Corona, AIDS und Pest: Die Krankheit der Verschwörungstheorien | Welt | DW | 10.03.2020
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Coronavirus

Corona, AIDS und Pest: Die Krankheit der Verschwörungstheorien

Die Liste der Corona-Falschmeldungen reicht von lustig-abstrus hin zu erschreckenden Verschwörungstheorien. Warnungen vor Fake-News nehmen fast genauso viel Platz im Internet ein wie offizielle Meldungen zu dem Thema.

Nein, das Coronavirus, das die Welt in Atem hält, hat keinen nachweisbaren Ursprung in chinesischen oder US-amerikanischen Militärlabors. Nein, Albaner sind nicht genetisch gegen Corona immun und nein, selbst die noch so starke Aura des bulgarischen Ministerpräsidenten Bojko Borissov kann Corona nicht fernhalten - auch wenn die Wahrsagerin Alena damit in Bulgarien von TV-Show zu TV-Show tingelt.

Die Liste der Corona-Falschmeldungen reicht von lustig-abstrus hin zu erschreckenden Verschwörungstheorien. So hat Dana Ashlie, Online-Aktivistin, vergangene Woche ihren Hunderttausenden Followern auf Youtube und Facebook den "wahren Ursprung" von Corona "enthüllt": Das Virus sei durch den 5G-Mobilfunkausbau in der chinesischen Stadt Wuhan hervorgerufen worden. Damit schloss Ashlie den Kreis zwischen digitaler Verschwörungstheorie und digitaler Pandemie.

Aufklärung der WHO

Angesichts der abertausenden von Wortmeldungen zum Thema Corona überrascht es kaum, dass Warnungen vor Corona-Fake-News mittlerweile fast genauso viel Platz einnehmen wie offizielle Meldungen zu dem Thema. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sogar eine eigene Seite eingerichtet, die mit grassierenden Gerüchten über angebliche Heilungsmittel und Verbreitungswege aufräumen soll.

Das Aufklären von Fake News und die klare Informationsstrategie von WHO, Gesundheitsbehörden und Medien zeigen, dass aus der Vergangenheit gelernt wurde.

Die lange Geschichte der Verschwörungstheorien über Seuchen

Global auftretende Pandemien waren schon immer begleitet von Gerüchten und Verschwörungstheorien - mit fatalen Folgen!

Im Mittelpunkt standen damals wie heute die zentralen Fragen des Ursprungs und der Verbreitung von Krankheiten. Eine Verschwörungstheorie bezeichnet dabei die Annahme, dass eine im Geheimen operierende Gruppe versucht, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören, so der Tübinger Professor Michael Butter.

Der schwarze Tod

Als zum Beispiel die Pest Europa Mitte des 14. Jahrhunderts heimsuchte, kannte niemand ihren Ursprung. Schnell kamen Gerüchte über Brunnenvergiftungen in Umlauf. Und genauso schnell waren auch die vermeintlichen Täter ausfindig gemacht: die Juden mit ihrem "teuflischen Plan zur Weltherrschaft". Eine unerklärbare Seuche wurde politisch und religiös aufgeladen und entlud sich in Pogromen und Vertreibungen.

Doch Verschwörungstheorien dieser Art waren keineswegs eine Eigenschaft von an Aberglauben besonders reichen, lang vergangenen Epochen.

USA Grippewelle Spanische Grippe (picture-alliance/National Museum of Health and Medicine)

Spanische Grippe - Patienten in Fort Riley, Kansas (USA), 1918

Das "deutsche Gift"

In nur zwei Jahren (1918-1920) forderte die "Spanische Grippe" zwischen 25 und 50 Millionen Leben, mehr als der Erste Weltkrieg, der gerade zu Ende gegangen war. Da ihr Ursprung erst in den 1930er Jahren erforscht werden konnte, erklärten viele Zeitgenossen die Krankheit zum "deutschen Gift", einer künstlich von der deutschen Wehrmacht entwickelten Waffe.

