Dürre: Millionenhilfe für deutsche Bauern | Deutschland | DW | 22.08.2018
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Ernteausfälle

Dürre: Millionenhilfe für deutsche Bauern

Die monatelange Dürre hat in Deutschland große Schäden in der Landwirtschaft verursacht. Der Deutsche Bauernverband forderte eine Milliarde Euro Nothilfe vom Staat. Ganz so viel Geld soll jedoch nicht fließen.

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Bund plant Millionenhilfe für deutsche Bauern

Mit insgesamt 340 Millionen wollen Bund und Länder Bauern helfen, die aufgrund der anhalten Dürre in Deutschland schlechte Ernten eingefahren haben. Angesichts von Ernteschäden werde der Bund rund die Hälfte dieser Summe aufbringen, sagte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) in Berlin.

Zuvor hatte der Bauernverband lautstark Hilfe vom Staat gefordert. Zunächst hatte Verbandspräsident Joachim Rukwied eine Milliarde Euro als "wünschenswert" bezeichnet. Am Mittwoch sagte er in Berlin, es gehe ihm nicht um diese genaue Summe, sondern zunächst nur darum, dass der "nationale Notstand" ausgerufen werde. Das sei nötig angesichts einer "miserablen Getreideernte". Man habe 22 Prozent weniger Weizen und Co. eingefahren als im Vorjahr. Hinzu kämen Einbußen bei Kartoffeln, Zuckerrüben und Tierfutter.

Deutschland PK Julia Klöckner in Berlin (Reuters/H. Hanschke)

Mit 340 Millionen Euro will Agrarministerin Klöckner den Bauern helfen

Auch Elard von Gottberg fordert Nothilfe. Seit einigen Jahren leitet der Vierzigjährige die Fiener Agrargenossenschaft Ziesar, hervorgegangen aus einer LPG, also einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft der ehemaligen DDR. Sie arbeitet konventionell, also mit chemischen Mitteln zur Düngung und Bekämpfung von Krankheiten und Schädlingen. Dreißig Landwirte kümmern sich um die 1800 Milchkühe und Mastrinder.

Auf den über 2000 Hektar Acker wächst Mais und Futterroggen, hauptsächlich für die eigenen Tiere - der Rest geht in den Futterhandel. Besser gesagt: Früher wuchs hier Mais und Futterroggen. Denn in diesem Jahr sind die jämmerlichen Maisstängelchen kaum als Futter zu verwenden. Und selbst der anspruchslose Futterroggen, ideal für die sandigen Brandenburger Böden, braucht ein bisschen Regen, um zu gedeihen. Nur hat es in Brandenburg seit April so gut wie gar nicht mehr geregnet.

Elard von Gottberg sieht deshalb seine Agrargenossenschaft mit dem Rücken an der Wand: "Erst hatten wir zwei Jahre die Milchkrise und haben Verluste gemacht, dann im letzten Jahr späten Frost und zu viel Regen und nun dieser Dürresommer", erklärt der Landwirt. Die Agrargenossenschaft kann die Verträge mit dem Landhandel nicht einhalten. Die Rücklagen aus dem letzten Jahr dürften auch bald aufgebraucht sein.

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Ökobauern gegen konventionelle Landwirte

Rainer Spiering dagegen findet, dass die Dürre zum unternehmerischen Risiko der Bauern gehöre. Die konventionell betriebene Landwirtschaft sei nicht breit genug aufgestellt, so der agrarpolitische Sprecher der SPD-Fraktion. "Wer auf 200 Hektar Weizen anbaut, der geht in schlechten Jahren wie in diesem ein hohes Ertragsrisiko ein", meint der 62-jährige, der aus Nordrhein-Westfalen stammt. In Ostdeutschland dagegen widersprechen ihm sogar Vertreter seiner eigenen Partei energisch. Denn in ihren Wahlkreisen sehen sie, welche Schäden die Dürre angerichtet hat, ob beim Biobauern oder bei den konventionell arbeitenden Landwirten wie Elard von Gottberg.

Elard von Gottbergs Agrargenossenschaft hat schon überlegt auf einen rein ökologischen Betrieb umzusatteln. Doch das kostet Zeit und Geld. Was aber, wenn die Molkereien so wenig für die Milch erhalten, dass sie draufzahlen müssen? Wenn der Fleischpreis in Deutschland so niedrig ist, dass man nur mit Turbomast schwarze Zahlen schreibt? "Wir bekommen für unsere Produkte nicht das Geld, das sie wert sind", klagt Elard von Gottberg. Geld, das sie für den ökologischen Umbau aber bräuchten.

