Der Fall Skripal: Was bekannt ist. Und was nicht. | Europa | DW | 04.04.2018
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Giftaffäre

Der Fall Skripal: Was bekannt ist. Und was nicht.

Es klingt wie ein Spionage-Thriller, ist aber Realität: Ein vergifteter Ex-Doppelagent treibt die Spannungen zwischen Russland und Großbritannien in die Höhe. Hier sind die wichtigsten Fakten im Fall Skripal.

Noch immer ist unklar, wer den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal vergiftet hat. Erst im März vermutete Großbritanniens Außenminister Boris Johnson im Deutsche Welle-Interview, dass die Russen hinter der Vergiftung von Skripal und seiner Tochter Julia steckten. Am Dienstag gab das Forschungszentrum des britischen Verteidigungsministeriums jedoch bekannt, dass es sich bei der Substanz, die für den Mordversuch verwendet wurde, zwar um das Nervengift Nowitschok handele. Die Herkunft konnte aber nicht genau festgestellt werden. 

Jetzt trat auf Wunsch Moskaus der Exekutivrat der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) in Den Haag zusammen. Dem Gremium gehören Diplomaten aus 41 Ländern an - darunter auch Russland und Großbritannien. Die russische Regierung, die die Vorwürfe vehement zurück weist, hofft, dass alle Parteien nach der nicht-öffentlichen Sitzung einen Schlussstrich unter die dramatische Giftsaga ziehen können. Die DW hat die wichtigsten Aspekte, die zur Zeit bekannt sind, zusammengetragen. 

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Neue Eiszeit zwischen Großbritannien und Russland

Was passierte am 4. März? 

Am 4. März 2018 aßen Sergej Skripal und seine Tochter Julia in Salisbury im Süden Englands gemeinsam im Restaurant Zizzi zu Mittag. Am Nachmittag wurden die beiden bewusstlos auf einer Parkbank gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Der Fundort wurde weiträumig abgesperrt; einer der Polizisten, der vor Ort war, musste ebenfalls im Krankenhaus behandelt werden. Augenzeugen berichteten, dass Julia Skripal Schaum vor dem Mund und weit aufgerissene Augen gehabt haben soll, kurz bevor sie zusammenbrach.

Die britische Polizei geht von einem gezielten Mordversucht mit Gift aus. Die Skripals kamen vermutlich bereits vor ihrem Haus in Salisbury mit der giftigen Substanz in Kontakt. Der 66-jährige Skripal befindet sich noch immer in kritischem Zustand, seiner Tochter geht es etwas besser. Sie soll wieder essen und sprechen können.

Um was für ein Gift handelt es sich?

Experten des Verteidigungszentrums für Chemische, Biologische, Radiologische und Nukleare Forschung (DCBRNC) untersuchten Proben des Gifts, die in Salisbury sichergestellt wurden. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Skripals mit Nowitschok vergiftet wurden, ein zur militärischen Verwendung gedachtes Nervengift. Auch die internationalen Experten der OPCW haben Proben der Substanz untersucht. Sie haben ihre Ergebnisse jedoch noch nicht veröffentlicht.

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Johnson: Russlands Position im Skripal-Fall wird zunehmend bizarrer

Nowitschok heißt auf russisch so viel wie "der Neue" oder "Neuankömmling". Der Begriff bezeichnet eine Reihe von Nervengiften, die einen Organophosphor-Kern haben, ähnlich wie Insektenschutzmittel. Zu den mehr als hundert Giften der Nowitschok-Familie gehören auch Nowitschok-5 und Nowitschok-7, die als bis zu achtmal toxischer als der Kampfstoff VX gelten. Dabei ist VX bereits eines der gefährlichsten Giftgase der Welt.

Die Sowjetunion entwickelte die Nowitschok-Gifte in den 1970er und 1980er Jahren. Experten sagen, die Substanzen seien auch gefährlicher als die Massenvernichtungswaffe Sarin sowie schwerer zu identifizieren und nachzuweisen. Nowitschok tritt normalerweise in flüssiger Form auf, kann aber vermutlich auch zu feinem Pulver verarbeitet werden.

Welche diplomatischen Konsequenzen gab es bislang?

Großbritannien macht Russland für den Mordversuch an Skripal verantwortlich. Außenminister Boris Johnson behauptete gegenüber der DW im März, die Wissenschaftler, die die Nowitschok-Probe untersucht hatten, seien sich sicher: Das Gift stammt aus Russland. "Es gibt keinen Zweifel", sagte Johnson.

Als Konsequenz wies die britische Regierung 23 russische Diplomaten aus. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Präsident Wladimir Putin sagte, sein Land sei an der Aufklärung des Falls interessiert und wolle an den Ermittlungen beteiligt werden. Der Kreml wies 23 britische Diplomaten aus und berief die britische Botschafterin ein, um über die "provozierenden und unbegründeten Handlungen Großbritanniens" zu sprechen.

Viele andere westliche Staaten wie die USA und Deutschland wiesen ebenfalls russische Diplomaten aus. Vertreter der jeweiligen Länder wurden daraufhin von Russland ebenfalls in ihre Heimat zurückgeschickt.

Infografik Karte Ausweisung russischer Diplomaten DEU

Ausweisung russischer Diplomaten, Stand 28.3.2018

Es ist noch immer unklar, auf welche Beweise genau sich die britische Regierung stützt. Die Nowitschok-Gifte wurden in Russland entwickelt, aber Forscher konnten die Herkunft des Gifts, mit dem die Skripals vergiftet wurden, nicht belegen. Russland weist darauf hin, dass es für Moskau kein Motiv gebe, Skripal zu töten. Vor der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2018 sei man um gute diplomatische Beziehungen bemüht.

Sergej Skripal war ein hochrangiger russischer Militärbeamter, der die Identitäten von in Europa arbeitenden russischen Geheimagenten an den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 weitergab. 2006 wurde er in Russland zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber im Rahmen eines Spion-Austauschs 2010 nach Großbritannien.

Welche Fragen hat Moskau?

Die russische Botschaft in London hat dem Außenministerium Großbritanniens eine Liste von 14 Fragen zukommen lassen, die deutlich machen, dass man in Moskau nicht glücklich über das britische Vorgehen ist. Zuallererst wird gefragt: " Warum ist Russland das Recht auf einen konsularischen Zugang zu zwei russischen Staatsbürgern, die auf britischem Territorium zu Schaden gekommen sind, verwehrt worden?"

Außerdem wollen russische Offizielle wissen, welche Gegengifte den Skripals verabreicht wurden und warum britische Mediziner diese zur Hand hatten. Eine Vielzahl der Fragen zielt auf die Rolle Frankreichs ab: Warum erlaubte Großbritannien den Franzosen die Mitarbeit an dem Fall? Zuletzt wird gefragt, ob auch "in Großbritannien Muster eines Kampfgiftstoffes vom Typ 'Nowitschok'" entwickelt worden waren.

Vor dem Treffen der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen schickte Russland auch der OPCW eine Liste von Fragen. Die russische Vertretung bei der OPCW möchte von der Organisation wissen, um welche Hilfe Großbritannien im Fall Skripal gebeten hat. Die russische Vertretung erkundigt sich sehr genau danach, was die Briten wissen wollten, welche Informationen sie der OPCW zur Verfügung gestellt haben und ob die OPCW plant, diese Informationen zu teilen. Außerdem bittet Russland um die Ergebnisse von möglichen französischen Untersuchungen im Fall Skripal. Ob und wie sich Großbritannien und die OPCW zu diesen Fragen geäußert haben, ist noch nicht bekannt.

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