Käfer gegen die DDR

Zwar keine Krankheit, aber eine Plage war der Kartoffelkäfer (Coloradokäfer) in der ehemaligen DDR. Als er 1950 nahezu die gesamte Kartoffelernte zu vernichten drohte, erklärte ihn die sozialistische Propaganda kurzerhand zur "US-amerikanischen Waffe", die gezielt zur Sabotage gegen den Osten eingesetzt wurde. Das neue ostdeutsche Regime wollte so von den eigenen Misserfolgen ablenken.

Operation Detrick

Kaum eine Krankheit erlebte eine derart elaborierte Desinformationskampagne wie AIDS. Ab 1983 verbreitete der sowjetische Geheimdienst KGB weltweit das Gerücht, die USA hätten AIDS als biologische Waffe in Fort Detrick entwickelt, an Gefangenen, Minderheiten und Homosexuellen getestet und dann Afrika für den Ursprung verantwortlich gemacht.

1985 schrieb der sowjetisch-deutsche Biologe Jakob Segal eine pseudowissenschaftliche Untermauerung für diese Verschwörungstheorie. Obgleich Biologen und Mediziner überall auf der Welt die Thesen als Nonsens zurückwiesen, ist diese Verschwörungstheorie in verschiedenen Ausprägungen bis auf den heutigen Tag weit verbreitet.

Schema F

Was bei AIDS funktionierte, ließ sich auch auf andere Krankheiten übertragen. Mitte der 1990er Jahre war zwar die Sowjetunion untergegangen und die Gesundheitsbehörden bekamen AIDS immer besser in den Griff. In Afrika jedoch kam es zu einem schweren Ausbruch von Ebola. Einige derselben Verschwörungstheoretiker, die an den künstlichen Ursprung von AIDS in US-Labors glaubten, machten wieder Biowaffenversuche in den Militärforschungseinrichtungen Fort Detrick, USA, oder Porton Down, Großbritannien, für Ebola verantwortlich.

Saugende Zecke in der Haut (zecken.de)

Zecken als Bio-Waffen eingesetzt?

Eine alte Leier, die auch bei einer weiteren Krankheit funktionierte: 2019 kam es zu mehreren Anfragen im US-Kongress durch den republikanischen Abgeordneten Chris Smith, der das Pentagon aufforderte, geheime Unterlagen über die Züchtung "militarisierter" Zecken zwischen 1950-1975 öffentlich zu machen. Diese hätten, so legte eine kurz zuvor veröffentlichte "Studie" nahe, die Krankheit Lyme-Borreliose in die Welt getragen.

Vermeintliche Biowaffen und digitale Demenz

"Spanische Grippe", AIDS, Ebola, Lyme-Borreliose und nun auch Corona-Infektion. Die Liste der globalen Krankheiten, die auf angebliche Biowaffenprogramme der USA zurückgehen sollen, wird länger und länger. Fairerweise muss angemerkt werden, dass in Bezug auf das Corona-Virus mittlerweile auch Versionen kursieren, die das Virus als künstlich hergestellte chinesische Biowaffe bezeichnen.

Die Argumentationen sind jedoch immer dieselben - und die Beweise bleiben immer aus. Solche Verschwörungstheorien entstehen vor allem in den Frühstadien von Pandemien, in denen Ursprung und Verbreitung noch relativ unklar sind. Die digitale Revolution hat die Lage um ein Vielfaches verkompliziert. Gerüchte und Falschmeldung verbreiten sich über Social Media und Messenger viel schneller als Biologie, Medizin und Gesundheitsbehörden überhaupt Informationen zur Verfügung stellen können. Das digitale Zeitalter wirkt wie ein Turbolader auf Verschwörungstheorien über Krankheiten.

Corona ist ein Virus, dem nur durch ernsthafte Forschung, Hygienemaßnahmen und medizinische Versorgung beizukommen ist. Das kann auch auf Informationskonsum und Aufklärung über das Virus übertragen werden. Auch hier helfen Bildung, Medienkompetenz und geistige Hygiene. Und als Heilmittel gegen irrationale Ängste und Emotionen empfehlen manche Internet-Trolle ein Corona-Bier. Das hat zwar keinerlei nachgewiesene Heilwirkung, beruhigt jedoch Verschwörungsstimmungen und Hysterie.