COVID-19 in Afrika: Potenzierte Gefahr für Krisenländer | Afrika | DW | 05.05.2020
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Afrika

COVID-19 in Afrika: Potenzierte Gefahr für Krisenländer

Fast alle afrikanischen Staaten haben ihre Grenzen geschlossen, viele haben Ausgangssperren verhängt, um das Coronavirus einzudämmen. Doch Hilfsorganisationen warnen vor Auswirkungen auf Frieden und Sicherheit.

Senegal Corona-Pandemie (Imago-Images/Le Pictorium/S. Souici)

Das Personal im Krankenhaus in der senegalesischen Hauptstadt Dakar versucht sich an die Hygienevorschriften zu halten

Zwar ist der jahrelange Bürgerkrieg im Südsudan vorerst gestoppt. Auch scheint die Corona-Pandemie den jungen krisengebeutelten Staat bisher zu verschonen: Bis Sonntagabend wurden gerade einmal 46 infizierte Personen registriert. Die seit dem 12. März regierende Einheitsregierung von Präsident Salva Kiir und Vizepräsident Riek Machar hatte früh reagiert und die Mobilität der Bevölkerung eingeschränkt, um eine großflächige Verbreitung des Virus im Land zu verhindern.

Doch die Reisebeschränkungen im Südsudan und im Nachbarland Sudan haben auch dazu geführt, dass die Stationierung von drei Polizeieinheiten der UN-Friedensmission UNISFA ausgesetzt werden musste. Obwohl sich die Beziehungen zwischen dem Sudan und dem Südsudan verbessert haben, glaubt Jean-Pierre Lacroix, Leiter der UN-Friedenssicherungseinsätze, nicht, dass es derzeit bei dem Streit um das von beiden Ländern beanspruchte Gebiet Abyei zu Fortschritten kommen kann.

Gravierende politische Folgen

Auch in der Demokratischen Republik Kongo muss die UN-Friedensmission MONUSCO ihre Arbeitsroutinen verändern, berichtet Benno Müchler, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in der DRK, im Gespräch mit der DW: "Beispielsweise wurde das Rotationsprinzip, bei dem es um das Auswechseln der Mitarbeiter geht, von drei Monaten auf sechs Monate verlängert." So wolle man eine hohe Fluktuation vermeiden, um nicht zu riskieren, dass das Virus ins Land hinein oder heraus gebracht werde. Auch sonst sei die Arbeit der Sicherheitskräfte der MONUSCO erschwert: Sie müssten bei ihren Patrouillen wie alle anderen Sicherheitsabstände einhalten, Mundschutz zu tragen und sich die Hände regelmäßig desinfizieren.

Vor allem aber warnt Müchler vor den wirtschaftlichen Folgen der Schutzmaßnahmen. Diese könnten so verheerend ausfallen, dass gravierende politische Folgen unvermeidbar wären. In fragilen Staaten wie dem Kongo drohe gar der Staatszerfall: "Gerät der Kongo in ein Chaos, in politisch unwägbare Zeiten, dann kann das Folgen für die ganze Region haben", so Müchler weiter. Im Ostkongo sind knapp 70 Rebellengruppen aktiv. Laut Müchler könnten diese versuchen, die aktuelle Lage zu nutzen, um weitere Gebiete zu erlangen oder im Bergbau Gewinne zu machen. Was also kurzfristig dem Gesundheitsschutz dient, kann die politische Lage langfristig belasten.

Straßenszene in Luvungi, Nord-Kivu, DR Kongo (picture-alliance/Y. Tylle)

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo werden die Menschen von den FDLR-Rebellen vetrieben

Bestehende Bedrohungen verschärfen sich

Fast alle afrikanischen Staaten haben ihre Grenzen geschlossen, Ausgangsperren verhängt und Massenversammlungen verboten, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Gerade diese notwendigen Maßnahmen könnten laut dem Institut für Sicherheitsstudien (ISS) eine ganze Reihe ungewollter Entwicklungen nach sich ziehen: Sie könnten etwa zu einem Verlust der Lebensgrundlagen für Millionen von Bürgern, zu Volksaufständen, Nahrungsmittelknappheit, Terrorismus, der Einstellung laufender friedensfördernder Operationen und einem Anstieg der geschlechtsspezifischen Gewalt auf dem afrikanischen Kontinent führen.

"Die Gesundheitskrise verschärft im Grunde die bereits bestehenden Bedrohungen in Afrika", sagte Paul-Simon Handy, Leiter der Abteilung Konfliktvermeidung und Risikoanalyse des ISS, während einer Online-Podiumsdiskussion zum Thema: "Auswirkungen von COVID-19 auf Frieden und Sicherheit in Afrika". Erste Folgen sind laut Fred Gateretse-Ngoga, dem Leiter der Abteilung für Konfliktprävention bei der Afrikanischen Union, schon erkennbar: "Wir sehen eine Zunahme der Terroranschläge im Sahel, am Tschadsee und in Somalia." Doch während die Fluchtursachen bestehen bleiben, warnte Cosmas Chanda vom UNHCR bei der Diskussion vor den Folgen für die schon jetzt 25 Millionen Flüchtlinge auf dem Kontinent.

Symbolbild Afrika Flüchtlinge in einem Truch (Getty Images/AFP/F. Vergnes)

Flüchtlinge werden aus Kongo-Brazzaville in die Zentralafrikanischen Republik zurückgebracht

Vorbereitung auf die Zeit nach der Krise

COVID-19 erschwere die Möglichkeiten, Güter zu verteilen und mit Menschen in Kontakt zu treten, die Hilfe brauchen, beschreibt Jens Laerke vom UN-Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) die Situation der Flüchtlinge. Im Interview mit der Deutschen Welle sagt er: "Die Einsätze sind stark beeinträchtigt, insbesondere mit Blick auf die internationalen kommerziellen Flüge, die wir normalerweise für den Transport von Hilfsgütern und Personal rund um die Welt nutzen. Sie fliegen einfach nicht mehr." Alternative Transportwege würden derzeit etabliert, sagt Laerke. Schwierig sei das allerdings in Ländern, in denen bewaffnete Auseinandersetzungen stattfänden.

Ein weiteres Problem sieht Laerke bei den vielen Menschen, die im informellen Sektor arbeiten und im Wesentlichen von der Hand in den Mund leben: "Sie könnten in tiefere Armut abrutschen und dann für lange Zeit humanitäre Hilfe benötigen." Um dies zu vermeiden, seien große Anstrengungen und auch finanzielle Hilfe nötig. Doch die Experten bei der Online-Podiumsdiskussion "Auswirkungen von COVID-19 auf Frieden und Sicherheit in Afrika" waren sich einig: Die Situation biete auch eine Möglichkeit für ein stärkeres Zusammenwachsen des Kontinents. Schon jetzt stellen afrikanische Länder Beatmungsgeräte und Schutzkleidung für den regionalen Bedarf her. Für die Podiumsteilnehmer eine notwendige Entwicklung und ein Vorgeschmack auf eine multilaterale Post-Covid-Weltordnung.