Corona: In Deutschland geht es ohne Triage | Deutschland | DW | 16.04.2021
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Corona

Corona: In Deutschland geht es ohne Triage

Die gute Nachricht zuerst: In Deutschland wird es auf absehbare Zeit wohl keine Triage geben. Dennoch ist die Lage aufgrund steigender Corona-Infektionen und der sinkenden Anzahl verfügbarer Intensivbetten angespannt.

Deutschland Corona-Pandemie | Intensivstation | Asklepios Klinik

Kampf ums Überleben: Ein Corona-Patient auf einer Intensivstation in Deutschland

Kann es in Deutschland zu einer Art Auswahl von Erkrankten oder Verletzten nach Überlebenschancen kommen, wie dies in Spanien, Italien oder Frankreich im Frühjahr 2020 stattfand? Nach Einschätzung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und  Notfallmedizin (DIVI) ist dies sehr unwahrscheinlich - trotz steigender Infektionszahlen und einer hohen Auslastung der Intensivstationen.

"Bis jetzt musste trotz steigender Belegung von Intensivbetten seit Beginn der Pandemie keine Triage vorgenommen werden", erklärte DIVI-Pressesprecher Jochen Albrecht in einem Statement gegenüber der DW. Dies wurde am 15. April  von dem wissenschaftlichen Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, in einem Interview mit der Berliner Zeitung "Tagesspiegel" bekräftigt.

"Die gute Nachricht ist, dass wir alle Patienten versorgt bekommen werden, und es auch keine Triage-Situation in Deutschland geben wird", sagte Karagiannidis. "Davor schalten wir in den absoluten Notbetrieb".

Christian Karagiannidis

Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters: "In Deutschland werden wir alle Patienten versorgt bekommen"

Die Stellungnahme der DIVI ist angesichts der aktuell angespannten Lage in vielen Krankenhäusern, die an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten, umso bedeutungsvoller. Denn laut DIVI-Intensivregister ist die Anzahl der verfügbaren Betten von über 30.000 Einheiten im Juni 2020 auf mittlerweile 23.971 (Stand 14. April ) zusammengeschrumpft.

Kein Personal, keine Betten

Grund dafür ist in erster Linie das fehlende Fachpersonal. So haben seit Beginn der Pandemie rund 9.000 Pflegekräfte ihren Beruf verlassen. Ein Verlust, der auch durch die zunehmende Immunisierung von Pflegekräften sowie von Ärztinnen und Ärzten im Vergleich zur zweiten Welle nicht aufgefangen werden kann.

Außerdem wurde zu Jahresbeginn der Personalschlüssel für Pflegekräfte auf Intensivstationen von 2,5 Betten pro Pflegekraft auf zwei Betten gesenkt. "Die Maßnahme ist an sich gut, da es den Pflegekräften mehr Zeit gibt, sich um Patienten zu kümmern", erklärt DIVI-Pressesprecher Albrecht. "Die Kehrseite ist jedoch: Betten, für die es kein Personal gibt, müssen eben 'gesperrt' werden."

Die Folge: Es wird zunehmend enger auf den Intensivstationen. Von den zurzeit verfügbaren 23.917 Intensivbetten sind 21.053 belegt, der Anteil der noch freien Betten liegt bei zwölf Prozent. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle (Stichtag 16.12.2020) lag der Anteil der freien Betten bei knapp 17 Prozent.

Infografik Karte Anteil der freien Betten an der Gesamtzahl der Intensivbetten (Kreisebene) DE

Trotz der angespannten Lage steht Deutschland zumindest bei der Gesamtzahl von Intensivbetten im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern noch relativ gut da. Nach einer Studie der Privaten Krankenkassen (PKV) vom März 2020 belegt es im Vergleich zu 15 anderen EU-Ländern mit einer Rate von über 30 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner den ersten Platz im Länder-Ranking. Schlusslicht bildet Portugal mit 4,2 Betten. Der EU-15-Mittelwert beträgt 13,1 pro 100.000 Einwohner. 

Vorhandene Kapazitäten nutzen 

Um eine Triage zu vermeiden, schalten Krankenhäuser bei Engpässen in den sogenannten Notbetrieb. Dies bedeutet, dass alle nicht lebensnotwendigen Behandlungen zurückgestellt und Patienten in Krankenhäuser verlegt werden, in denen noch freie Betten vorhanden sind.

Die Organisation erfolgt nach dem sogenannten Kleeblattprinzip, nach dem die 16 Bundesländer in fünf Kleeblätter, also Regionen, eingeteilt sind. Das Konzept soll dazu dienen, überlastete Regionen und Krankenhäuser zu unterstützen, indem Patientengruppen dorthin verlegt werden können, wo Platz ist.

Laut Robert-Koch-Institut geschieht dies, "um vorhandene Kapazitäten zu nutzen, jeden Patienten adäquat zu versorgen und NIEMALS Patienten priorisieren zu müssen, selbst wenn es lokal zu Engpässen kommt."

In der Ärzteschaft ist man dennoch auf Nummer sicher gegangen - sollte es doch noch zu einer Triage in Deutschland kommen. So erarbeitete dieArbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) am 23. April 2020 eine Leitliniezu "Entscheidungen über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der COVID-19-Pandemie". Am 1. April dieses Jahres wurde die Gültigkeit der Leitlinie bis zum 31. Oktober 2021 verlängert.

Video ansehen 03:43

Corona-Prognose für Deutschland: 60000 Infizierte pro Tag im April

Empfehlung oder Gesetz?

Der Leitfaden sieht vor, dass bei jedem Patienten die Erfolgsaussicht der Therapie berücksichtigt werden muss. Grunderkrankungen, Alter, soziale Aspekte und Behinderungen sind laut Divi keine legitimen Kriterien für eine Triage-Entscheidung.

Dennoch ist der Leitfaden politisch umstritten."Wenn sich Ärztinnen und Ärzte an die Empfehlungen der Fachgesellschaften hielten, hätten viele behinderte Menschen so gut wie keine Chance auf eine lebenserhaltende Behandlung", fürchtet die grüne Bundestagsabgeordnete Corinna Rüffer. Sie fordert eine gesetzliche Regelung.

Der CSU-Abgeordnete Erich Irlstorfer hingegen setzt auf eine pragmatische Übergangslösung. Er will ein Gesetz auf den Weg zu bringen, dass Überstunden von Pflegekräften besser honoriert und auch eine Rückkehr von Gesundheitspersonal aus der Rente finanziell attraktiver gestaltet.

Lungenarzt Christian Karagiannidis von der Divi gibt ihm Recht: "Das Pflegepersonal und die Ärzte sind müde. Das ist das Grundproblem", sagte er im "Tagesspiegel". "Das macht mir richtig Sorgen."

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