Corona: Serrana - die geimpfte Stadt in Brasilien | Welt | DW | 24.02.2021
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Corona-Pandemie

Corona: Serrana - die geimpfte Stadt in Brasilien

Ein 45.000-Einwohner-Städtchen im Süden Brasiliens wird zum weltweit ersten Versuchslabor. Ein Forschungsinstitut impft fast alle Bewohner.

Brasilien Serrana Covid-19 Impfung

In Serrana stehen die Menschen seit einer Woche Schlange für die Impfung

Wuhan natürlich - die Stadt, in der die Corona-Pandemie ausbrach. Bergamo und New York wahrscheinlich, vielleicht Guayaquíl und Manaus - die Städte, die am meisten unter dem Virus litten. Doch welche Stadt wird in ein paar Jahren genannt werden als diejenige, die entscheidend mithalf, COVID-19 zu besiegen?

Möglicherweise Serrana. Eine Kleinstadt, 300 Kilometer nördlich von der Metropole Sao Paulo, in der eine der größten Zuckerrohrmühlen Brasiliens zur Gewinnung von Zucker und Alkohol steht, deren Namen aber auch einige Brasilianer noch nie in ihrem Leben gehört haben. Doch das könnte sich bald ändern.

Denn was dort seit einer Woche passiert, kann die weltweite Corona-Forschung einen riesigen Schritt voranbringen. Serrana hat Mittwoch vor einer Woche damit begonnen, beinahe die ganze Stadt mit dem chinesischen Impfstoff Coronavac zu impfen.

Genauer zwei von drei Bewohnern, 30.000 Menschen über 18 Jahre sollen auf freiwilliger Basis an dem Jahrhundertprojekt teilnehmen. Wenn alles gut läuft, wird die Welt in drei Monaten wissen, ob das Virus nach der großflächigen Impfung einer kompletten Stadt überlebt hat.

Der Bürgermeister als Impulsgeber vom "Projekt S"

Um ein solches Projekt in die Tat umzusetzen, braucht es zunächst einmal einen umtriebigen Bürgermeister. Wie Leonardo Capitelli, ein Kind der Stadt, den alle in Serrana nur Léo nennen. Der 38-Jährige ist gerade einmal ein paar Wochen in seinem Amt, Mitte November gewann er mit hauchdünnem Vorsprung von 600 Stimmen die Bürgermeisterwahlen.

Serranas Bürgermeister Léo Capitelli

"Diese Studie kann der gesamten Weltbevölkerung Hoffnung auf Heilung geben" - Léo Capitelli

Der zweifache Familienvater will den Menschen zeigen, dass sie mit ihrer Entscheidung goldrichtig lagen. Jeden Tag wirbt er unermüdlich in der Bevölkerung für das "Projekt S" - im persönlichen Gespräch, in den Medien und per Video auf allen sozialen Plattformen. "Projekt S", weil es zunächst noch geheim war („segredo") und jetzt den Namen der Stadt trägt - Serrana.

"Als Vertreter der Bevölkerung bin ich sehr glücklich und wahnsinnig stolz, Teil dieses historischen Projektes zu sein und gleichzeitig dafür sorgen zu können, alle Menschen in Serrana mit der Impfung zu schützen", sagt Capitelli, "wir sind damit ein Pionier der Welt in einem Forschungsprojekt, mit dem wir der Wissenschaft dienen und die Lebenserwartung der gesamten Weltbevölkerung erhöhen können."

Einteilung der Stadt in vier Zonen, Bevölkerung zieht mit

Capitelli hat die Karte von Serrana auf seinem Schreibtisch ausgebreitet und die Stadt zusammen mit den Forschern mit vier bunten Filzstiften in farbliche Zonen aufgeteilt. Der grüne Sektor wurde vom vergangenen Mittwoch bis zum Sonntag geimpft, jetzt startet der gelbe Sektor, dann der graue und am Ende der blaue Sektor. Ist der erste Zyklus vorbei, beginnen die Menschen der grünen Zone mit ihrer zweiten Impfung.

