Fordert die Ukraine Cranachs ″Adam und Eva″ zurück? | Kultur | DW | 27.10.2020
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Restitutionsstreit

Fordert die Ukraine Cranachs "Adam und Eva" zurück?

Das Diptychon von Lucas Cranach d. Ä. "Adam und Eva" wurde von den Sowjets 1920 aus Kiew geraubt und verkauft. Nun könnte die Ukraine es zurückfordern. Die Irrfahrt eines Kunstwerks.

Das Diptychon Adam und Eva v.Lucas Cranach dem Älteren

Gefunden unter einer Kirchentreppe in Kiew: Diptychon "Adam und Eva" von Lucas Cranach dem Älteren

Das Diptychon "Adam und Eva" von Lucas Cranach dem Älteren, einem Meister der deutschen Renaissancekunst des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, ist schon lange ein Streitfall, der die Gerichte beschäftigt. Die beiden Tafeln mit dem ersten Menschenpaar befindet sich heute in der Sammlung des Norton-Simon-Museums im US-amerikanischen Pasadena. Bereits zwei Mal haben Gerichte der USA entschieden, dass das auch so bleiben soll.

Auf die Herausgabe des Kunstwerks hatte zunächst die Erbin des niederländischen Antiquars Jacques Goudstikker, Marei von Saher, geklagt. Sie stellte das US-Museum als rechtmäßigen Eigentümer in Frage, bis ein Gericht im Jahr 2018 dem Streit ein Ende setzte und das Kunstwerk im Besitz des Museums beließ. Doch nun könnte der Fall wieder aufgerollt werden, weil auch die Ukraine auf Herausgabe klagen könnte. Und Jelena Schiwkowa, stellvertretende Direktorin des heutigen Nationalen Kunstmuseums Khanenko in Kiew, ist überzeugt, dass die Ukraine gute Aussichten hat, die Rückgabe des Renaissance-Werks zu erwirken.

Zufällige Entdeckung

Rückblick: Im Jahr 1927 fand Wassili Ischtschenko, Beauftragter für die Beschlagnahmung von Kunstwerken in religiösen Einrichtungen und Mitarbeiter des staatlichen Museums, in das die Bolschewiki das Kiewer Höhlenkloster verwandelt hatten, unter einer Treppe zum Glockenturm einer der Kirchen eine Holztafel. Darauf waren zwei Figuren zu sehen - eine männliche und eine weibliche. Das Bild wurde gesäubert und zunächst Teil einer Ausstellung für antireligiöse Propaganda.

Außenansicht des Kiewer Höhlenklosters

Das Mönchsleben im Kiewer Höhlenkloster wurde erst Ende der 1980er-Jahre im Rahmen der Perestroika wiederbelebt

Der Direktor des Museums lud einen prominenten Experten für westliche Kunst, Sergej Giljarow, ein, sich den Fund anzusehen. Er datierte das Werk auf die Zeit der deutschen Renaissance. Daraufhin wurde das Gemälde ins Kunstmuseum gebracht, in dem Giljarow damals tätig war, das heutige Khanenko Museum. Dort unterzog man es einer weiteren Reinigung. Und zwar nicht gerade einer sanften. Denn es kamen mehrere Eimer Wasser zum Einsatz, wie Giljarow in einer 1929 veröffentlichten Broschüre über das gefundene Diptychon schrieb. Danach begann eine eingehende Untersuchung sowie die Restaurierung.

Es stellte sich heraus, dass das Werk nicht auf einer, sondern auf zwei Tafeln gemalt war. Diese wurden getrennt, die Restaurierung fortgesetzt. Irgendwann tauchte unter einer Lackschicht in der Ecke einer der Tafeln eine Schlange mit einem Wappen auf dem Rücken auf: das Signet von Lucas Cranach dem Älteren - der Beweis für den Urheber des Diptychons.

