Coronakrise: Das Leben mit der Ausgangssperre - Eindrücke aus Rom | Kultur | DW | 20.03.2020
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Italien

Coronakrise: Das Leben mit der Ausgangssperre - Eindrücke aus Rom

Wegen Corona dürfen in Italien 60 Millionen Menschen das Haus nicht verlassen. Unser Autor Simone Alliva befindet sich in Rom und erzählt, wie sich das anfühlt.

Diese Stille ist heilig: Auf einem der größten Plätze der Welt am Fuße des Petersdoms herrscht heute, am 12. März, Ruhe.

Normalerweise wehen hier Fahnen, Väter tragen ihre Kinder auf den Schultern, Nonnen halten sich in der Nähe der heiligen Stätte auf. Sonntags ist der Platz sonst immer überfüllt - 300.000 Menschen, ob bei Sonne oder Regen, wollen einen Blick auf den Papst bei der Messe erhaschen. Sie wollen eine unvergessliche Erinnerung mitnehmen, die aus einer anderen, sehr weit entfernten Zeit zu kommen scheint.

Der Platz vor dem Petersdom ist normalerweise voll mit Touristen... (picture-alliance/Arco Images)

Der Platz vor dem Petersdom ist normalerweise voll von Touristen...

Die quadratischen Großbildschirme auf dem Platz, die normalerweise das sonntägliche Angelus-Gebet übertragen, sind ausgeschaltet. Die Übertragung wurden auf die Zeit nach Ostern verschoben, da alle großen Versammlungen von der Regierung untersagt wurden. Nur zehn Passanten, wenige Touristen - alle mit Mundschutz ausgestattet - posieren für ein Foto. Polizisten patrouillieren. Die Carabinieri halten die Menschen an, die eigentlich nicht unterwegs sein dürften, und verhängen Bußgelder. Man riskiert eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Monaten oder eine Geldstrafe von bis zu 206 Euro, wenn man unerlaubt draußen unterwegs ist.

Der Platz vor dem Petersdom in Rom ist wegen der Ausgangssperre in Italien nun fast menschenleer. (Simone Alliva)

... nun ist der Platz fast menschenleer.

Nur zum Kauf von Lebensmitteln oder Medikamenten darf man das Haus verlassen. Ansonsten braucht man eine Sondergenehmigung. Der Coronavirus-Notstand in Italien und die von der Regierung getroffenen Anordnungen zur Eindämmung der Infektionen haben das öffentliche Leben in der italienischen Hauptstadt lahmgelegt.

Die Spanische Treppe

Rom ist wie leergefegt. Der Spanische Platz - die Piazza di Spagna - mitten im Zentrum ist eine der Hauptattraktionen - und jetzt praktisch ohne Menschen, ebenso die Spanische Treppe.

Die Spanische Treppe in Rom am 12. März 2020 (Simone Alliva)

Die Spanische Treppe in Rom - ein Ort, an dem sich sonst Touristen dicht an dicht drängen und Selfies schießen

Neben dem Barcaccia-Brunnen wacht ein einsamer Polizist. Er kontrolliert Fußgänger und hält dabei Abstand. "Lasst uns unsere Großeltern schützen", erklärt der Carabiniere. Er trägt keine Handschuhe, keinen Mundschutz, um sich zu schützen. "Wir werden nicht versorgt, aber wir müssen arbeiten", erklärt er.

Er fürchte sich vor dem Virus. "Aber ich desinfiziere ständig meine Hände, sehen Sie? Immer, nachdem ich Ausgeherlaubnis-Dokumente zurückgebe." Er hält Touristen an, sagt ihnen, dass sie die Spanische Treppe nicht hinaufsteigen dürfen. "Gehen Sie lieber zurück ins Hotel. Es ist nicht sicher." Niemand sei sicher, auch nicht die Carabinieri.

Der einsame Händler

Rahman, 45 Jahre alt, steht einsam vor seiner Ladentür, denn er hat seit Tagen keine Kunden mehr. Der Bengale betreibt einen der wenigen offenen Läden im Zentrum Roms, am Fuße des Kolosseums: Man biegt um die Ecke und steht vor seinem Geschäft "Sapori d'Italia" ("Italienische Geschmäcker"). Sein kleiner Laden bleibt geöffnet, wie die meisten Geschäfte, die Lebensmittel verkaufen. "Das ist noch nie passiert, die Leute haben Angst, sie kaufen nichts", berichtet er.

