China führt Benimm-Regeln für Künstler ein | Kultur | DW | 02.03.2021
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Filmbusiness in China

China führt Benimm-Regeln für Künstler ein

Moralisch unantastbar und immer im Dienst der Partei: Das erwartet die Volksrepublik von ihren Künstlern. Und legt auch Hollywood die Daumenschrauben an.

Filmstill The Great Wall: ein Mann in einer chinesischen Ritterrüstung

Wer in China auf der Leinwand brillieren will, muss den Regeln der Partei gehorchen (Filmstill aus "The Great Wall")

Abweichlerisches oder ungehöriges Verhalten wird nicht gern gesehen im Reich der Mitte. Das Individuum hat sich dem Wohl der Allgemeinheit unterzuordnen - und wie dieses Wohl auszusehen hat, bestimmt die Kommunistische Partei. "Sie versteht sich als eine Art zivilisatorisches Regime und hat den Anspruch, die Bevölkerung auch moralisch zu erziehen", sagt Björn Alpermann, Sinologe und Lehrstuhlinhaber für Contemporary Chinese Studies an der Universität Würzburg.

"Liebe die Partei und diene dem Sozialismus"

Seit dem 1. März gibt es jetzt spezielle Verhaltensregeln für einen ganzen Berufszweig: Künftig sollen Chinas Künstler sich an einem Leitfaden mit 15 Anweisungen orientieren, um - so die offizielle Erklärung - die Qualität der Darbietungen zu steigern, die Mitarbeiter in ein positives Licht zu rücken und die Entwicklung der Industrie voranzubringen.

Nicht nur Schauspieler, auch Sänger, Magier, Comedians und sogar Akrobaten sind von den Regeln betroffen. Zu den wichtigsten Geboten zählt die "Liebe zur Partei und ihren Prinzipien" und der Dienst an "den Menschen und dem Sozialismus".

Plenarsitzung des Zentralkommitees In China: Männer, in der Mitte Xi Jinping, sitzen vor roten Flaggen und dem Symbol Hammer und Sichel. Sie haben eine Hand zur Abstimmung erhoben

Die Kommunistische Partei reglementiert auch das Sozialverhalten der Bevölkerung

Für Björn Alpermann ist diese Ansage der Regierung keine Überraschung: "Ich sehe das Vorgehen des Künstlerverbandes vor dem Hintergrund einer ganz harten Linie in der Gesellschaftspolitik unter Xi Jinping", sagt er. "Auch UnternehmerInnen, AkademikerInnen und andere Berufsgruppen, welche die Partei als potenziell gefährlich ansieht, wurden in den letzten Jahren und Monaten Ziel solcher Kampagnen." Bei den Künstlerinnen und Künstlern käme noch hinzu, dass es in letzter Zeit eine Reihe von Skandalen in ihren Reihen gegeben habe, ergänzt er. "Die Partei sieht sie in der besonderen Pflicht, moralische Vorbilder zu sein, weil sie so große Fangemeinden besitzen."

Öffentliche Buße ist Pflicht

In den Augen der Partei als Vorbild kläglich versagt hat erst kürzlich eine der populärsten Schauspielerinnen des Landes: Prada-Werbefigur Zheng Shuang, die das "chinesische Volk" mit einer Leihmutter-Affäre gegen sich aufbrachte, nachdem sie zwei in den USA ausgetragene Babys dann doch nicht annehmen wollte. Sie verlor sämtliche Verträge - ebenso wie Schauspielerkollegin und Sängerin Fan Bingbing, die schon 2018 zur Persona non grata geworden war: Chinas ehemals bestbezahlte Schauspielerin - dem westlichen Publikum auch aus Filmen wie "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" und "Iron Man 3" bekannt - hatte umgerechnet 111 Millionen Euro Steuern hinterzogen. 2013, so Alpermann, musste Star-Regisseur Zhang Yimou 900.000 Euro Bußgeld zahlen, weil er gegen die Ein-Kind-Politik verstoßen und gleich drei Kinder in die Welt gesetzt hatte.

 Schauspielerin Fan Bingbing 2018 in Cannes auf dem Roten Teppich, im Hintergund Fotografen

Starallüren oder Fehlverhalten sind in China verboten: Fan Bingbing fiel wegen Steuerhinterziehung in Ungnade

Alle drei haben sich bei der chinesischen Öffentlichkeit für ihr Fehlverhalten entschuldigt, denn "das öffentliche Bereuen und die zerknirschten Geständnisse im Fernsehen gehören in China immer mit dazu", erklärt Alpermann gegenüber der DW. Dahinter steckt die Hoffnung, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. Immer klappt das nicht. "Es kommt darauf an, wie wichtig eine bestimmte Person fürs Regime ist. Da ist die Partei opportunistisch und guckt eben auf Volkes Meinung." Zhang Yimou durfte in den Olymp der Kulturschaffenden zurückkehren, entbehrliche Künstler werden dagegen komplett fallen gelassen.