Eine Agrarwende ist überfällig

Angesichts des Hilfeschreis der Bauern fordern nun auch viele eine Agrarwende, die bisher nicht als ökologische Vorreiter bekannt sind. Allen voran das Bundeslandwirtschaftsministerium, dem in Deutschland meist konservative Politiker vorstanden. So auch jetzt: Die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist Christdemokratin. Sie hat den Landwirt nun im Visier und will, dass die Bauern ihre Betriebe umstellen. Julia Klöckner will die Staats-Hilfen an die Bauern daran koppeln, ob sie genug für den Klimaschutz tun, Emissionen senken, vielfältigere Pflanzen auswählen, klimatisch angepasste Sorten verwenden. Für 7,2 Prozent der deutschen Co2-Emissionen trägt die Landwirtschaft die Verantwortung. Jährlich erhält die deutsche Landwirtschaft elf Milliarden Euro Fördermittel von der EU. Wer fast die Hälfte seiner Betriebseinnahmen durch Subventionen sicher weiß, dem darf der Steuerzahler auch ein paar Regeln diktieren, so die Klöckner-Logik.

Höfe sterben, Agrarkonzerne wachsen

Tausende Milchviehbetriebe haben in den letzten Jahren dem ruinösen Milchpreiswettbewerb nicht mehr stand halten können. Fünf Groß-Molkereien konnten in Deutschland den Milchpreis so drücken, dass es laut der betroffenen Bauern nicht mehr rentabel ist, Milchkühe zu halten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mussten seit 2010 bundesweit fast 30.000 landwirtschaftliche Familienbetriebe aufgeben. Gewinner sind große Agrarkonzerne, die die Brüsseler Agrarsubventionen ohne Gegenleistung einstreichen können, denn ausgezahlt wird nach Größe des Betriebes.

Deutschland Hitzewelle 2018 - Ernteausfälle | trockenes Feld in Sachsen (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Staub statt Weizen: ein trockenes Feld in Sachsen

Der Acker wird zum Anlageobjekt. Nach Informationen des grünen Europaabgeordneten Martin Häusling verfügen drei Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland über 50 Prozent der Ackerfläche. Auch weltweit ist die Landwirtschaft in der Hand einiger weniger: Laut Konzernatlas 2017 der Heinrich Böll Stiftung, des BUND, Oxfam, Germanwatch und Le Monde entfallen auf nur 50 Firmengruppen die Hälfte des weltweiten Umsatzes mit der Herstellung von Lebensmitteln. Sie besitzen das Saatgut, die Äcker, die Landwirtschaftsmaschinen, die Molkereien, den Handel. Wer über die Agrarwende redet, muss auch darüber reden, sagt Häusling. Über Kartellrecht, Saatgutlizensen, Klimaschutz, Handel, Monopolbeschränkungen, Mindestpreise. Auch darüber, dass die Massentierhaltung den Steuerzahler viel kostet, zum Beispiel durch die Nitratverschmutzung von Trinkwasser aus Düngemitteln.

Für die Agrarwende bedarf es politischen Mutes

Die Politik müsste aber auch dem Verbraucher etwas zumuten, um die Agrarwende einzuleiten. 71 Prozent der Deutschen bereitet der Klimawandel laut aktueller Umfragen offenbar große Sorge. Das Tierwohl steht auch weit oben auf der Agenda der Deutschen. Wie das zusammenpasst, wenn 500 Gramm Schweinefleisch für 2,50 Euro im Supermarkt angeboten werden, scheinen die meisten zu verdrängen. Für die Herausgeber des Konzernatlas sind es viele Stellschrauben, die nachgezogen werden müssen. In einer globalisierten Welt, einer auf Export orientierten Wirtschaft wie der deutschen, bedürfe es Mut, so die Experten, den Agrarkonzernen Regeln aufzuzwingen. Auch dem Verbraucher werfen sie mangelnde Verantwortung vor. Die Massentierhaltung sei Verursacher vieler ökologischer Probleme. Zum Beispiel gebe es in Deutschland immer mehr Vegetarier, aber der Fleischverzehr bleibe konstant. Der Grund: Die "hippen XXLGriller, die 1000 Gramm schwere Steaks auf ihrem teuren High-Tech Grill" schwenken.

Es geht um mehr als nur um Nothilfe. In der Umgebung der Fiener Agrargenossenschaft des Bauern Elard von Gottberg sind die Jungen mangels Arbeit weggezogen. Manche Teile Brandenburgs gelten als unbesiedelt, weil es dort keine Betriebe und also auch keine Arbeit mehr gibt. Wer die Landwirte dort aufgibt, gibt auch den ländlichen Raum auf. Starke familienbetriebene Höfe, ökologisch geführt, beim Klimaschutz und bei der Versorgung ganz vorn, die Landschaft pflegend, sind ein Teil der Lösung. Aber eben nur ein Teil. Welche Wirkung die Dürrenothilfe des Bundes hat, darüber wird man jetzt diskutieren.

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