die künftige DITIB-Moschee in Krefeld (hier ein Foto von März 2023) Bild: Christoph Strack/DW

Zur DITIB gehören nach eigenen Angaben in Deutschland 862 Moscheegemeinden. Sie unterstehen direkt dem Präsidium für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) in Ankara, das dem türkischen Präsidenten zugeordnet ist. Mancher Neubau scheint ins Stocken zu kommen. So bleibt die geplante Moschee in Krefeld, einst als drittgrößte Moschee in Deutschland angekündigt, seit Jahren eine Baustelle.

Interessierte Besucher in der Moschee

Auch die aus Pakistan stammende und dort verfolgte Ahmadiyya-Gemeinschaft eröffnet jedes Jahr mehrere Moscheen in Deutschland, zuletzt im Februar in Erfurt. Sie betont ihre Offenheit und setzt stärker als DITIB auf die deutsche Sprache. Im Dezember 2025 sei in Nordhorn ein Bau eröffnet worden, in Husum in Norddeutschland liefen die Arbeiten, sagt Suleiman Malik der DW. Er ist Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde Erfurt. Nicht immer seien es Neubauten, gelegentlich übernehme man auch Bauten aus kirchlicher Trägerschaft.

In Erfurt hatte es gegen den Rohbau der Moschee Drohungen und Attacken gegeben. Nun berichtet Malik, dass er fast jeden Tag Besuchergruppen durch den Komplex führe, die sehr interessiert seien, Schulklassen ebenso wie Senioren.

Zu den Moscheen, die boomen, zählt auch die eigenständige "Friedensmoschee" in Erlangen, die eine Erweiterung vorantreibt. Wer sie besucht, erlebt Beter aus verschiedenen muslimischen Kulturkreisen und Predigten in deutscher Sprache.

Mehr Synagogen und eine "Jüdische Akademie" in Deutschland

Auch auf jüdischer Seite gibt es aktuelle Bauvorhaben. Mit den neuen Synagogen in Magdeburg (eröffnet 2023) und Potsdam (eröffnet 2024) gibt es nun jüdische Gebetsstätten in allen deutschen Landeshauptstädten. Weitere Bauten sollen folgen. In Erlangen rückt der Neubeginn näher. In Berlin will die Chabad-Gemeinde ihre Synagoge deutlich erweitern. Auch mehrere liberale jüdische Gemeinden, etwa in München und Berlin, arbeiten an Bauplänen.

Der Entwurf zeigt rechts ein Hochhaus, eines der vielen Hochhäuser in Frankfurt am Main. Im Zentrum des Bildes steht der in weiß gehaltene und zum Teil modern versetzte Neubau, der in einen kleineren Altbau übergeht.
Alt und neu verbunden: So soll die künftige Jüdische Akademie in Frankfurt am Main aussehen mit einem modernen Neubau und einer alten VillaBild: Zvonko Turkali Architekten

Zugleich läuft ein Bauprojekt, das in besonderer Weise für die jüdische Präsenz in der Gesellschaft steht. In der Frankfurter Innenstadt soll im November 2026 die "Jüdische Akademie" ihre Pforten öffnen. Sie besteht aus einer denkmalgeschützten alten Villa und einem modernen Neubau mit Bauhaus-Elementen.

"Die Akademie wird sicher bundesweite Bedeutung haben", sagt Co-Direktor Doron Kiesel der DW. Er spricht von einem Haus der interdisziplinären und interkulturellen Begegnung von jüdischen und nicht-jüdischen Teilnehmern. Die bauliche Verschränkung zwischen alt und neu bringe die Philosophie des Hauses zum Ausdruck: "Wir bauen unsere Identität auf jüdischen Erfahrungen, Traditionen und Überzeugungen auf und richten unseren Blick auf zukünftige Entwicklungen, Herausforderungen oder Zumutungen."

Die Zahl orthodoxer Gemeinden in Deutschland steigt

Schließlich gilt: Selbst wenn die sogenannten Großkirchen, die 27 römisch-katholischen Bistümer und die Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sich baulich verkleinern, werden trotzdem noch Kirchen gebaut.

Die Zahl orthodoxer Gemeinden in Deutschland wächst. Nicht immer bleibt es bei der Übernahme eines nicht mehr genutzten anderen Gotteshauses oder Klosters. Auch die Zahl der Neubauten steigt. Im hessischen Butzbach öffnete im Juni 2024 die "St. Petrus & Paulus Gemeinde". Es ist europaweit die erste neuerbaute Kirche der "Antiochenisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und Mitteleuropa". Es sind Christen, die überwiegend aus dem heutigen Syrien stammen.

Egal ob orthodoxe Gemeinden in syrischer, griechischer oder russischer, rumänischer oder serbischer Tradition: Viele übernehmen leerstehende Kirchenbauten in Deutschland. Das gilt für Serben, die seit wenigen Monaten in Oberbachem bei Bonn in einer katholischen Kirche beten oder in Himmelsthür bei Hildesheim einen früheren Klosterkomplex sanieren, oder auch für syrische Christen, die in verschiedenen Teilen des Landes Gotteshäuser übernehmen, in Berlin sogar mehrere.

Wer neu baut, lernt die Tücken deutschen Baurechts kennen. In Vilshofen an der Donau, im Südosten Deutschlands, will die rumänisch-orthodoxe Kirche ein Gotteshaus bauen. Seit knapp drei Jahren, so berichtet Pater Marius Jidveian der DW, liege der Bauantrag im Landratsamt. Die Gemeinde, zu der rund 300 Familien zählten, warte auf eine Rückmeldung. Viele seien enttäuscht über die Verzögerung.

Kirchen jenseits der Großkirchen 

Auch traditionelle christliche Gemeinden, die nicht zu den Großkirchen zählen, bauen. Die alt-katholische Kirche errichtete vor gut zehn Jahren in Augsburg die Apostelin-Junia-Kirche, einen geradezu spektakulären Neubau. Auf evangelischer Seite eröffnen freikirchliche Gemeinden viele neue Bauten.

In Berlin-Wedding steht in einem der engen Höfe ein moderner Kirchenbau. Deutlich erkennbar ist die neue Verkleidung in Anthrazit und Grau, am Giebel prangt ein Kreuz, an zwei Stellen auf dem Dach sieht man Ziegelstein-Türmchen eines früheren Altbaus.
Die Baptistenkirche im Berliner Stadtteil WeddingBild: Christoph Strack/DW

Sowohl der "Bund evangelischer Freikirchen (Taufgesinnte Gemeinden)" (BEFTG) als auch der der "Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden" (BEFG) verweisen auf mehrere aktuelle Bauprojekte. Ein Beispiel: Im Berliner Wedding wurde bis 2024 aus einem alten Backsteingebäude eine moderne Baptisten-Kirche.

Auch neuapostolische Gemeinden bleiben aktiv. In der Bonner Innenstadt bezog die neuapostolische Gemeinde 2025 einen schlichten, doch auffallenden "Sakralbau".