Triage: Wer wird behandelt, wer nicht? | Deutschland | DW | 26.04.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Medizinethik

Triage: Wer wird behandelt, wer nicht?

Braucht Deutschland ein Triage-Gesetz? Die Coronakrise hat nun auch in Deutschland eine Debatte darüber entfacht, welche Patienten auf die Intensivstation kommen, wenn nicht genügend Plätze vorhanden sein sollten.

Coronavirus | Deutschland | Krankenhaus Havelhöhe Berlin (Reuters/F. Bensch)

Intensivstation in Berlin: 70 Prozent Überlebenschance

"Ich gebe Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schriftlich, dass ich im Fall einer mir drohenden Invasiv-Beatmung keines seiner Betten in Anspruch nehmen werde", versicherte der Schriftsteller Peter Schneider kürzlich in einem Beitrag für die Zeitung "Der Tagesspiegel". Es sei denn, in Deutschland sei die Sterblichkeitsrate von Corona-Intensivpatienten geringer als im US-Staat New York.

Der Schriftsteller und ehemalige Wortführer der 68er Studentenbewegung könnte seine Zusicherung zurücknehmen. Während im US-Staat New York laut Gouverneur Andrew Cuomo die Hälfte aller Corona-Erkrankten überlebt, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, liegt in Deutschland laut Robert-Koch-Institut (RKI) der Anteil bei 70 Prozent.

Auch einen Mangel an Intensivbetten und folglich eine sogenannte Triage, braucht Schneider nicht zu fürchten. In seinem Intensivregister weist das RKI für Deutschland am 24. April 30.000 Betten auf Intensivstationen aus, gut ein Drittel davon sind frei.

Überfüllte Krankenhausflure

Mit dem aus dem Französischen stammenden Begriff  Triage, zu deutsch "sichten" oder "sortieren", wird bei knappen Ressourcen die Auswahl von Erkrankten oder Verletzten bezeichnet - und zwar nach Gesichtspunkten wie Dringlichkeit oder Überlebenschancen.

Aufgrund der Corona-Pandemie diskutiert nun auch Deutschland über diese Priorisierung medizinischer Hilfeleistungen im Katastrophenfall. Denn in Spanien, Italien und Frankreich starben COVID-19-Patienten auf überfüllten Krankenhausfluren, weil es keine freien Plätze mehr auf der Intensivstation gab.

Vielerorts stehen Ärzte und Pflegepersonal vor schwierigsten ethischen Entscheidungen: Sie müssen auswählen, welcher Patient im Zweifelsfall an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird und wer nicht. Eine Entscheidung über Leben und Tod.

Uwe Janssens (picture-alliance/dpa/A. Hilse)

Intensivmediziner Janssens: "Keine Entscheidung heißt, alle sind tot"

"Es geht darum, in einer kritischen Situation, wo nicht mehr genügend Beatmungsplätze zur Verfügung stehen, eine Entscheidung zu fällen", sagt Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St. Antonius-Hospital in Eschweiler. "Es muss ja eine Entscheidung getroffen werden, keine Entscheidung heißt, dass alle tot sind."

Janssens ist Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin (DIVI), in der 19 Berufsverbände zusammengeschlossen sind. Die Vereinigung legte am 23. April eine überarbeitete Fassung ihrer "klinisch-ethischen Empfehlungen" vor, die Medizinern in Krisensituationen als Leitfaden dienen soll.

Kritik von Behindertenverbänden

Danach soll bei jedem Patienten die Erfolgsaussicht der Therapie berücksichtigt werden. Grunderkrankungen, Alter, soziale Aspekte und Behinderungen sind laut DIVI keine legitimen Kriterien für eine Triage-Entscheidung.

"Uns geht es nicht um die mittelfristige oder langfristige Lebenserwartung", so der DIVI-Präsident, "sondern nur darum, dass möglichst viele Menschen überleben. Und damit meinen wir alle: Behinderte, Alte, Junge, Demenzkranke, alle, die eine reelle Chance haben, zu überleben."

Corinna Rüffer im Bundestag (Imago Images/C. Spicker)

Grünenpolitikerin Rüffer: "Verstoß gegen den Schutz der Menschenwürde"

Dennoch ist der Leitfaden politisch umstritten. "Wenn sich Ärztinnen und Ärzte an die Empfehlungen der Fachgesellschaften hielten, hätten viele behinderte Menschen so gut wie keine Chance auf eine lebenserhaltende Behandlung", fürchtet die grüne Bundestagsabgeordnete Corinna Rüffer.

Patienten würden demnach unter anderem auf einer "Gebrechlichkeits-Skala" einsortiert. Eine junge behinderte Person mit persönlicher Assistenz könnte dabei das Nachsehen haben, vermutet Rüffer in einer Stellungnahme. Das wäre ein Verstoß gegen den Schutz der Menschenwürde und das im Grundgesetz verankerte Benachteiligungsverbot.

"Das Parlament ist in der Pflicht"

Für Rüffer "steht jetzt das Parlament in der Pflicht, gesetzliche Regelungen zu schaffen, die einer verfassungsrechtlichen Überprüfung standhalten." Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, fordert zumindest eine parlamentarische Debatte über das Thema. 

Intensivmediziner Janssens räumt ein, dass sich beim Thema Triage "eine gesetzliche Lücke auftut, da das Grundgesetz so etwas eigentlich gar nicht vorsieht". Dennoch wäre für ihn eine gesetzliche Regelung "die schlechteste Variante von allen".

Jens Spahn (Reuters/F. Rumpenhorst)

Gesundheitsminister Spahn (r.) in der Uniklinik Giessen: "Gesetzgeberischer Handlungsbedarf besteht nicht"

"Die Behindertenverbände haben große Ängste entwickelt, die ich auch verstehe", so Janssens. "Es schwingt immer die Angst mit, benachteiligt zu werden". Doch ein Trisomie-Patient bekomme die gleiche Behandlung wie ein anderer auch, versichert er. Janssens: "Es ist mir wichtig, dass die Debatte dazu führt, dass man uns vertraut."

"Staat darf menschliches Leben nicht bewerten"

Der Deutsche Ethikrat, der die Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften "maßgeblich" nennt, weist auf ein weiteres Dilemma hin: Auch wenn der Bundestag die gesetzliche Lücke schließen und ein Triage-Gesetz verabschieden würde, wäre dessen Wirkung wahrscheinlich begrenzt.

"Der Staat darf menschliches Leben nicht bewerten, und er darf deshalb auch nicht vorschreiben, welches Leben in einer Konfliktsituation vorrangig zu retten ist", heißt es in einer Stellungnahme zur Corona-Pandemie im März. Der Ethikrat sieht die Richtlinienkompetenz  bei den Fachgesellschaften.

Gesundheitsminister Spahn darf sich also bestätigt fühlen. Er beantwortete die parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Rüffer mit einem nüchternen Satz: "Gesetzgeberischer Handlungsbedarf zu diesen medizinethischen Fragen besteht nicht."

Die Redaktion empfiehlt