Internationale Studenten aus der Ukraine fürchten um ihre Aufenthaltserlaubnis | Deutschland | DW | 10.08.2022
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Deutschland

Internationale Studenten aus der Ukraine fürchten um ihre Aufenthaltserlaubnis

Flüchtlinge aus der Ukraine können in Deutschland eine zweijährige Aufenthaltserlaubnis beantragen. Doch dieser Weg steht nicht allen offen.

Die aus der Ukraine geflüchtete Studenten Xavier und Ikem stehen auf einem Platz, der von Bäumen gesäumt ist

Die nigerianischen Studenten Xavier (links) und Ikem sorgen sich um ihre Zukunft

Als Marvin 2018 in der ostukrainischen Stadt Dnipro ankam, um sein Studium des Bauingenieurwesens zu beginnen, glaubte er, endlich seinen Traum verwirklichen zu können. "Ich war überglücklich", sagt er der DW. Seine Mutter habe Tränen der Freude geweint. "Denn das war etwas, das unmöglich erschien." Marvin, der in Sierra Leone mit wenig Geld aufgewachsen war, hatte jahrelang gespart und sich durch ein teures und langwieriges Visumsverfahren gekämpft, um in der Ukraine zu studieren. 

Diesen Monat hätte er seinen Abschluss machen sollen - eigentlich. Doch als Ende Februar der Krieg ausbrach und russische Bomben auf Dnipro fielen, beschloss Marvin zu fliehen. Jetzt in Berlin fühlt er sich wie in einem Vakuum. Während ukrainische Staatsbürger im Schnellverfahren durch das deutsche Einwanderungssystem geschleust werden, ist die Situation für viele geflohene Drittstaatsangehörige wie internationale Studenten komplizierter. Den meisten bleiben nur noch wenige Wochen, um eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland zu beantragen.

Tausende von internationalen Studenten betroffen

Die Zahl der internationalen Studierenden ohne ukrainische oder EU-Staatsbürgerschaft, die nach ihrer Flucht aus der Ukraine ihr Studium in Deutschland fortsetzen wollen, geht nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in die "Tausende".

Nun werden die Forderungen lauter, sie genauso zu behandeln wie diejenigen mit ukrainischen Pässen. Dank einer EU-weiten Richtlinie können nach Deutschland geflüchtete Ukrainer bis zum 31. August eine befristete Aufenthaltserlaubnis für zunächst zwei Jahre beantragen. Sie erlaubt es ihnen, zu arbeiten, zu studieren und Sozialleistungen zu beziehen. Das Gleiche gilt für "Drittstaatsangehörige", die mit einem ukrainischen Staatsbürger verheiratet sind oder in einer langfristigen Partnerschaft mit ihm leben sowie für Menschen, die in der Ukraine als Flüchtlinge anerkannt worden sind, oder für Menschen, die nicht sicher in ihr Heimatland zurückkehren können, insbesondere für Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea.

Die meisten anderen können sich nur bis Ende August ohne Visum in Deutschland aufhalten. Danach müssen sie eine reguläre Aufenthaltserlaubnis beantragen. "Die deutsche Regierung scheint bewusst zu vergessen, dass der Krieg keinen Unterschied macht, wer betroffen ist und wer nicht", sagt Xavier, ein 25-jähriger Nigerianer, der im ersten Semester in Charkiw Jura studierte.

Marvin empfindet die Regeln für Nicht-Ukrainer als diskriminierend, als Fortsetzung des Rassismus, den er auf der Flucht erlebt habe. "Das habe ich nicht erwartet, vor allem nicht in einem Land wie Deutschland mit seiner Geschichte. Das ist wirklich enttäuschend für ein Land, das sich Demokratie und Menschenrechte für alle auf die Fahnen geschrieben hat."

In einer E-Mail an die DW wies das deutsche Innenministerium den Vorwurf der Diskriminierung von Drittstaatsangehörigen, die aus der Ukraine geflohen sind, zurück und verwies darauf, dass die unterschiedliche Behandlung EU-Anforderungen entspreche.

Presseveranstaltung von BIPOC Ukraine & Friends: Vertreter der Kampagnengruppe sitzen an einem Tisch, über den ein Transparent gehängt ist, auf dem ihre Forderung steht: Section.24 for all

Die Kampagnengruppe "BIPOC Ukraine & Friends" in Deutschland fordert für Drittstaatsangehörige, die aus der Ukraine geflohen sind, die gleichen Rechte, die für geflüchtete Ukrainer gelten.

Hohe Hürden für ein Studentenvisum

Studenten wie Marvin und Xavier haben die Möglichkeit, in Deutschland ein Studentenvisum zu beantragen. Dafür müssen sie jedoch zunächst an einer Universität angenommen werden und rund 10.000 Euro auf einem gesperrten Bankkonto nachweisen, um zu zeigen, dass sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Die meisten Universitätskurse in Deutschland erfordern außerdem gute Deutschkenntnisse und ein entsprechendes Zertifikat.

Von "Gleichbehandlung für alle Drittstaatsangehörigen, die in Deutschland studieren wollen", schreibt das Innenministerium der DW. Doch für viele der aus der Ukraine geflüchteten internationalen Studierenden ist es einfach nicht möglich, diese Anforderungen in so kurzer Zeit zu erfüllen.

