Coronavirus in der Türkei: Eine Katastrophe mit Ansage | Europa | DW | 31.03.2020
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Europa

Coronavirus in der Türkei: Eine Katastrophe mit Ansage

Die Pandemie verbreitet sich rasant in der Türkei. Dennoch ist der türkische Präsident Erdogan gegen eine weitreichende Ausgangssperre. Krankenhäuser machen sich auf eine Flut von Corona-Patienten gefasst.

Ausgangssperre für Über-65-Jährige in der Türkei

Ausgangssperre für Über-65-Jährige in der Türkei

In kaum einem anderen Land der Welt verbreitet sich SARS-CoV-2 so schnell wie in der Türkei. Die Zahl der Infizierten hat sich innerhalb von nur einer Woche ungefähr versiebenfacht. Laut Johns-Hopkins-Universität befindet sich die Türkei mittlerweile auf Platz zehn der Länder mit den meisten Infektionen weltweit. Doch während zahlreiche EU-Staaten im Kampf gegen das Virus Ausgangssperren oder "Kontaktverbote" beschlossen haben, zieht die Türkei bislang nicht nach. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan setzt mit seiner Regierung vor allem auf Einschränkungen des internationalen und überregionalen Verkehrs. Zudem ließ sie Bildungseinrichtungen und Parks schließen - Großereignisse wurden abgesagt. Eine Ausgangssperre gilt lediglich für Türken, die älter als 65 sind und somit zur Risikogruppe gehören. Der Rest der Bevölkerung soll sich auf freiwilliger Basis möglichst selbst isolieren.

Social Distancing: Wie weit gehen?

In der türkischen Öffentlichkeit, aber auch innerhalb der Regierung, wird seit Tagen darüber diskutiert, ob gesetzliche Quarantänemaßnahmen für alle notwendig werden könnten. Während Gesundheitsminister Fahrettin Koca für eine Ausgangssperre plädiert, positioniert sich Erdogan dagegen. Der türkische Präsident will offenbar nicht riskieren, dass die seit Sommer 2018 kriselnde Wirtschaft abstürzt.

Der Generalsekretär des türkischen Ärztebundes (TTB) Bülent Nazim Yilmaz

Der Generalsekretär des türkischen Ärztebundes (TTB) Bülent Nazim Yilmaz

Unterstützung für diesen Kurs bekommt Erdogan sogar vom politischen Gegner. Die Virologin Gaye Usluer sitzt als Abgeordnete der größten Oppositionspartei im Parlament. Der Deutschen Welle sagte die CHP-Politikerin, dass die Ausgangssperre nicht entscheidend sei. Es sei wichtiger, soziale Aspekte zu berücksichtigen. "Es gibt nun einmal Menschen, die zur Arbeit gehen müssen. Es müssen jetzt Entlassungen verhindert und Angestellte geschützt werden." Der Generalsekretär des türkischen Ärztebundes (TTB), Bülent Nazim Yilmaz, sieht eine weitgehende Quarantäne ebenfalls kritisch. Nur eine solide Isolation sei ein wirksames Mittel nach den Gesetzen der Epidemiologie, nicht zwangsläufig eine Ausgangssperre.

"Es kann morgen schon zu spät sein"

Zu den bekanntesten Befürwortern einer Ausgangssperre zählt der Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu: "Istanbul ist einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt. Die Verbreitungsgeschwindigkeit (des Coronavirus, d. Red.) ist sehr schnell. Daher sollte ein Ausgangsverbot beschlossen werden. Wenn wir jetzt nicht mutig sind, kann es morgen schon zu spät sein." 

Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu

Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu

Ähnlich analysiert auch der Neurowissenschaftler und Genetiker Caghan Kizil die Situation in der Türkei. Der Leiter der Helmholtz-Forschungsgruppe an der TU Dresden hält strenge Quarantänemaßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus für unumgänglich: "Wir wissen, dass die schreckliche Situation in Italien, Spanien und teilweise in den USA daraus resultierte, dass nicht ausreichend Social-Distancing-Maßnahmen durchgeführt wurden. Die Türkei hat bis heute keine strikte Quarantäne verhängt. Die Mehrheit der Bevölkerung kann sich immer noch frei bewegen."

"Deutschland ist ein gutes Beispiel"

Aber nicht nur Ausgangssperren sind umstritten. Die türkische Regierung wird dafür kritisiert, dass sie Verdachtsfälle zu selten auf das Coronavirus teste. Rund 77.000 Testungen erfolgten bislang laut Behördenangaben insgesamt in der Türkei. "Das ist nicht genug", mahnt Wissenschaftler Kizil. "Die Tests sind wichtig zur Prävention. Man muss die Infizierten isolieren." Eine starke Verbreitung könne nur verhindert werden, wenn die Fälle von Infektionen gründlich registriert würden. "Deutschland ist da ein gutes Beispiel." Im Vergleich: In Deutschland werden Angaben des Robert-Koch-Instituts zufolge derzeit rund 350.000 Personen pro Woche getestet.

Istanbul, Taksimplatz

Istanbul, Taksimplatz

Da die türkische Regierung erst sehr spät auf das Coronavirus testen ließ, gehen viele Experten davon aus, dass die tatsächlich Zahl von Corona-Infizierten deutlich höher ist als die offiziellen Zahlen annehmen lassen.

Mediziner fürchten sich vor der großen Welle

Für zahlreiche Mediziner in türkischen Krankenhäusern, mit denen die Deutsche Welle gesprochen hat, ist die Eindämmung des Coronavirus durch Social-Distancing, Tests und Isolation bereits gescheitert.

Mehr lesen: Türkische Ärzte befürchten "italienische Verhältnisse"

Stattdessen rechnen die Krankenhausangestellten mit einem baldigen Ansturm von Corona-Patienten, der das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringt. Die türkische Regierung hingegen sieht offiziellen Angaben zufolge keine Gefahr, denn die Türkei verfüge über zehntausende Beatmungsgeräte und Intensivbetten.

Hinweis: In einer ursprünglichen Version des Artikels hatten wir eine falsche Zahl beim Vergleich der durchgeführten Corona-Tests in der Türkei und in Deutschland angegeben. Wir haben die Zahlen korrigiert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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