Der ″Friedensvertrag″ von Rudolf Heß | Geschichte | DW | 10.09.2013
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Geschichte

Der "Friedensvertrag" von Rudolf Heß

Mitten im Krieg flog Hitlers Stellvertreter nach Schottland. Im Gepäck: ein Friedensangebot an die Briten. Eine Akte könnte Aufschluss darüber geben, was Rudolf Heß wirklich wollte. Jetzt wurde sie versteigert.

Die Geschichte könnte der Beginn eines James-Bond-Films sein: Ein Mann erhält einen anonymen Anruf. Eine Akte wird ihm angeboten, die ihm bei seinen "Projekten" nützlich sein könnte. Er soll sich am nächsten Tag an einem bestimmten Ort einfinden, dort werde die Akte für ihn bereit liegen. Und in der Tat findet er dort die Akte eines hochrangigen Nazis.

Zwanzig Jahre soll das nun her sein. Die ominöse Akte: Protokolle, Abschriften und Briefe von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Sie sollen aus der Zeit seiner britischen Gefangenschaft stammen. Darunter auch der Entwurf eines Friedensvertrages, den Heß den Briten im Mai 1941 vorlegen wollte - kurz vor Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion. Diese nach Agentenstory klingende Geschichte steht geschrieben auf der Seite des Auktionshauses "Alexander Historical Auctions".

Teil einer Akte des Hitler Stellvertreters Rudolf Hess die im Auktionshaus Alexander Historical Auctions (Foto: Caitlin/Alexander Historical Auctions/dpa)

In der Akte: Der Entwurf eines Friedensvertrags

Die Worte sollen zum Kauf anregen, denn jener Mann, dem die Akte damals angeboten wurde, ließ sie - wiederum anonym, versteht sich - am Dienstag (10.09.2013) bei dem amerikanischen Auktionshaus versteigern. Angesetzt war ein Preis von 500.000 bis 700.000 US Dollar. Das sind etwa 380.000 bis 530.000 Euro. Doch bisher hat sich kein Käufer gefunden. Es habe aber viele Interessenten gegeben und derzeit liefen Verhandlungen über einen Verkauf des Hefters, ließ das Auktionshaus Alexander Historical Auctions am Mittwoch (11.9.2013) verlauten.


Nicht irgendein Nazi

Bei Rudolf Heß handelt es sich nicht um irgendeinen Nazi, sondern um einen der engsten Vertrauten Hitlers, lange Zeit offiziell sein Stellvertreter. 1941 aber war Heß mitten im Krieg nach Schottland geflogen, um kurz vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion einen bilateralen Frieden mit Großbritannien zu verhandeln. Der Plan: Die Nazis bekämen Europa für sich, die Briten dürften in den anderen Teilen der Welt ihr Imperium behalten - allein die ehemals deutschen Kolonien sollten zurückgegeben werden.

Die Briten gingen auf dieses Angebot - kaum erstaunlich - nicht ein. Heß wurde festgenommen, blieb zunächst in britischer Gefangenschaft, bis er 1946 im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 1987 nahm er sich mit 93 Jahren im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau das Leben.

Angeklagte in ihrer Bank(v.l. vorne Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim v. Rippentrop, Wilhelm Keitel; v.l. hinten Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur v. Schirach, Fritz Sauckel) (Copyright: Museum der Stadt Nürnberg)

Beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wurde Rudolf Heß (2. v. links) zu lebenslanger Haft verurteilt

Diese Fakten sind bekannt. Aber darüber, wie ernst Rudolf Heß seinen Friedensplan meinte, wie seine Rolle im NS-Regime bewertet werden muss und ob Hitler in seinen Plan eingeweiht war, herrscht bis heute Unklarheit. Während des Krieges wurde er als Geisteskranker abgestempelt. Darauf baute Heß dann auch seine Verteidigungsstrategie in Nürnberg auf. Von Neonazis wird er bis heute als Held in britischer Gefangenschaft glorifiziert.

Kann die Heß-Akte neue Erkenntnisse liefern? "Die Geschichte muss auf keinen Fall neu geschrieben werden", sagt Achim Baumgarten. "Aber vielleicht erscheint uns Rudolf Heß durch die Akten in einem neuen Licht." Baumgarten ist Leiter des Referats für Schriftgut privater Herkunft und Zeitgeschichtlicher Sammlungen beim Bundesarchiv in Koblenz. Der deutschen Behörde wurde vor knapp einem Jahr die Kopie eines kleinen Teils der Akte vorgelegt.