Ladenbesitzer Rahman in Rom: Er weiß, dass der Mundschutz, den er trägt, nicht gegen Corona hilft (Simone Alliva)

Ladenbesitzer Rahman: Er weiß, dass sein Mundschutz nicht vor einer Coronainfektion schützt

Sein Laden ist voll mit allen möglichen Spi­ri­tu­o­sen, aber niemand kauft etwas. Rahman trägt einen Mundschutz, der ihn aber nicht ausreichend vor den Viren schützt. Es ist eine PM2.5 Antismog-Schwamm-Gesichtsmaske. Gegen das Coronavirus werden aber FFP2- und FFP3-Filtermasken empfohlen. "Ich weiß, dass das nicht der richtige Mundschutz ist. Ich habe angefangen, ihn zu tragen, um die Kunden nicht zu verschrecken. Aber jetzt kommen gar keine Kunden mehr. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie lange der Zustand andauern wird und wie lange wir Händler durchhalten müssen. Ich lasse den Laden offen, ich hoffe, dass jemand kommt, jetzt darf ich die Hoffnung nicht verlieren. Wollen Sie etwas kaufen?"

Riccardo und Riccardo

Sie heißen beide Riccardo, sind 26 Jahre alt und repräsentieren eine ganze Generation in Quarantäne. Der eine Riccardo ist ein berufstätiger Student, der Wirtschaftswissenschaften studiert und nebenbei in einer Agentur jobbt, die Sprachspiele für Schulen verkauft. Der andere studiert im fünften Jahr Medizin. Der erste kommt aus Apulien, einer Region in Süditalien. Der zweite ist aus Mailand, dem Epizentrum der Coronavirus-Epidemie in Italien. In Rom teilen die beiden sich eine Wohnung, wie viele junge Menschen in ihrem Alter. Für Medizinstudenten geht die Arbeit weiter - sie werden in den Krankenhäusern gebraucht, deshalb hat die Regierung eine Sondergenehmigung für sie erlassen.

Die beiden Riccardos leben in einer WG in Rom (Simone Alliva)

Die beiden Riccardos leben in einer WG in Rom

Alle Italiener, die im Gesundheitswesen tätig sind, müssen ihre Arbeit ausüben (außer in den nördlichen Regionen, wie der Lombardei und Venetien): "Das verursacht tatsächlich große Probleme. Da die Sicherheitsvorkehrungen nicht garantiert werden können, riskieren wir, uns anzustecken", sagt Riccardo. "Das Risiko besteht auch darin, geliebte Menschen, wie meinen Mitbewohner, anzustecken, weil man sich Dinge teilt."

"Wir versuchen, obwohl die Universitäten große Schwierigkeiten haben, über das Internet zu studieren. Sie sind nicht auf eine solche Situation vorbereitet". Das Leben mit der Ausgangssperre ist langweilig, sagt Wirtschaftswissenschaft-Student Riccardo: "Es gibt nicht viel zu tun. Wir haben den Supermarkt vor unserer Tür. Davor ist immer eine lange Schlange. Wir haben es geschafft, uns Lebensmittel zu besorgen. Wir haben 45 Minuten vor der Tür gewartet. Weil wir keine Freunde treffen können, haben wir an den Wochenenden Skype-Partys gefeiert. Vor der Quarantäne sind wir in öffentlichen Parks spazieren gegangen, jetzt sind sie durch Verordnungen geschlossen worden."

Auf die Frage, ob sie auch immer mindestens einen Meter Abstand halten, erwidern die beiden Riccardos: "Das machen wir noch nicht mal, wenn wir zusammen einkaufen gehen. Wir leben doch zusammen."

Der Konstantinsbogen

Rom gleicht einer leeren Theaterbühne. Überquert man das Forum Romanum, gelangt man zum Konstantinsbogen und zum Kolosseum. Auch hier wirken die Polizeikontrollen wie eine Inszenierung: "Dokumente, bitte!". Nur, wenn man die gültige Ausgehberechtigung vorgelegt, darf man passieren. Auf dem verlassenen Platz stehen auch gepanzerte Fahrzeuge und Lastwagen des Militärs.

Die U-Bahn-Station "Colosseum" ist menschenleer. Normalerweise drängen sich hier die Touristen, um eines der berühmtesten Monumente der Welt zu fotografieren und Wasser aus den "Nasoni" - den öffentlichen Brunnen von Rom - zu trinken. Doch jetzt: weit und breit kein Mensch in Sicht.

