China und Deutschland: Geschäfte süß-sauer | Wirtschaft | DW | 09.07.2018
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Deutsch-chinesische Regierungskonsultationen

China und Deutschland: Geschäfte süß-sauer

Im Handelsstreit mit den USA sucht China Verbündete. Auch in Deutschland. Dort muss sich Premier Li Keqiang allerdings Kritik von Unternehmern anhören. Zu Recht? Aus Berlin berichtet Sabine Kinkartz.

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Deutschland und China - vereint gegen die USA?

Wenn sich die Regierungschefs von Deutschland und China treffen, dann steht die Wirtschaft meistens im Mittelpunkt. Seit zwei Jahren ist China Deutschlands wichtigster Handelspartner. Das Handelsvolumen betrug im vergangenen Jahr rund 187 Milliarden Euro. Tatsächlich wurden auch anlässlich der fünften deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen 22 neue Wirtschaftskooperationen und Gemeinschaftsprojekte angeschoben. Es geht um gemeinsame Milliarden-Investitionen in Zukunftstechnologien.

Während die meisten Geschäfte auf die üblichen Kooperationen zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen hinauslaufen, sticht ein Projekt heraus:Der Bau einer Batteriezellenfabrik in Thüringen durch das chinesische Unternehmen CATL. Der deutsche Autobauer BMW hat sich bereits als Großkunde für seine Elektromodelle avisiert. Zum Leidwesen der Bundeskanzlerin, die sich gewünscht hatte, dass die Deutschen die Batteriezellen selbst bauen. "Ich glaube, wenn wir es selber könnten, wäre ich auch nicht traurig, aber nun ist es einmal so", so Angela Merkel im Beisein des chinesischen Regierungschefs Li Keqiang in Berlin.

Neue Wege

Das Projekt hat es so noch nie gegeben. Es sei ein "qualitativ neuer Schritt", wenn ein chinesisches Unternehmen mit einer Technologie nach Deutschland komme, "die wir in Europa zur Zeit nicht besitzen", so Merkel. "Aber wenn diese Investition schon stattfindet in Europa, dann ist es gut, wenn sie in Deutschland stattfindet." Deutschland sei schließlich "ein starker Automobilstandort" und das schließe nicht aus, "dass wir dann irgendwann auch einen Wettbewerb entwickeln, auch zu den chinesischen Anbietern", wünscht sich die deutsche Regierungschefin.

Deutschland 5. deutsch-chinesische Regierungskonsultationen (Reuters/F. Bensch)

Zum fünften Mal tagten die beiden Regierungsmannschaften zusammen

Wie alle chinesischen Investitionen in Deutschland ist auch der Bau der Batteriezellenfabrik Teil einer Strategie, die China zum Marktführer für Hochtechnologien machen soll. Ob Robotik, Informationstechnologie, neue Werkstoffe oder digitale Produktionstechnik – unter dem Motto "Made in China 2025" soll die Volksrepublik in möglichst vielen Bereichen die Nummer eins werden.

Deutsche Unternehmen freuten sich zunächst

Als Regierungschef Li Keqiang seinen Masterplan vor drei Jahren verkündete, versprach er gleichzeitig, China deutlicher als bisher für ausländische Investoren zu öffnen. Hindernisse sollten abgebaut, der Marktzugang erleichtert werden. Doch bei der deutschen Wirtschaft macht sich inzwischen Ernüchterung breit. Denn "Made in China 2025" stellt sich als staatlich gelenkte Aufholjagd für die heimische Industrie heraus. Ausländische Investoren haben immer häufiger das Nachsehen.

Ein Beispiel dafür ist Knorr-Bremse AG aus München. Der weltweit führende Hersteller von Bremssystemen für Schienen- und Nutzfahrzeuge pflegt bereits seit Ende der 70er Jahre Kontakte zu China. Daraus entwickelten sich florierende Geschäfte. Joint-Venture-Unternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten wurden gegründet, die Bremssysteme zulieferten. Zusammen mit den chinesischen Partnern wurden Lokomotiven für den Personen- und Güterverkehr ausgerüstet. Chinesische Hochgeschwindigkeitszüge erhielten auch Klimasysteme und Türanlagen von Knorr-Bremse.

Bei der neuesten Generation von Hochgeschwindigkeitszügen kommen die Münchener aber nicht mehr zum Zug. "Unsere Bremsen wurden noch nicht einmal begutachtet", klagt Klaus Deller, Vorstandschef von Knorr-Bremse. Stattdessen habe ein chinesischer Partnerbetrieb den Auftrag bekommen. "Wir haben Technologie transferiert und China hat profitiert."

Das Misstrauen ist groß

Eine Klage, die immer wieder zu hören ist. Das wirft nicht nur einen Schatten auf die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen, sondern auch auf den von Peking forcierten Zusammenhalt im Handelsstreit mit den USA. Natürlich lehne man das Verhalten der Amerikaner gegenüber den Chinesen ab, so Hubert Lienhard, der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft. Die Sorge um das multilaterale Handelssystem sei groß. Was den Schutz des geistigen Eigentums, den Joint-Venture-Zwang und den Technologie-Transfer betreffe, habe Deutschland gegenüber China aber die gleichen Bedenken wie die USA.

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EU-Unternehmer fühlen sich in China benachteiligt

Rund 6000 deutsche Unternehmen sind in China aktiv. Es sei nicht akzeptabel, dass sie weiterhin diskriminiert und beschränkt würden, heißt es von Seiten der deutschen Wirtschaft, die für eine umfassende Marktöffnung plädiert. "Es ist wirklich an der Zeit", so Hubert Lienhard. Dieser Meinung ist auch Ulrich Grillo, langjähriger Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie. China bezeichne sich zwar aber immer noch Entwicklungsland. "Aber diese nach außen hin bezeugte Bescheidenheit ist gar nicht mehr notwendig, die sind teilweise weiter als wir."

Wer hat in Zukunft die Nase vorn?

So sieht es auch die Bundeskanzlerin. "Sie sind zwar einerseits ein Entwicklungsland, aber andererseits auch ein ganz schon harter Wettbewerber mit großen Ambitionen", so Merkel im Beisein von Premier Li Keqiang. Der versprach in Berlin einmal mehr, dass sich sein Land weiter öffnen werde. "Deutsche Spitzentechnologien und High-Tech-Produkte sind willkommen in China."

Die Bundeskanzlerin hofft, dass den Worten auch Taten folgen. Als positives Beispiel verwies Merkel auf eine unterzeichnete Vereinbarung mit dem deutschen Chemiekonzern BASF, der in der südchinesischen Provinz Guangdong seinen weltweit drittgrößten Standort in Eigenregie, ohne chinesischen Partner gründen kann. Zudem könnten deutsche Automobilbauer ihre Beteiligungen in China jetzt von 50 auf 75 Prozent steigern. "Alle diese Kooperationen zeigen eine neue Dimension", so Merkel optimistisch.

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