Das Leiden der Familien im Jemen | Nahost | DW | 10.11.2018
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Krieg

Das Leiden der Familien im Jemen

Im Jemen herrschen Krieg, Hunger und Armut. Millionen Menschen brauchen dringend Lebensmittel und medizinische Hilfe. Besonders betroffen sind junge Mütter und ihre Kinder. Gouri Sharma und Mohamed Hussein berichten.

Eine Mahlzeit pro Tag - mehr konnte Fardous Hamran ihren zwei Kindern in den vergangenen zwei Monaten nicht geben. Die 39-Jährige ist abhängig von Freunden, die ihr Lebensmittel schenken. Ihr neun Jahre alter Sohn Sam und ihre sieben Jahre alte Tochter Mayar bekommen deshalb meistens nur das traditionelle jemenitische Lahoh-Brot und Joghurt. Sie verlieren dadurch rapide an Gewicht. Sam wiegt heute drei Kilo weniger als noch vor ein paar Monaten. "Ich habe große Angst, dass meine Kinder die nächsten sind, die im Fernsehen als Beispiele für Unterernährung zu sehen sind", sagt Hamran im Gespräch mit der Deutschen Welle in ihrer Heimatstadt Sanaa.

Für die fünffache Mutter Safia Abduh werden die Tage, an denen sie alle ihre Kinder zur Schule geschickt hat, zur verschwommenen Erinnerung. Ihr Mann arbeitete für das Elektrizitätsministerium. Er gehörte zu den 500.000 Angestellten im öffentlichen Dienst, deren Gehälter zwei Jahre lang nicht bezahlt wurden. Weil damit das Geld für Privatunterricht fehlte, wechselten die Kinder auf eine öffentliche Schule.

Arbeit statt Schule

Dann wurde Abduhs Mann Opfer der aktuellen Cholera-Epidemie im Jemen. Zwei der Kinder sind nun die Hauptverdiener der Familie. Der 15 Jahre alte Samir bekommt weniger als 1500 jemenitische Rial (umgerechnet fünf Euro) pro Tag - und das für acht Stunden Arbeit auf einer Khat-Plantage in einem Vorort von Sanaa. Millionen Jemeniten kauen die leicht berauschenden Blätter der Khat-Pflanze.

Humanitäre Krise im Jemen (Ali Al Sunaidar)

Viele Kinder gehen nicht mehr zur Schule, weil sie Geld für ihre Familie verdienen müssen

Sein 13 Jahre alter Bruder Fadhel sammelt den ganzen Tag auf den Straßen und in Mülltonnen leere Plastikflaschen und verkauft sie an Recyclingfabriken in der Stadt. So kommen sie gerade so auf umgerechnet etwa 130 Euro pro Monat. Für ihre 46-jährige Mutter war die Entscheidung, die Schule zu verlassen, schwer zu verkraften. Aber sie weiß, dass die beiden keine Wahl hatten. "Als sie mir erzählt haben, dass sie nicht mehr zur Schule gehen, konnte ich ihnen das nicht ausreden", sagt sie. "Ich habe ja noch drei andere Kinder, die etwas zu Essen brauchen."

Millionen Menschen haben nicht genug zu essen

Die Schicksale von Safia Abduh und Fardous Hamran sind keine Einzelfälle im Jemen. Sie werden vielmehr zur Norm in einem Land, das nach Angaben der Vereinten Nationen unter der schwersten humanitären Katastrophe weltweit leidet. Etwa 22 Millionen Jemeniten - das sind 75 Prozent der Bevölkerung - brauchen dringend Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung. Fast zwei Millionen Kinder sind stark unterernährt.

Im Jemen kämpfen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und sunnitische Verbündete seit vier Jahren gegen iranisch-orientierte Huthi-Rebellen. Der bewaffnete Konflikt hat eines der ärmsten Länder der Welt in eine noch größere humanitäre Krise gestürzt. Der Druck auf westliche Regierungen steigt, den Zusammenbruch des Landes zu verhindern.

Die Währung verliert an Wert

Die Wirtschaft des Landes ist besonders vom Krieg betroffen. Nach Angaben der Weltbank haben rund 40 Prozent der jemenitischen Haushalte ihre Haupteinnahmequelle in den vergangenen vier Jahren verloren. Die Armutsquote stieg auf 80 Prozent. Im September verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation noch einmal, als die Währung Rial binnen zwei Wochen fast zwei Drittel ihres Wertes verlor.

Jemen Konflikt (Getty Images/A. Renneisen)

Viele Menschen sind wegen der Kämpfe geflohen

Mustafa Nasr von der jemenitischen Nichtregierungsorganisation "Studies and Economic Media Center" (SEMC) berichtet, dass sich die wirtschaftliche Lage seit Beginn des Krieges stetig verschlechtert habe. Er sagte der Deutschen Welle: "Die beispiellose Abwertung des Rial im September war dann der bisher stärkste Schlag." Zum ersten Mal habe es dokumentierte Berichte gegeben über Menschen, die in ihrer Not Blätter von Pflanzen essen - und das, obwohl in den vergangenen drei Jahren mehr als fünf Milliarden US-Dollar für humanitäre Hilfsmaßnahmen ausgegeben worden seien.

Preise für Lebensmittel steigen

Der Wertverlust des Rial hat zu einem deutlichen Anstieg der Warenpreise geführt. Daten von SEMC aus sechs jemenitischen Regierungsbezirken, darunter Aden, Taiz und Sanaa, zeigen, dass Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Reis, Speiseöl und Milch 30 Prozent teurer sind als im Juni. Im Vergleich zum September 2015 kosten sie sogar 92 Prozent mehr.

Als Folge mussten viele Händler ihre Läden schließen. "Wir können unsere Waren nicht zu diesen unglaublichen Dollar-Preisen verkaufen. Alle Lebensmittelgeschäfte in unserer Straße machen dicht, bis der Wechselkurs wieder besser ist", berichtet Abdul Razzaq al-Hababi, Eigentümer eines Warenhauses in Sanaa. Er wisse zwar, dass die Menschen litten. "Aber wir können angesichts dieses Zusammenbruchs den Verkauf von Waren nicht riskieren."

Kein Ende der Kämpfe in Sicht

Trotz der sich zuspitzenden humanitären Lage dauern die Kämpfe an, die Zahl der zivilen Opfer steigt. Im August wurden bei einem Luftangriff der saudisch geführten Koalition 40 Kinder auf einem Markt in der nördlichen Provinz Saada getötet. Insgesamt kamen bislang etwa 10.000 Zivilisten ums Leben. Unabhängige Organisationen sprechen von deutlich mehr Opfern. Sie kritisieren, dass die Zahl seit Jahren nicht aktualisiert worden sei. Es gibt Forderungen an Großbritannien und die USA, Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien zu stoppen, weil es immer mehr Anzeichen dafür gibt, dass Waffen aus dem Westen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden.

Der Jemen ist ein geteiltes Land - die Huthi-Rebellen kontrollieren einen Großteil des Nordens einschließlich der Hauptstadt Sanaa. Der Rest, darunter die Stadt Aden, werden aus dem Exil vom international anerkannten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi regiert. Ein Ende des Konflikts - und damit des Leidens in der Zivilbevölkerung - ist trotz Bemühungen der Vereinten Nationen derzeit noch nicht absehbar.

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