Cranach kam von Kiew nach Berlin

Das Meisterwerk von Cranach dem Älteren befand sich jedoch nur für kurze Zeit im Kunstmuseum in Kiew. 1929 wurde es beschlagnahmt - von Vertretern der sowjetischen Behörde, die für den Kauf und Verkauf von Antiquitäten zuständig waren. Sie brachten es nach Leningrad. Diese Behörde sei damit beschäftigt gewesen, wertvolle Kunstwerke aus staatlichen Museen für den Verkauf auf Auktionen im Ausland zu bewerten, sagte Serhij Kot, Historiker am Institut für Geschichte der Ukraine im DW-Interview. Die Sowjetunion habe dringend "harte Währung" gebraucht.

"Als bewiesen war, dass es sich um ein Kunstwerk aus der Hand von Cranach d.Ä. handelt, hatten die Verkäufer einen zusätzlichen Anreiz, denn sie erhielten Provisionen. Sie waren sehr daran interessiert, das Diptychon im Ausland zu verkaufen, egal wie stark Giljarow und seine Kollegen um das Kunstwerk kämpften", so Kot. 1931 wurden "Adam und Eva" vom Auktionshaus Rudolph Lepke in Berlin für 10.000 US-Dollar an den bekannten jüdisch-niederländischen Kunsthändler Jacques Goudstikker verkauft.

Jelena Schiwkowa steht vor dem Gemälde von Pierre Louis Goudreaux Liebespaar

Jelena Schiwkowa, stellvertretende Direktorin des Khanenko Museums in Kiew

Das Diptychon "Adam und Eva" sei in dem Auktionshaus als Teil der Sammlung der russischen Aristokratenfamilie Stroganow angeboten worden, sagt Jelena Schiwkowa, stellvertretende Direktorin des Kunstmuseums in Kiew. Beweise dafür habe sie in der Münchner Kunstbibliothek und in einem Koblenzer Archiv gefunden. Sie spricht von "einzigartigen Dokumenten", die sie dort zum ersten Mal einsehen konnte. "Ich habe den Katalog der Lepke-Auktion gefunden, in der das Diptychon verkauft wurde. Es wurde zynisch als Teil der Stroganow-Sammlung angeboten. Die Bolschewiki wollten verbergen, dass sie Werke aus staatlichen Museen verkaufen, was verboten war", so die Kunstexpertin.

In verschiedenen Händen

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, auf der Flucht aus den von den Nazis besetzten Niederlanden, verkaufte der jüdisch-niederländische Kunsthändler Jacques Goudstikker seine Gemäldesammlung, darunter das Werk von Cranach dem Älteren, an den Reichsmarschall Hermann Göring. Ein Zwangsverkauf. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fanden die US-Amerikaner die Bilder in Görings Residenz und übergaben sie im Rahmen einer Restitution an die niederländische Regierung.

Jacques Goudstikker 1938

Jacques Goudstikker erwarb Cranachs "Adam und Eva" 1931 auf einer Auktion

In den 1960er-Jahren wurde das Diptychon von einem der Erben der Stroganows, Prinz Stroganow-Schtscherbatow, entdeckt. Er reichte eine Klage ein, mit der er Rechte an den Gemälden gemäß dem Restitutionsgesetz geltend machte. Daraufhin übergaben ihm die Niederlande das Diptychon. Doch schon bald verkaufte der Prinz die Gemälde an den US-amerikanischen Sammler Norton Simon: 1970 wechselte "Adam" den Besitzer, 1971 folgte "Eva". 1974 ging die Norton-Simon-Sammlung schließlich in den Besitz des Pasadena Art Museum über, das zu Ehren des Sammlers umbenannt wurde.

Hoffnung auf Rückkehr in die Ukraine

Für die Kunstexpertin Jelena Schiwkowa ist der Fall klar: Die Ukraine soll in Anbetracht der Falschangaben der Sowjets beim ersten Verkauf des Diptychons versuchen, "Adam und Eva" zurückzubekommen. Es sei auch schon gelungen, verlorengeglaubte Gemälde aus der Sammlung des Khanenko Museums zurück nach Kiew zu holen.