Soziale Kontrolle gehört in China zum Alltag

Der neue Benimm-Leitfaden macht jetzt noch einmal explizit klar, was die Partei von ihren Künstlern erwartet. Wer Drogen konsumiert oder betrunken Auto fährt, steht selbstredend auf dem Index - bestraft wird aber auch, wer Verbraucher "durch Auftritte in Werbespots irreführt" oder "religiösen Praktiken" nachgeht. Und: Auf der Leinwand ist es untersagt, Gewaltszenen zu drehen, bei denen verletzte Körper zu sehen sein könnten.

Schuldig macht sich ebenso, wer die chinesische Geschichte verunglimpft oder die "ethnische Einheit" nicht akzeptiert - womit wohl die Solidarisierung mit Tibetern, Uiguren und anderen verfolgten Minderheiten verhindert werden soll.

Filmszene aus Die Rote Laterne (1991), eine Frau in rotem Kinomo sitzt neben roten Laternen

Einer der wenigen chinesischen Welterfolge: "Die Rote Laterne" (1991) von Star-Regisseur Zhang Yimou

Die neuen Leitregeln werden von einem Ethik-Komitee mit "vorbildlichen Künstlern" überwacht. Wer gegen sie verstößt, muss mit einem Berufsverbot von bis zu fünf Jahren rechnen; bei besonders schwerem Fehlverhalten droht sogar ein lebenslänglicher Bann. Drei Monate vor dem jeweiligen Ende ihrer erzwungenen Auszeit können Betroffene einen Antrag auf Wiedereingliederung stellen - ehrenamtliche Arbeiten für das Wohl der Volksgemeinschaft und "professionelle" Nachschulungen sollen die Delinquenten dann wiederauf den rechten Weg bringen.

Für Chinesen seien solche Praktiken der sozialen Kontrolle nichts Neues, so Robert Daly, Direktor des Kissinger Institute on China and the US in Washington. Der US-Amerikaner hat lange für die Botschaft in Peking gearbeitet und 1993 selbst in in einer chinesischen Fernsehserie mitgespielt. Künstler stünden schon seit Maos Zeiten im Fokus der Partei, sagt er. "Und Xi Jinping hat noch mal bestärkt: Kunst muss dem Sozialismus dienen."

Image-Förderung mit kultureller Soft-Power-Strategie 

Dass vor allem die Kinobranche unter besonderer Beobachtung steht, hat nicht zuletzt auch etwas mit ihrer Rolle als zentraler Baustein beim chinesischen Feldzug in Sachen "Ruan Shili" zu tun, der "Soft Power-Strategie" - also dem Anspruch Chinas, seine Position in der Welt aufgrund seines außenpolitischen Auftretens und seiner Kultur zu zementieren. Und derzeit strotzt die Volksrepublik nur so vor Macht. Trotz aller Menschenrechtsverletzungen scheint die Welt vor dem Wirtschaftsgiganten zurückzuschrecken. Dieser zeigt sich auch im Filmgeschäft immer mächtiger: Der chinesische Umsatz an den Kinokassen war 2020 erstmals größer als der in Nordamerika. Auch wenn das - noch - vor allem der Pandemie geschuldet ist. Das in Mandarin inszenierte Historienepos über den chinesisch-japanischen Krieg "The Eight Hundred" spielte in China von September 2020 bis jetzt trotz Corona umgerechnet rund 370 Millionen Euro ein.

Filmstill The Eight Hundred: Soldaten in Uniform laufen nach vorn

Das Kriegsdrama "The Eight Hundred" erzählt von chinesischem Heldentum

"Investionen in die Filmbranche gehören ganz klar zum Toolkit der chinesischen Propagandaabteilung", sagt Björn Alpermann. Erst 2018 stampfte der Unternehmer Wang Jianlin für rund 6,5 Milliarden Euro das modernste Studiogelände der Welt mit 40 Filmstudios aus dem Boden. Zwei Jahre zuvor hatte er für 3,2 Milliarden Euro das kalifornische Filmstudio Legendary Entertainment erworben, wo unter anderem die Blockbuster "Jurassic World" und die "Batman"-Trilogie produziert wurden. Der chinesische Konzern "Alibaba" kooperiert mit Steven Spielbergs Firma "Amblin Partners". Westliches Know-how ist in China gefragt, aber auch in umgekehrter Richtung gibt es Begehrlichkeiten. Schon lange schielt Hollywood auf die Volksrepublik mit ihren rund 1,44 Milliarden Einwohnern - ein mehr als lohnender Markt für die US-Studios.

