Der Überlebende der Ardennenoffensive | Politik | DW | 15.12.2019
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Zweiter Weltkrieg

Der Überlebende der Ardennenoffensive

Vor 75 Jahren versucht Nazi-Deutschland mit einer letzten verzweifelten Schlacht im Westen den Zweiten Weltkrieg noch zu drehen. Doch die Ardennenoffensive scheitert. Die DW traf einen der letzten Zeitzeugen.

Am 15. Dezember 1944, neun Tage vor Weihnachten, erfährt Wingolf Scherer, dass er Heiligabend wahrscheinlich nicht erleben wird. Scherer ist damals gerade einmal 20 Jahre alt, aber schon Leutnant einer Grenadierdivision und in der Eifel stationiert, als er den Marschbefehl für die Ardennenoffensive erhält.

Zwei Stunden später werden er und seine 60 Untergebenen an die westliche Frontlinie bei Udenbreth gekarrt. "Es herrschte Endzeitstimmung", erinnert sich Scherer, "wir alle wussten, das ist jetzt unsere letzte Chance, dem Krieg noch eine andere Wendung zu geben. Aber niemand wusste, ob wir das überleben werden."

Ardennenoffensive Wingolf Scherer (DW/Oliver Pieper)

Wingolf Scherer, einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen der Ardennenoffensive, mit seinem Buch "Die letzte Schlacht"

Am nächsten Morgen um 5.30 Uhr durchdringt ein gewaltiges Artilleriefeuer mit ohrenbetäubendem Lärm die Ruhe in der Eifel. Scherer liegt in der Deckung und vergisst für eine Stunde im halben Meter hohen Schnee bei Minustemperaturen zu frieren. "Das deutsche Trommelfeuer war so fürchterlich und gleichzeitig aber auch so beeindruckend. Ich dachte nur, wir können es ja doch noch."

Mit Scherer rücken 240.000 Soldaten und hunderte Panzer gegen die völlig überrumpelten US-amerikanischen Streitkräfte vor. Das Ziel: die belgische Hafenstadt Antwerpen, um den Alliierten den Nachschub abzuschneiden.

Euphorie schlägt schnell in Verzweiflung um

Doch auch Wingolf Scherer merkt nach der ersten Euphorie schnell, dass die Ardennenoffensive zum Scheitern verurteilt ist. "Ich hörte einen Armeegeneral zu seinen Stabsoffizieren sagen, die um ihn herumstanden: 'Der Idiot hat befohlen. Was können wir anderes als zu gehorchen?'"

Wer natürlich gemeint war: Adolf Hitler, der die Warnungen seiner militärischen Berater in den Wind schlägt und ohne Luftwaffe und praktisch ohne Vorbereitung den Feldzug im Alleingang durchpeitscht. "Wir hatten keinerlei Informationen über feindliche Kräfte, wer uns wo gegenübersteht und sind quasi ins Blinde vorgestoßen", denkt Scherer an die Schlacht vor 75 Jahren zurück.

Belgien Ardennenoffensive (DW/Oliver Pieper)

Auf dem Friedhof in Recogne-Bastogne in Belgien sind 6807 deutsche Soldaten bestattet

Noch schlimmer: Die deutschen Panzer, die noch 1940 beim Angriff auf die westlichen Nachbarn in nur drei Tagen bis zur Maas vorstießen, bleiben dutzendweise auf den Hügeln und in den Tälern der Ardennen stehen, weil sie nach 60 Kilometer Fahrt keinen Treibstoff mehr haben. Für Scherer ist das noch heute der seltsamste Befehl: "Wenn man Sprit brauchte, sollte man diesen bitteschön im gegnerischen Lager erobern."

Nach nur einer Woche verpufft der Angriff, nach sechs Wochen und dem Ende der Ardennenoffensive am 25. Januar 1945 verläuft die Front wie zu Beginn der Schlacht.

Hitler befahl Himmelfahrtskommando

"Das Ganze war eine Verzweiflungstat und eine missratene Kopie des Feldzuges von 1940", konstatiert auch der Militärhistoriker Karl-Heinz Frieser. Vor allem die deutsche Luftwaffe, die noch vier Jahre zuvor den Luftraum beherrscht hatte, fehlt an allen Ecken und Enden.

Damit im Gegenzug die alliierten Flugzeuge nicht starten können, wartet Deutschland 1944 eine Schlechtwetterperiode ab. "1940 war zehn Tage blauer Himmel, im Volksmund auch 'Hermann Göring-Wetter' genannt. Und 1944 war es umgekehrt und die deutschen Panzer sollten quasi durch Nacht und Nebel und mit wenig Treibstoff nach Antwerpen schleichen", so Frieser.