Dem Khanenko Museum sind im Zweiten Weltkrieg rund 25.000 Exponate abhanden gekommen, darunter viele Gemälde. Schiwkowa sagt, man habe vermutet, dass die von den Deutschen erbeuteten Bilder bei der sowjetischen Offensive in der Nähe von Königsberg verbrannt worden waren. Doch es sei ihr gelungen, zwei Bilder auf internationalen Auktionen zu finden und schließlich nach Kiew zurückzuholen. "Jeden Tag durchstöbere ich Hunderte Antiquitäten-Websites und suche die Nadel im Heuhaufen. In unserem Katalog der Kriegsverluste befinden sich 471 Gemälde. Ich kenne sie alle auswendig", sagt die stellvertretende Museumsleiterin.

Gesetzesgrundlage schaffen

Wenn die Ukrainer die aus den Museen entwendeten Kulturgüter zurückholen wollten, müsse die Führung des Landes politischen Willen zeigen und sich mit der Rückgabe von Kunstschätzen befassen, so der Anwalt Andrij Wdowitschenko. "Das Kulturministerium und das Außenministerium der Ukraine müssen neue Vorschriften erarbeiten, ausgehend vom Gesetz aus dem Jahr 1991 über die Rehabilitierung der Opfer des kommunistischen totalitären Regimes zwischen 1917-1991", so Wdowitschenko. 

Das Gesetz, mit dem das kommunistische Regime in der Ukraine verurteilt wird, enthalte eine Bestimmung über die Rückgabe von Eigentum an die Opfer, die man jedoch noch präzisieren müsste. 1999 sei ein weiteres Gesetz über den Export, Import und die Rückgabe von Kulturgut verabschiedet worden. "Artikel 3 legt fest, was genau als Kulturgut der Ukraine betrachtet werden kann, und Cranachs Diptychon entspricht dieser Festlegung. Aber auch dieses Gesetz ist nicht perfekt", bedauert der Anwalt. Um eine Rückgabe von Kulturgut in die Ukraine anstreben zu können, sei ein neues Gesetz nötig, das auf den beiden vorherigen basiere und internationalem Recht entspreche.

"Es können auch bilaterale Abkommen sein, wie das zwischen der Ukraine und Ungarn aus dem Jahr 1995 - über die Zusammenarbeit bei der Rückgabe von Kulturgut, das während des Zweiten Weltkriegs und in anderen Jahren in das Gebiet des jeweils anderen Landes geraten ist. Wenn wir über das Cranach-Diptychon sprechen, dann brauchen wir ein solches Abkommen mit den USA", so Wdowitschenko.

Aussicht auf eine Rückkehr

An einem neuen Gesetz zum kulturellen Erbe, das den Zeitraum von 1920 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts umfasst, wird schon gearbeitet, so die stellvertretende ukrainische Kulturministerin Switlana Fomenko im Gespräch mit der DW. "Im Sommer wurde ein Präsidialdekret erlassen, in dem eindeutig festgelegt ist: Die Rückgabe des ukrainischen Kulturerbes aus dem Ausland ist eine vorrangige Aufgabe."

Die Rückkehr von "Adam und Eva" in die Ukraine sei ein langfristiges, aber aussichtsreiches Vorhaben, meint die stellvertretende Ministerin. Ihr Recht auf das Cranach-Diptychon müsse die Ukraine erst noch nachweisen, so Fomenko.

Dazu sind ihr zufolge verlässliche Primärquellen für Dokumente nötig. Dann könne das Kulturministerium auf diplomatischer Ebene verhandeln oder vor Gericht klagen. "Die Ukraine hat noch keine Klage auf Rückgabe des Cranach-Diptychons eingereicht. Aber wir arbeiten daran."

Adaption: Markian Ostaptschuk

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