Der Gipfel und der Geist von Greta | Wirtschaft | DW | 03.11.2019
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22. Tourismusgipfel

Der Gipfel und der Geist von Greta

Am Montag tagt in Berlin der Tourismusgipfel: Das Motto "Tourismus in Zeiten des (Klima-)Wandels" beschäftigt Vertreter von Politik und Wirtschaft. Mittendrin, obwohl gar nicht dabei: Klima-Aktivistin Greta Thunberg.

Als die schwedische Schülerin und Initiatorin der "Fridays for Future"-Kampagne Greta Thunberg für eine Reise nach Amerika nicht das Flugzeug bestieg, sondern auf einem Segelboot über den Atlantik fuhr, nahm das Thema "emissionsfreies Reisen" in der öffentlichen Diskussion einen sehr breiten Raum ein.

Dabei erreichte es auch die Tourismusindustrie, deren Geschäft zu einem erheblichen Teil darin besteht, viele Menschen über große Entfernungen zu transportieren. So steht beim diesjährigen, dem 22. Berliner Tourismusgipfel nicht von ungefähr der Klimawandel im Fokus.

Flugscham ist vorläufig eine Glaubensfrage

Schon bevor sich Greta Thunberg wie ihre Wikinger-Vorfahren vor rund 1000 Jahren auf einem Segelboot in Richtung Amerika aufgemacht hatte, kamen aus Schweden Meldungen, dass immer mehr Menschen ebenfalls aufs Fliegen verzichten wollten. Und natürlich gab es dafür auch sofort ein medientaugliches Schlagwort: Flugscham.

Atlantiküberquerung von Klimaaktivistin Greta Thunberg (picture-alliance/dpa/K. Wigglesworth)

"Seglerin" Greta Thunberg. Obwohl in Berlin gar nicht dabei, bestimmt sie doch die Agenda des Tourismusgipfels.

Doch ob es die wirklich gibt, ist umstritten. Auch Torsten Schäfer ist sich da nicht sicher. Schäfer ist Leiter der Kommunikation beim Deutschen Reiseverband (DRV). Die Branchenvereinigung vertritt die Interessen von Unternehmen der Reisebranche unter anderem gegenüber der Politik. Auf keinen Fall könne man, sagte er gegenüber DW, das an Zahlen festmachen, denn "um das zu beurteilen ist es noch deutlich zu früh."

Die Branche, so Schäfer, rechne in größeren Maßstäben: "Die meisten Deutschen buchen ihren Jahresurlaub schon lange im Voraus. In den Buchungen für dieses Jahr hat das noch nicht die große Rolle gespielt." Erst im nächsten oder übernächsten Jahr könne man die Flugscham mit Zahlen belegen - oder eben nicht.

Auch die Generaldirektorin der Fluggesellschaft Air France, Anne Rigail, hatte in einem Interview mit der Zeitung "Le Parisien" am 1. Oktober gesagt, sie könne Berichte über die Auswirkungen der Flugscham nicht bestätigen. Der aktuelle Rückgang bei den Buchungen sei "nicht hoch genug", um eindeutige Ursachen feststellen zu können.

Es wird weiter geflogen

Ein Medienbericht lässt allerdings vermuten, dass es zurzeit wenigstens in Deutschland keine Flugscham gibt. Am 9. Oktober hatte die "Rheinische Post" gemeldet, dass die Zahl der Flugpassagiere in Deutschland weiter gestiegen sei. Das hätten Luftverkehrsdaten des Statistischen Bundesamtes ergeben.

Demnach gab es im deutschen Luftverkehr in jedem Monat seit August 2018 steigende Passagierzahlen gegenüber dem entsprechenden Vorjahresmonat. In den zwölf Monaten von August 2018 bis Juli 2019 seien von Deutschland aus rund 125,1 Millionen Flugpassagiere gestartet. In den zwölf Monaten von August 2017 bis Juli 2018 seien es dagegen 119,4 Millionen gewesen.

Die Forderungen an die Politik

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft, Michael Frenzel, hatte bereits beim letztjährigen Tourismusgipfel im vergangenen November "faire Wettbewerbsbedingungen" gefordert. Traditionellen Unternehmen würden oft immer noch strengere Vorgaben gesetzt als der digitalen Konkurrenz. Das klassische Reisebüro-Geschäft gerate gegenüber den Anbietern im Internet immer mehr ins Hintertreffen.

Die Branche fordert von der Politik außerdem seit langem Entlastungen, etwa bei der Bürokratie und im Arbeitsrecht. Sie verlangt eine Flexibilisierung der Arbeitszeitgesetze. Die starre tägliche Höchstarbeitszeit im Arbeitszeitgesetz sei nicht zeitgemäß, hatte Frenzel bereits beim 21. Tourismusgipfel beklagt.

Spanien Touristen in Valencia (picture alliance/dpa/epa/M. Bruque)

Das Brotgeschäft der Reiseveranstalter: Sommer, Sonne, Strand und ganz, ganz viele Touristen.

Tourismus als Wirtschaftsfaktor - und zwar global

Der DRV mahnt in den Worten von Torsten Schäfer beim Thema "Klimawandel" Augenmaß an. Denn "der Verzicht auf Reisen als Grundfreiheit" sei aus Sicht der Reiseveranstalter "keine Lösung. Wir alle profitieren vom Tourismus, wir wollen alle Urlaub machen, wir wollen die Welt erkunden."

Radikale Lösungen würden nicht nur Jobs in Deutschland gefährden - laut Branchenverband hingen am Tourismus insgesamt rund drei Millionen Arbeitsplätze. Auch global seien Arbeitsplätze und Existenzen in Gefahr: "Manche Länder sind abhängig vom Tourismus. Und wenn dieser Wirtschaftszweig wegbrechen würde, würde die Lebensgrundlage vieler Menschen wegfallen."

DRV-Pressesprecher Torsten Schäfer führt dafür eine Zahl ins Feld, die die Bedeutung der Branche belegen soll: "15 deutsche Reisende unterstützen zum Beispiel einen Arbeitsplatz in Entwicklungs- und Schwellenländern."

Der Kunde ist gefordert

Der Deutsche Reiseverband sieht aber nicht nur den Gesetzgeber gefordert, er nimmt auch den Kunden in die Pflicht. Der habe "darauf zu achten, dass man klimaschonend fliegt. Man kann die Fluggesellschaften danach auswählen, dass sie neue Flugzeuge einsetzen, man kann darauf achten, dass das Hotel nach bestimmten Maßstäben wirtschaftet, dass es als nachhaltig ausgezeichnet ist."

Die Reisebranche jedenfalls, versichert Torsten Schäfer, sei für das Thema "Tourismus in Zeiten des (Klima-)Wandels" sensibilisiert. Schließlich könne ein radikaler Klimawandel die Geschäftsgrundlage der Industrie sogar zerstören. Denn, sagt Torsten Schäfer: "Eine intakte Umwelt ist lebensnotwendig für uns alle und sie ist auch die Grundlage des Wirtschaftens für die Tourismuswirtschaft."

Dass es auch für die Reiseveranstalter noch einiges zu tun gibt, deutet Torsten Schäfer an, als er über die Bedeutung des Klimawandels für seine Branche redet: "Das Bewusstsein der Menschen ist da, aber die konkrete Nachfrage ist noch nicht so deutlich ausgeprägt, wie das auch für Angebote der Reiseanbietern gilt."

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