Vermutlich kein Diebstahl

"Völlig übertrieben", nennt Achim Baumgarten die Summe, die bei der Auktion angegeben war. Obwohl er es durchaus für möglich hält, dass die Dokumente tatsächlich aus der Feder von Rudolf Heß stammen. "Ich kann bisher zumindest nicht belegen, dass die Akte gefälscht ist", sagt er im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Anhaenger der rechtsgerichteten NPD bei einer Demonstration zum Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (Foto: AP)

In der rechtsextremen Szene gilt Heß als Held. "Rudolf-Heß-Gedenkmärsche" sind in Deutschland verboten

Von dem Experten Baumgarten wollte vor einem Jahr das Auktionshaus Beck Militaria wissen, ob es sich um ein Original handele. Schließlich liegen sämtliche Unterlagen von und über Rudolf Heß bis 1941 im Bundesarchiv. "Was mir gleich auffiel", erzählt Baumgarten, "war der englische Stempel 'most secret'". Da habe er schon den Verdacht gehabt, die Unterlagen könnten echt sein. Er vermutete, dass sie aus dem britischen Nationalarchiv geklaut worden seien. Doch dieses verneinte: Keine Dokumente fehlten.

Baumgarten vermutet, Heß könne sich im Gefängnis Abschriften angefertigt haben von seinen Schreiben an den britischen König, von seinem Friedensplan - jene Dokumente, die jetzt versteigert werden. Eventuell wurden sie von Gefängnispersonal hinausgeschmuggelt. Doch das sei natürlich alles spekulativ. Die Originaldokumente, die Heß den britischen Diplomaten übergeben hat, liegen in Großbritannien unter Verschluss. Mindestens bis 2018 werden sie nicht der Öffentlichkeit zugänglich sein.

Fälschung oder Original?

Stellvertreter Hitlers: Rudolf Heß 1934 im damaligen Königsberg (Foto: Picture Alliance/dpa)

Stellvertreter Hitlers: Rudolf Heß 1934 im damaligen Königsberg

Baumgarten verglich die Handschrift der wenigen Seiten, die ihm als Kopie vorgelegt wurden, mit den Akten von Heß, die im Bundesarchiv liegen. Die Schrift war schnurgerade, genau wie die von Hitlers Stellvertreter. "Bestimmte Buchstaben, bestimmte Unterlängen der Schrift haben alle gestimmt". Das Siegel, mit dem die Dokumente verschlossen waren, trug ein Monogramm mit den Buchstaben "RH" für Rudolf Heß. Das heiße aber noch lange nicht, dass die Akte echt ist, meint Baumgarten. "Dafür müsste das Bundeskriminalamt eine Probe des Papiers und der Tinte nehmen dürfen. Aber die Originale habe ich ja nie in der Hand gehabt", sagt er. Bisher könne man nur genauso viel sagen, wie 1983 über die Hitler-Tagebücher. Bekanntermaßen waren die vom Nachrichtenmagazin "Stern" gekauften "Memoiren" eine Fälschung und ihre Veröffentlichung einer der größten Skandale der Bundesrepublik. Und doch hätte das Bundesarchiv die Dokumente gerne gekauft. "Aber nicht zu diesem Preis".

Akte des Hitler Stellvertreters Rudolf Heß, die im Auktionshaus Alexander Historical Auctions in den USA versteigert werden soll. (Foto: Caitlin/Alexander Historical Auctions/dpa)

Die Akte enthält 14 Protokolle, Abschriften und Briefe aus Heß' Gefangenschaft in England

Warum kommen deutsche Archive bei Versteigerungen nicht zum Zug? "Wir gehen oft leer aus", sagt Baumgarten, "vor allem, wenn es um die Dokumente von Nazi-Größen geht". Neulich sei Hitlers privates Kassenbuch zur Versteigerung gekommen, "aber in Amerika erzielt das Preise, die für uns unmöglich sind." In den USA würden Dokumente auf dem privaten Markt für ein Vielfaches angeboten von dem Preis, "der uns angemessen scheint und den wir uns leisten könnten."

In den USA tauchen immer wieder Einzelstücke auf, die in Deutschland stationierte GIs mit nach Hause genommen haben. "Die nächste Generation findet das, kann damit nichts anfangen und bringt es zur Versteigerung." Der Tatbestand des Diebstahls ist längst verjährt. Das Bundesarchiv muss genau wie jeder andere Interessent mitbieten.

Bei Hitlers Kassenbuch bot der neue Besitzer dem Bundesarchiv eine Kopie an. Kosten: 1000 Euro. Achim Baumgarten hofft, dass dies auch bei der Akte Heß passiert.

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