Zwei Monate dauert also die Massenimpfung und schon jetzt merkt der Bürgermeister, dass die Einwohner von Serrana leidenschaftlich mitziehen: "Die Menschen sind begeistert und haben große Erwartungen, nicht nur sich selbst immunisieren zu können, sondern gleichzeitig auch ihre Familien zu schützen."

Brasilien I Jair Bolsonaro I Präsident

"Der Impfstoff von BioNTech-Pfizer kann Sie in ein Krokodil verwandeln" - Jair Bolsonaro

Warum aber ausgerechnet Serrana? Wieso eine Stadt ausgerechnet in Brasilien? In dem Land also, das von einem Präsidenten regiert wird, der die Bekämpfung des Coronavirus immer auf die leichte Schulter genommen hat und COVID-19 mit einer kleinen Grippe und einem Schnüpfchen verglich?

Warum die Wahl auf Serrana fiel

Ricardo Palacios kennt diese Frage, er hat sie schon dutzendfach beantwortet, seit sich Medien in der ganzen Welt auf das "Projekt S" stürzen. "Wir Wissenschaftler arbeiten mit der selben Intensität wie in jedem anderen Land der Welt auch, weil es unsere Verpflichtung ist", sagt Palacios, "aber natürlich würden wir uns mehr Unterstützung durch die Regierung wünschen. Die wissenschaftliche Expertise sollte bei Corona die Regierungsführung leiten, aber leider ist dies in Brasilien nicht der Fall."

Ricardo Palacios, Direktor der klinischen Forschung beim Institut Butantan in Sao Paulo

"Wir würden eine Regierung vorziehen, welche Forschung als Schlüssel der Pandemiebekämpfung sieht" - Ricardo Palacios

Palacios ist Direktor der klinischen Forschung beim Institut Butantan in Sao Paulo, eines der angesehensten Forschungsinstitute Brasiliens, das federführend bei der Studie ist. Als er gefragt wird, ob er gerne die Leitung vom "Projekt S" übernehmen will, muss der Wissenschaftler nicht lange überlegen. "Ein solches Projekt aufzusetzen und zu leiten ist eine einmalige Möglichkeit für einen Forscher."

Dass die Wahl auf Serrana fiel, hatte einen einfachen Grund: die Stadt gehörte im vergangenen Jahr zu den Corona-Hotspots, fünf Prozent der Bevölkerung hatten sich nach einem Ausbruch in einem Pflegeheim mit dem Coronavirus infiziert.

Außerdem bot Serrana auch aus anderen Motiven ideale Forschungsbedingungen. "Die Stadt hat eine überschaubare Größe, die örtlichen Behörden haben uns vorbehaltlos unterstützt und die Antwort der Bevölkerung war positiv", sagt Palacios.

Nach Serrana weiß man: Was ist mit der Herdenimmunität?

Ein weiterer riesiger Pluspunkt: ein kompetentes Forschungsteam vor Ort, zu dem auch Marco Borges gehört, der Direktor des staatlichen Krankenhauses von Serrana. Er ist zuversichtlich, dass schon in drei Monaten Resultate vorliegen werden, auf welche die ganze Welt mit großem Interesse schauen wird.

Marcos Borges, Direktor des staatlichen Krankenhauses von Serrana

"Serrana ist relativ klein, aber hochmobil, was die Verbreitung von Infektionskrankheiten begünstigt" - Marcos Borges

"Das Projekt dauert insgesamt ein Jahr, aber in zwölf oder 13 Wochen werden wir die Ergebnisse der Hauptziele haben. Wir werden dann also sagen können, wie sich der Impfstoff auf die Virusübertragung auswirken wird. Und wie er dazu beiträgt, die schweren COVID-19-Fälle und die Sterblichkeit zu reduzieren."

Bis dahin gilt: impfen, impfen, impfen. Neben den Minderjährigen sollen nur Schwangere, stillende Mütter und Personen, die kurz vor dem Impfung Fieber haben, nicht mit dem Vakzin gespritzt werden. Borges kann es kaum bis Mai erwarten: "Alle Städte weltweit werden dann wissen, wie es um die Herdenimmunität nach einer Massenimpfung bestellt ist. Bis heute weiß das niemand."

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