Daniel Libeskind: Amsterdamer Holocaust-Denkmal eingeweiht | Kultur | DW | 19.09.2021
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Holocaust-Gedenken

Daniel Libeskind: Amsterdamer Holocaust-Denkmal eingeweiht

Es besteht aus 102.000 Steinen und erinnert an die Opfer des Holocaust: Das lange umstrittene Mahnmal von Stararchitekt Daniel Libeskind in der niederländischen Hauptstadt.

Video ansehen 12:35

Reporter - Holocaust: Bilder gegen das Vergessen

Es ist ein Mahnmal aus 102.000 Ziegelsteinen mit eingravierten Namen; jeder Backstein steht für ein Holocaust-Opfer. So viele niederländische Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs umgebracht. Das von Daniel Libeskind entworfene Monument, ein "Labyrinth aus Namen", 380 Meter lang und stellenweise bis zu sieben Meter hoch, soll an die Getöteten erinnern.

"Dass es nach 15 Jahren des Kampfes endlich so weit ist", sagt Jacques Grishaver, Vorsitzender des niederländischen Auschwitz-Komitees, das den Bau der Gedenkstätte anregte, "das ist phantastisch!"

Wer von oben auf die Backsteinmauern blickt, erkennt vier - aus spiegelnden, voluminösen Stahlelementen geformte - hebräische Buchstaben des Wortes "Gedenken". Die Ziegelsteine tragen jeweils Vor- und Nachnamen, Alter und Geburtsdatum der NS-Opfer. 1000 Steine bleiben unbeschriftet - sie erinnern an die vielen namenlosen Opfer. "Die Niederländer haben den größten Anteil ihrer jüdischen Bevölkerung im Holocaust verloren", erklärte jetzt der Ideengeber, der US-Architekt Daniel Libeskind.

König kommt zur Einweihung

Von oben betrachtet: Das Holocaust Memorial in Amsterdam.

Aus der Vogelperspektive liest man die hebräischen Buchstaben für "Im Gedenken"

Laut Grishaver, der das Denkmal gemeinsam mit dem niederländischen Staatsoberhaupt König Willem-Alexander eröffnet, sind die ersten Reaktionen überwältigend: "Diese endlose Reihe von Namen, da kommt man nicht so leicht durch", zitiert ihn die  Zeitung NL Times, "ein Stein trägt den Namen eines sechs Monate alten Kindes, das in den Armen seiner Mutter vergast wurde. Daneben steht der Name eines 98-Jährigen, der der Großvater gewesen sein könnte. Man kann sich eine ganze Geschichte ausdenken." Außerdem gebe es ganze Reihen mit gleichen Namen. "Da wurden ganze Familien massakriert. Das ist jetzt sichtbar."

Zwischen 1933 und 1945 wurden schätzungsweise 6,6 Millionen Jüdinnen und Juden und Hunderttausende Sinti und Roma von den Nazis ermordet. Von den 140.000 jüdischen Menschen, die 1940 in den Niederlanden lebten, überlebten 102.000 den Krieg nicht. Doch nicht alle Jüdinnen und Juden wurden in den Gaskammern von Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Belzec, Majdanek, Chełmno und Sobibor ermordet. Viele starben bei Massenexekutionen oder an Krankheiten, Hunger, Erschöpfung oder Sklavenarbeit. Mehr als 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert jetzt das nationale "Holocaust-Namensdenkmal" an diese Menschen.

Ziegelsteine mit eingravierten Namen von Holocaust-Opfern bilden das Holocaust Memorial Amsterdam

Die Namen von 102.000 niederländischen NS-Opfern sind in Backsteine graviert

Widerstände gegen das Mahnmal 

Die Eröffnung der Gedenkstätte an diesem Sonntag setzt zugleich einen Schlusspunkt unter einen jahrelangen Rechtsstreit. Denn ursprünglich sollte das Monument im Amsterdamer Wertheimpark entstehen. Doch auf Druck von Anwohnerinnen und Anwohnern verlegte die Stadtverwaltung den Standort in den Grüngürtel zwischen Weesperstraat und Hoftuin.

Auch dagegen erhob die Nachbarschaft Einspruch. Der Entwurf sei zu groß für das vorgesehene Areal, hieß es. Es drohe ein großer Besucheransturm. Auch seien antisemitische Anschläge zu befürchten. "Wir sind nicht gegen dieses Mahnmal", erklärte Petra Catz, die Vorsitzende der Anwohnervereinigung seinerzeit in Interviews, "wir sind gegen den Ort und die Art und Weise, wie das Projekt zustande kam." Bei einer privaten Initiative im öffentlichen Raum, für die Stadt und Regierung den Großteil der Baukosten tragen: "Hätten da nicht die Anwohnerinnen und Anwohner stärker einbezogen werden müssen?"

Auch gegen das vom Deutschen Bundestag beschlossene Berliner Denkmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas, das 2005 eingeweiht wurde, hatten einige vorgebracht, es werde zu groß und zu monumental. "Speersche Ausmaße" attestierte der damalige deutsche Kulturstaatsminister Michael Naumann dem Entwurf von Peter Eisenman und sprach von einer "ästhetischen Anmaßung". So scharf wurde der Streit in Amsterdam freilich nicht geführt. Der niederländische Staatsrat gab Ende 2019 grünes Licht für den Bau des Denkmals.

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Der US-Stararchitekt Daniel Libeskind sitzt andächtig vor dem Model seines Amsterdamer Momorials.

Der US-Stararchitekt Daniel Libeskind vor seinem Modell des Amsterdamer Momorials

Daniel Libeskind, dem in New York ansässigen Studio Libeskind und nicht zuletzt dem niederländischen Partnerbüro Rijnboutt verheißt das Projekt nun weitere Anerkennung. 

Libeskind ist bekannt für seinen multidisziplinären Ansatz in der Architektur. Zu seinen Hauptwerken gehören größere kulturelle Einrichtungen wie das Jüdische Museum Berlin, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, das Denver Art Museum oder auch das Imperial War Museum North in Manchester. Landschafts- und Stadtplanungen sowie Entwürfe von Ausstellungen, Bühnenbildern und Installationen sind ebenfalls Teil seines Portfolios. Seine Ideen flossen auch in die Planungen für das New Yorker Mahnmal am Gound Zero ein. 

Das Amsterdamer Denkmal hat auch eine erzieherische Funktion - es soll künftige Generationen vor den Folgen warnen, die Rassismus und andere Formen der Diskriminierung haben können. Mehrere tausend Schülerinnen und Schüler haben sich, wie es heißt, bereits für einen Besuch angemeldet.

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