Ukrainer finden Zuflucht an ausländischen Universitäten

Marvin hat sich bereits an mehreren deutschen Universitäten beworben, die englischsprachige Ingenieurstudiengänge anbieten. Obwohl er aus Sierra Leone stammt, wo Englisch die Amtssprache ist, musste er 235 Euro bezahlen, um einen Sprachtest als Teil seiner Bewerbung abzulegen. Er ist jedoch besorgt, dass er aufgrund fehlender Ersparnisse kein Visum erhalten könnte, selbst wenn er einen Studienplatz bekommt. Er ist der Meinung, dass auf die Forderung nach einem Sperrkonto für Menschen in seiner Situation verzichtet werden sollte. "Wäre es unter normalen Umständen gewesen. Ich hätte es verstanden. Aber jetzt ist es kein normaler Umstand. Meine ganze Hoffnung liegt darin, ein Stipendium zu erhalten."

Ähnlich geht es Christina (Name geändert), einer 21-jährigen Studentin der Luft- und Raumfahrttechnik aus Tansania, die in Charkiw studierte. "Meine Eltern hatten einen kleinen Geldbetrag, den sie für ein erschwingliches Land wie die Ukraine gespart haben, und in Deutschland braucht man ein Sperrkonto", sagt sie und bricht in Tränen aus. "Es ist sehr schwer für mich. Ich weiß nicht, was ich tun soll."

Aus der Ukraine geflüchtete Studenten steht auf einem von Bäumen gesäumten Platz

Christina aus Tansania wartet auf das Ende des Krieges

"Keine Zukunft" zu Hause

Christina träumt davon, Avionik-Ingenieurin zu werden und schließlich eine Ausbildung zur Pilotin absolvieren zu können. Sie sagt, dass ihre Familie, die über viele Jahre hinweg nach und nach rund 5000 Euro für ihre Ausbildung gespart hat, darauf wartet, dass sie Erfolg hat. "Ich kann nicht mit leeren Händen zurückkehren. Die Leute erhoffen sich viel von mir. Also kann ich nicht einfach nach Tansania zurückkehren. Ich muss für das kämpfen, was ich verloren habe."

Der zwanzigjährige Medizinstudent Ikem sagt, dass für ihn eine Rückkehr nach Nigeria ebenfalls nicht in Frage käme und dass sein Heimatland nicht sicher sei. "Es gibt viele Ritualmorde, viele Entführungen und viel Kriminalität, es ist wirklich hart. Wenn Sie mich jetzt zurück nach Nigeria bringen würden, wüsste ich nicht, wo ich hin sollte. Es gibt überhaupt keine Zukunft."

Ikem hat versucht, sein Studium online fortzusetzen. Aber die Situation ist schwierig. "Meistens versäumen die Professoren den Unterricht, weil sie etwas zu erledigen haben. Einige von ihnen werden in den Krieg an die Front geschickt", sagt er. "Und dann verlangt die Universität immer noch Geld, so dass wir immer noch für eine ungewisse Zukunft bezahlen müssen."

Die nigerianische Ärztekammer hat angekündigt, dass sie die von ukrainischen Universitäten ausgestellten medizinischen Abschlüsse ab 2022 nicht mehr anerkennen wird, da viele Kurse seit Ausbruch des Krieges ins Internet verlagert wurden. Wie Christina kämpft auch Ikem darum, von seiner Universität in der ukrainischen Stadt Winnyzja die Dokumente zu bekommen, die er für einen Wechsel in ein anderes Land benötigt. "Sie wollen keine Studenten verlieren, also halten sie die Abschriften zurück", sagt er der DW.

Ukraine-Konflikt - Flüchtlinge in Hamburg

Viele People of Color berichteten, dass sie auf der Flucht aus der Ukraine Diskriminierung erfahren haben

Befristete Genehmigungen in Hamburg und Bremen

Hamburg und Bremen bilden in Deutschland eine Ausnahme. Die beiden Stadtstaaten bieten internationalen Studentinnen und Studenten, die aus der Ukraine geflohen sind, eine sechsmonatige befristete Aufenthaltsgenehmigung ab dem Zeitpunkt ihrer Registrierung. So haben sie Zeit, sich hier für ein Studium zu bewerben und Deutsch zu lernen. Einige internationale Studierende, die aus der Ukraine geflohen sind, sind deshalb aus anderen Teilen Deutschlands in diese Städte gezogen.

Viele sind aber auch der Meinung, dass sechs Monate nicht ausreichen, um ihr Leben hier neu zu beginnen. "Man kann in sechs Monaten wahrscheinlich nicht alles bekommen, was man zum Leben braucht", argumentiert der Jurastudent Xavier, der vorerst in Berlin bleibt. "Deshalb bitte ich auch um zwei Jahre, so wie alle anderen es bekommen haben. So wie die Ukrainer es bekommen haben."

"Gebt mir einfach eine Chance"

Ikem ist fest entschlossen, sein Medizinstudium zu beenden. "Mein Ziel ist es, Menschen zu helfen und etwas in der Welt zu bewirken." Er sagt, dass er überall dorthin gehen wird, wo er die Chance bekommt, sein Studium fortzusetzen. "Ich möchte einfach nur Arzt werden. Das ist es, was ich werden will."

Obwohl es derzeit unwahrscheinlich erscheint, hoffen die Betroffenen, dass die Bundesregierung die Bedingungen für ukrainische Flüchtlinge auf Drittstaatsangehörige wie sie ausweitet - oder dass andere Städte in Deutschland dem Beispiel von Hamburg und Bremen folgen und ihnen zumindest mehr Zeit geben. "Wäre der Krieg oder die anhaltende Krise in der Ukraine nicht gewesen, wären wir jetzt nicht hier", sagt Marvin der DW. "Ich bin nicht einmal an Sozialleistungen interessiert. Gebt mir einfach eine Chance und schaut, was ich aus eigener Kraft schaffen kann."

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.

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