Der Konstantinsbogen in Rom (Simone Alliva)

Wie eine Filmkulisse: der Konstantinsbogen in Rom

Der Konstantinsbogen ist verwaist. Hier und im Kolosseum versammeln sich normalerweise 7,5 Millionen Besucher pro Jahr. Die Einnahmen aus dem Tourismussektor, die 6 Prozent des italienischen Bruttoinlandsproduktes ausmachen, sollen laut Statistik allein im März um 90 Prozent zurückgehen - ein Verlust von rund 600 Millionen Euro. Am Konstantinsbogen kann man sonst viele Bettler antreffen, hier stehen normalerweise Schauspieler, die sich als Gladiatoren verkleidet haben. Jetzt: Keine Rikschas oder Straßenhändler. Das Monument - einer der am besten erhaltenen Triumphbögen des antiken Roms - wird ignoriert. Ein Carabinieri zieht seine Gesichtsmaske herunter und zündet sich eine Zigarette an: "Was machen wir hier?", fragt er einen Kollegen. Der zuckt resigniert mit den Schultern.

Der Trevi-Brunnen

Der Trevi-Brunnen diente einmal als Kulisse von Federico Fellinis legendärem Film "La dolce vita". Berühmt ist die Szene, in der Anita Ekberg "Marcello, komm her!" ruft. Den Brunnen kann man normalerweise Tag und Nacht besuchen. Er ist ein Selfie-Hotspot. Viele werfen eine Glücksmünze ins Wasser. Nun ist der Zugang zum Brunnen blockiert.

Niemand da, der eine Glücksmünze ins Wasser des Trevi-Brunnens wirft (Simone Alliva)

Niemand da, der eine Glücksmünze ins Wasser des Trevi-Brunnens wirft

Verlassen sieht er aus, wie eine dreidimensionale Postkarte. Die Souvenirläden und Bars und Restaurants ringsherum sind geschlossen. Die wenigen Menschen, die die marmorne Schönheit des Brunnens jetzt noch betrachten können, sind Menschen mit gültiger Ausgangsgenehmigung und die Polizei. Eine surreale Stille umgibt den Brunnen, die manchmal nur durch den Klang der Schritte der Polizei unterbrochen wird.

Marina und ihr Hund

"Ich bin seit drei Tagen zu Hause. Das habe ich immer noch nicht richtig begriffen", erklärt die 26-jährige Marina. "Vorher habe ich ein Praktikum in einer Kommunikationsagentur gemacht und hatte nicht viel Zeit für mich und meine Familie. Jetzt habe ich so viel Zeit, wie ich will, weil das Praktikum gerade durch eine regionale Anordnung ausgesetzt worden ist." Ein Zwangsurlaub, aber ohne Bezahlung: "Leider werde ich die Kostenerstattung erst am 3. April erhalten. Die Monate, die ich am Ende des Praktikums versäumt habe, werde ich erst dann nachholen können, wenn die Quarantäne vorbei ist." Aber dies sei in Ordnung so, erklärt sie.

Die Agentur habe die Gesundheit der Mitarbeitenden nicht garantieren können: "Mehrere Tage lang haben wir gearbeitet, als ob nichts wäre, ohne die Sicherheitsabstände zu beachten, ohne Masken. Erst jetzt scheint sich etwas zu bewegen. Ich hoffe es für die Gesundheit meiner Kollegen." 

Wie sind die Tage mit Ausgangssperre für ein 26-jähriges Mädchen in Italien? "Ich gehe nur raus, um einzukaufen und um mit meinem Hund Gassi zu gehen. Das darf ich laut der Notfallverordnung noch. Gassigehen wird als 'notwendiges' Hinausgehen anerkannt."

Trotzdem, Marina fühle in diesen Tagen der Isolation viel Leere, sagt sie. Die Leere einer ungewissen Zukunft: "Ich hatte einen Job, jetzt habe ich ihn nicht mehr. Ich hatte ein Gehalt, jetzt ist es nicht mehr da. Sogar mein soziales Leben gibt es nicht mehr. Ich kann meine Freunde nicht mehr sehen. Ich habe Angst, meine Eltern zu besuchen, weil ich unwissentlich infiziert sein könnte. Ich könnte sie anstecken, ohne es zu merken. Wir sind Gefangene des Virus und wer weiß, wie lange wir noch gefangen bleiben müssen."

In Italien, dem bisher von Corona am stärksten betroffenen Land, bleiben Schulen, Universitäten und Kindergärten bis mindestens 3. April geschlossen. Italiens Regierungschef Giuseppe Conte kündigte aber bereits an, dass die Maßnahmen verlängert werden.

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