Hollywoods Kotau vor Chinas Zensoren

Das scheinbar lukrative Geschäft hat aber einen Haken: Nur 34 ausländische Produktionen dürfen jährlich in chinesischen Kinos gezeigt werden - und die müssen erst mal durch die Zensur, sprich: Sie dürfen nicht "Chinas nationale Würde, Ehre und Interessen verletzen". "1997 war das letzte Jahr, in dem die großen Studios in den Staaten noch Filme drehten, die man in Peking als 'anti-chinesisch' einstufte", sagt Robert Daly. Dazu gehörten Martin Scorseses "Kudun" und Jean-Jacques Annauds "Sieben Jahre in Tibet" - in beiden Werken wurde der brutale Einmarsch der Volksrepublik in das Himalaya-Land kritisiert. "China hat Hollywood für diese Produktionen abgestraft", so Daly. "Seitdem haben sich die Studiobosse zurückgehalten, einem Film grünes Licht zu geben, der Chinas Zensoren missfallen könnte. 

Robert Daly, Direktor des Kissinger Institute on China and the United States

Robert Daly hat lange in Peking gelebt, spricht fließend Chiensisch und hatte dort sogar schon eine Fernsehrolle

Stattdessen bestimmt China bereits entscheidend mit, welche Filme in Hollywood überhaupt gedreht werden. Kein Wunder also, dass China in "Der Marsianer" am Ende die Welt rettet, der unbotmäßige Taiwan-Aufnäher auf Tom Cruises Lederjacke in "Misson Impossible" entfernt werden musste und der James-Bond-Streifen 'Skyfall' für den chinesischen Markt komplett umgeschnitten wurde.

2017 ging die bisher teuerste chinesisch-amerikanische Co-Produktion "The Great Wall" an den Start. Das Drehbuch stammt von Hollywood-Profis, Star-Regisseur Zhang Yimou drehte das Action-Spektakel. Die meisten Schauspieler sind Chinesen, aber mit Matt Damon und William Dafoe wurden auch zwei Stars des US-Kinos verpflichtet. 

"Made in Hollywood, Censored by Beijing"

In ihrem Bericht "Made in Hollywood, Censored by Beijing" kreidet die Autorenvereinigung PEN America die unselige Kumpanei solcher Co-Produktionen an: US-Studios, so der Vorwurf, würden in vorauseilendem Gehorsam sogar schon chinesische Zensoren ans Set einladen und die Besetzung der Rollen sowie die Inhalte den Wünschen der Asiaten anpassen.

Der US-amerikanische Kongress sei tief besorgt über diese Entwicklung, sagt Robert Daly. Am liebsten würde man ein Gesetz dagegen erlassen, aber das sei schwer. "Filme in den USA werden von unabhängigen, kommerziell betriebenen Studios gedreht, die dem Profit hinterherlaufen - auch in China. Aber die US-Regierung kann und darf die Kultur nicht maßregeln." Allerdings, ergänzt er, hätten Kongressabgeordnete den Disney-Konzern dafür kritisiert, beim Film "Mulan" eng mit den Behörden der westchinesischen Region Xinjiang zusammengearbeitet zu haben - der Region also, wo laut den Vereinten Nationen eine Million Uiguren inhaftiert sind.

Schauspielerin Liu Yifei im Film Mulan kämpft mit dem Schwert

Der extra auf den chinesischen Markt zugeschnittene Disney-Film "Mulan" floppte beim Publikum

"Disney hat diese Vorwürfe ignoriert, denn es konnte ja nichts zu seiner Verteidigung vorbringen", so Daly gegenüber der DW. "Der Konzern hat einen kommerziellen Flop erlitten, weil er einen schlechten Film abgeliefert hat. Aber er zahlt keinen politischen Preis dafür, dass er den Kotau vor Peking gemacht hat."

Wer wird Nr. 1 im Film-Business?

Die Euphorie über eine lukrative Zusammenarbeit hat sich mittlerweile gelegt, denn Filme, die Hollywood extra mit chinesischen Motiven, Schauspielern und sogar Werbung für chinesische Produkte gedreht hat, waren bisher nicht so lukrativ wie erhofft. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass westliche Produzenten nicht unbedingt eine gute chinesische Geschichte erzählen.

Umgekehrt dürfte es chinesische Produktionen schwer haben, im Westen angenommen zu werden. "Wenn ein asiatischer Film wie 'Parasite' vom südkoreanischen Regisseur Bong Joon-ho eine großartige Geschichte erzählt, hat er überall Erfolg", meint Daly. "Auch China hat Weltklasse-Regisseure und Schauspieler, von denen die Welt profitieren könnte. Aber unter der kommunistischen Partei produzieren sie keine Kunst, sondern Propaganda und lausige Filme."

China habe das Geld und den Willen, an den Kinokassen in Zukunft die Nr. 1 im Filmgeschäft zu werden, resümiert Daly. "Aber wenn es darum geht, in der Arbeit den menschlichen Geist und die Gesellschaft widerzuspiegeln, werden Künstler in freien Gesellschaften die Nase vorn haben."

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