Belgien Ardennenoffensive (DW/Oliver Pieper)

Im Kriegsmuseum in Bastogne ist die "Geheime Kommandosache" Hitlers ausgestellt - der Befehl zur Ardennenoffensive

Doch wieso überhaupt ein derartiges Himmelfahrtskommando? "Hitler wollte noch einmal alles auf eine Karte setzen", erklärt Frieser, der viele Jahre am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Freiburg und Potsdam gearbeitet hat.

Militärhistoriker Karl-Heinz Frieser (privat)

Militärhistoriker Karl-Heinz Frieser

"Im Westen schlagen, im Osten halten", so lautet Hitlers Plan angesichts einer auch immer weiter vorrückenden Roten Armee im Osten, erläutert der Militärhistoriker: "Nach dem Sieg im Westen sollten dann die Panzerdivisionen per Eisenbahn auf schnellstem Weg an die Ostfront befördert werden."

Erfolgreiche Ardennenoffensive hätte dramatische Folgen haben können

Zehntausende Soldaten auf beiden Seiten sterben und werden vermisst, die USA verlieren mehr Männer als während der gesamten Schlacht um die Normandie nach ihrer Landung am 6. Juni 1944. Weil Deutschland seine Verluste und das Kriegsmaterial nicht schnell ausgleichen kann und es damit an der Ostfront fehlt, kann die Rote Armee der Sowjets schneller nach Berlin vorrücken.

Belgien Ardennenoffensive (DW/Oliver Pieper)

Ein deutscher Jagdpanzer im Bastogne War Museum

Karl-Heinz Frieser ist davon überzeugt, dass eine erfolgreiche Ardennenoffensive dagegen verheerende Konsequenzen gehabt hätte: "Dann hätte sich Deutschland noch bis spät in den Sommer 1945 halten können und dann wäre unweigerlich der erste Atombombenabwurf auf eine deutsche Stadt erfolgt. Die Atombombe war ja nicht aus Furcht vor Japan, sondern vor Deutschland entwickelt worden."

Deutsch-amerikanische Freundschaft

Wingolf Scherer kapituliert am 9. März bei Andernach vor den US-Truppen und ist bis September 1945 in US-amerikanischer und britischer Kriegsgefangenschaft. Dort spricht ihn ein US-Offizier an und sorgt dafür, dass Scherer wegen gesundheitlicher Probleme auf die Krankenstation verlegt wird. "Er hat mir erzählt, dass seine Familie von Deutschland in die USA ausgewandert sei und sein Vater noch vorzüglich Deutsch spreche", erinnert sich Scherer.

Nach dem Krieg nimmt der Deutsche Kontakt zum ehemaligen Feind auf, es entsteht ein reger Briefwechsel. Scherers zwei Söhne fliegen zum Besuch nach Ohio, die Familie kommt zum Gegenbesuch, der US-Offizier selbst betritt aber nie wieder deutschen Boden.

Belgien Ardennenoffensive (DW/Oliver Pieper)

Auf dem Friedhof in Henri-Chapelle in der Nähe von Maastricht ruhen 7992 gefallene US-Soldaten

"Meine Söhne haben ihn eingeladen und gesagt, bitte komm mit deiner Frau hierher, wir übernehmen alle Kosten für den Flug und so weiter." Vergeblich - der frühere Bomberpilot schlägt das Angebot aus. "Er bat uns um Verständnis und sagte, er sei über Deutschland im Einsatz gewesen und könne nicht an den Ort seiner Taten zurückkehren", erklärt Scherer.

Lebensaufgabe Erinnerungsarbeit

Für den promovierten Germanisten wird es zur Lebensaufgabe, an die Geschichte zu erinnern. Scherer schreibt 20 militärgeschichtliche Bücher, darunter "Die letzte Schlacht" über die Ardennenoffensive. Er treibt die Arbeitsgemeinschaft für Erinnerungsarbeit voran und schneidet in Rocherath im Jahr 2000 ein Gedenkband durch, als zum ersten Mal die Überlebenden der beiden Divisionen aus den USA und Deutschland zusammenkommen.

Heute gehört der 95-Jährige zu den letzten noch lebenden Soldaten der Ardennenoffensive. Seine Botschaft ist aktueller denn je: "Der Mensch ist befähigt, seine Konflikte friedlich zu lösen. Und Annäherung und Versöhnung zwischen ehemaligen Gegnern hilft nicht nur, zur Normalität zu finden, sondern auch, dass Ähnliches nicht noch einmal passiert."

Video ansehen 04:22

Deutschland: Die Suche nach toten Soldaten

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