Corona-Epidemie im Iran: Fatale Folgen der Vertrauenskrise | Asien | DW | 05.03.2020
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COVID-19

Corona-Epidemie im Iran: Fatale Folgen der Vertrauenskrise

Das Coronavirus breitet sich im Iran weiter aus. Die Behörden sind völlig überfordert. Die Bevölkerung glaubt weder der Regierung noch den Experten - und nimmt Warnungen nicht ernst.

Mediziner desinfizieren LKWs in Mashhad (27.02.2020) (Reuters/WANA)

Mediziner desinfizieren LKWs in Mashhad

Wegen rasanter Ausbreitung des neuartigen Coronavirus wurde in mehreren Städten der nordiranischen Provinz Gilan die höchste Alarmstufe ausgerufen. Gilan liegt 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Teheran am Kaspischen Meer und ist das beliebteste Reizeiziel im Iran.

"Als die Schulen in Teheran wegen des Coronavirus geschlossen wurden, sind die Leute scharenweise nach Norden gefahren", schreibt die junge Mutter Shahla an die Deutsche Welle. Shahla wuchs in einer Kleinstadt am Kaspischen Meer auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Hauptstadt. Sie ist wütend auf Leute, die trotz amtlicher Reisewarnung nach Norden fahren.

"Meine Mutter lebt noch dort. Sie berichtet von zwei Leuten in unserer Nachbarschaft, die vor Kurzem an einer heftigen Erkältung gestorben sind. Ihre Familien stehen nun unter Quarantäne", berichtet Shahla.

Ernste Lage

Wie ernst die Lage ist, wurde am Wochenende deutlich, als der Gouverneur von Gilan eine Reisewarnung aussprach. Die Krankenhäuser in der Provinz seien überfüllt und bräuchten dringend medizinische Ausstattungen, bestätigt Parlamentsabgeordneter Gholam Ali Jafarzadeh. Die amtliche Zahl von 107 Todesfällen infolge der Coronavirus-Erkrankung (Stand Donnerstag, 05.03.2020) stellt Ali Jafarzadeh infrage. Er vermutet mehr Opfer. Sein Parlamentskollege, der neu gewählte Abgeordnete Mohammad Ali Ramezani aus der Provinz Gilan, ist bereits am Coronavirus gestorben.

Coronavirus in Iran Blumenverkäuferin mit Mundschutz (picture-alliance/AA/F. Bahrami)

Blumenverkäuferin in der Hauptstadt Teheran mit Mundschutz

Die Behörden im Iran sind überfordert. Im Gegensatz zu den Vorhersagen durch das staatliche Gesundheitsministerium hat sich die Lage in den vergangenen Tagen drastisch verschlechtert. Die Zahl der Todesfälle und der Neuinfektionen wird ständig nach oben korrigiert. In keinem anderen Land außerhalb Chinas sind bislang so viele Menschen an dem neuartigen Coronavirus gestorben.

Nach der Aufkündigung des internationalen Atomabkommens durch die Regierung in Washington 2018 wurden zwar wieder US-Sanktionsmaßnahmen gegen den Iran in Kraft gesetzt. Aber humanitäre Hilfsgüter, wie Medikamente und medizinische Ausrüstung, sind von diesen Sanktionen ausgenommen. Jedoch kann der Iran praktisch keine medizinischen Güter auf dem internationalen Markt kaufen, weil die Banken aus Furcht vor den US-Sanktionen keine Geschäfte mit Teheran absichern wollen.

Ignoranz der Bevölkerung

"Die Beziehung zwischen der Regierung und der Bevölkerung ist schwer beschädigt", sagte Soziologe Saeed Paivandi der DW. "Die Regierung leidet massiv an Vertrauensverlust. Und dieser zeigt sich in kritischen Situationen wie jetzt. Aufgrund dieses Misstrauens ignoriert die Gesellschaft die staatlichen Informationen. In der Vergangenheit hat die Regierung zu oft ihre eigenen Aussagen korrigieren müssen."

Vereinigten Arabische Emirate Dubai | Al Maktum International Airpoart: Medizinische Hilfsgüter für den Iran (Getty Images/AFP/K. Sahib)

Hilfsgüter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für den Iran

Das Misstrauen der Iraner gegenüber den Behörden hat in den vergangenen Monaten massiv zugenommen. Den irrtümlichen Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine Anfang Januar hatte die Regierung erst nach drei Tagen eingeräumt. Die Zahl der getöteten Demonstranten bei den Unruhen im November 2019 ist bis heute nicht bekannt.

Verschwiegen wurde lange auch, dass sich das Coronavirus in der Stadt Ghom ausgebreitet hat, die für viele Gläubige heilig ist. Das gut 130 Kilometer südlich von der Hauptstadt gelegene Ghom ist vom Robert-Koch-Institut, der zentralen Forschungseinrichtung für Infektionskrankheiten in Deutschland, schon lange als "Risikogebiet" gelistet. Die iranische Regierung konnte die Geistlichen in Ghom nicht von der Gefährlichkeit der Lage überzeugen. Die Stadt wurde nicht unter Quarantäne gestellt. Das hätten die Geistlichen als "Beleidigung der dort bestatteten Heiligen der Schiiten" betrachtet.

Iran braucht eine funktionierende Zivilgesellschaft

Inzwischen würden auch Quarantänemaßnahmen nichts mehr bringen, sagt Minoo Mohraz. Die Professorin für Infektionskrankheiten an der Medizinischen Universität Teheran leitet das iranische Zentrum für HIV/AIDS-Bekämpfung. Nun wird sie ständig von Staatsmedien interviewt.

Coronavirus im Iran Teheran (AFP/A. Kenare)

Der Gemüsemarkt in Teheran ist ziemlich leer

In sozialen Netzwerken wird Mohraz aber als "Lügnerin" beschimpft. Sie hatte sich nämlich vorher für Quarantänemaßnahmen ausgesprochen. Viele Iraner glauben, die Medizinerin habe nur unter Druck ihre Meinung geändert. Der im französischen Exil lebende Soziologe Saeed Paivandi meint, der Iran brauche dringend eine funktionierende Zivilgesellschaft. "In den vergangenen Jahren hat die Bevölkerung im Iran eine systematische Unterdrückung der Nichtregierungsorganisation erlebt", sagt Paivandi, "jetzt steht die Regierung vor einer gigantischen Herausforderung. Es gibt aber kaum noch vertrauenswürdige Aktivisten, die helfen könnten."

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