Der US-Handelsstreit wird zum Eigentor | Wirtschaft | DW | 23.07.2018
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Handelskonflikt

Der US-Handelsstreit wird zum Eigentor

Die Konflikte zwischen den USA und ihren Handelspartnern eskalieren. US-Unternehmen fürchten, Schaden zu nehmen. Deswegen versuchen sie, den Zöllen durch eine Hintertür zu entkommen, ohne Trump zu verärgern.

Ausgerechnet Ivanka Trump könnte bald unter der Handelspolitik ihres Vaters leiden. Denn der US-Präsident plant ab September Strafzölle von zehn Prozent unter anderem auf aus China importierte Handtaschen und Bekleidung - also genau jene Produkte, mit denen die First Daughter ihr eigenes Modegeschäft aufgebaut hat. Was ihr jetzt zum Verhängnis wird: Der Großteil der Waren, die unter ihrem Label vermarktet werden, wird in China hergestellt.

Der protektionistische Kurs Donald Trumps hat derweil Gegenzölle bei den Handelspartnern der USA provoziert. Gegen die wiederum legen die USA nun Beschwerde bei der Welthandelsorganisation (WTO) ein. "Wir haben uns in einer Abwärtsspirale festgefahren”, sagt David Kotok, Gründer der Vermögensverwaltung Cumberland Advisors. Der "Handelskrieg" habe begonnen.

Es trifft auch US-Unternehmen

Trump hat seit seinem Wahlkampf versprochen, angeschlagenen US-Industrien unter die Arme zu greifen. Die sah er als Opfer unfairer Handelspraktiken. Doch nun spüren bereits die ersten US-Unternehmen negative Folgen von Trumps Handelspolitik. "In einer globalisierten Wirtschaft gibt es keine Gewinner eines Handelskrieges”, sagt Kotok.

 Ivanka Trump Collection in New York (picture alliance/abaca/D. Van Tine)

Prominentes Opfer des US-Handelsstreits? Präsidententochter und Modeunternehmerin Ivanka Trump

Vor allem multinationale Konzerne mit internationalen Lieferketten sind betroffen, und das gleich zweifach. Einerseits werden ihre Produkte im Ausland durch Gegenzölle teurer und weniger attraktiv im Vergleich zu den Waren heimischer Wettbewerber. Betroffen sind davon bereits Whiskey, Jeans und Motorräder amerikanischer Hersteller in der EU. Seit dem 1. Juli greifen auch die kanadischen Zölle auf Warenimporte im Wert von 16,6 Milliarden US-Dollar (14,2 Milliarden Euro) und haben neben Stahl und Aluminium aus den USA auch Konsumgüter wie Kaffee verteuert. In China alleine sind 545 amerikanische Güter betroffen, darunter Sojabohnen, Mais und Autos. Ein Tesla würde in China so 20.000 Dollar mehr kosten, rechnete das Magazin Quartz aus.

US-Unternehmen produzieren teurer und Konsumenten bezahlen es

Gleichzeitig steigen auch die Produktionskosten für heimische Unternehmen, die Rohstoffe wie Stahl oder Aluminium bislang aus dem Ausland importiert haben. Die Kosten, erklärt Kotok, würden in vielen Fällen an Händler und Konsumenten weitergereicht. Betroffen sind US-Ikonen wie der Lebensmittelkonzern Campbell Soup und Getränkeriesen wie Coca Cola und MillerCoors. Die Hersteller selbst warnen vor den negativen Effekten. Es gebe schlicht nicht genug amerikanisches Aluminium, um die Nachfrage zur Herstellung von Getränkedosen zu decken, schrieb der Bierbrauer MillerCoors auf Twitter. "Als Folge dieser fehlgeleiteten Strafzölle werden am Ende amerikanische Arbeiter und Konsumenten leiden.” Spätestens mit der jüngsten Runde an Zöllen gegen Konsumgüter aus China trifft die Regierung die US-Verbraucher direkt.

Die US Wirtschaft könnte leiden

Langfristig wird Trump so der amerikanischen Wirtschaft schaden, sagen Ökonomen. Die Finanzanalysefirma Moody Analytics rechnete jüngst bereits bis zum nächsten Sommer mit 700.000 verlorenen Arbeitsplätzen. Das Wirtschaftswachstum werde zurückgehen und wegen steigender Verbraucherpreise werde die Inflation anziehen, glaubt Ökonom Kotok. "Die Folgen werden sich frühestens in den nächsten drei bis neun Monaten in den Daten abzeichnen”, sagt Kotok.

Jamie Dimon (Reuters)

JP Morgan Chase-Chef Jamie Dimon: "Die Zölle werden mehr Schaden anrichten als helfen”

Entsprechend gibt es Gegenwind aus Politik und Wirtschaft. Eine der größten Lobbygruppen in Washington, der Business Roundtable, warnte vor wenigen Wochen, die Handelspolitik des Weißen Hauses werde die belebende Wirkung der Steuerreform "sabotieren”. Jamie Dimon, Vorsitzender der Lobby und CEO der Investmentbank JP Morgan Chase, sagte Reportern: "Die Zölle werden mehr Schaden anrichten als helfen.”

Doch bislang beziehen nur wenige Unternehmen öffentlich Stellung. "Die Angst, Trump vor den Kopf zu stoßen, ist groß,” sagt Kotok. In der Vergangenheit habe Trump Aktien mit einem einzigen Tweet auf Sinkflug geschickt. Der Motorradhersteller Harley Davidson zog erst vor wenigen Wochen den Zorn Trumps auf sich, als er ankündigte, einen Teil der Produktion ins Ausland zu verlegen, um den Gegenzöllen der EU zu entgehen.

Unternehmen stellen Anträge auf Ausnahmen

Die Mehrheit der US-Unternehmen versucht deshalb, hinter den Kulissen die Folgen der Zölle für das eigene Geschäft abzufedern. Mehr als 26.000 Firmen haben beim US-Handelsministerium Anträge gestellt, von den Zöllen auf importierte Rohstoffe ausgenommen zu werden. Die Regierung musste eingestehen, durch die hohe Zahl bei der Bearbeitung hinterherzuhinken. Gerade mal 98 Anträge seien bearbeitet, erklärte Handelsminister Wilbur Ross in einer Anhörung Ende Juni. Mittlerweile, so teilte das Handelsministerium der Nachrichtenagentur Reuters mit, seien bis zum 20. Juli von knapp 26.500 Anträgen 267 genehmigt und 452 abgelehnt worden.

Die Unternehmen, so der Demokrat Ron Wyden, selbst Mitglied des Finanzkomitees im Senat, befänden sich in einer Grauzone, von der sie nicht wüssten, "ob sie ihr jemals entkommen”.

Vor allem kleinere Unternehmen werden leiden, sagt Wyden. Denn die können sich einen Anwalt nicht leisten, der für sie in dieser Angelegenheit kämpft. Und selbst wenn - der größte Teil der Anträge werde ohnehin abgelehnt. "Ohne jegliche Kompetenz und vollkommen chaotisch läuft das ab”, sagt Claire McCaskill, eine Demokratin aus dem Bundesstaat Missouri. So werde ohne nachvollziehbare Grundlage entschieden, wer von den US-Unternehmen verliert und wer gewinnt.

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