China: Atomare Abschreckung im Südpazifik
7. Juli 2026
Die Kritik war laut und scharf. An diesem Montag hatte die chinesische Marine im Südpazifik einen Raketentest durchgeführt. Ein Atom-U-Boot habe eine Rakete mit einer Sprengkopfattrappe in internationale Gewässer abgefeuert, meldete die amtliche Agentur Xinhua. Der Test sei erfolgreich gewesen.
Dieser Schritt sei für die regionale Sicherheit destabilisierend, sagte dagegen Australiens Außenministerin Penny Wong. Japan forderte China auf, das Vorgehen zu überdenken. Auch Neuseeland meldet sich zu Wort: Es wolle nicht, dass China den Südpazifik als Testgebiet für Raketen nutze, sagte Außenminister Winston Peters in Wellington. "Wir sind zutiefst besorgt über Chinas Tests von atomwaffenfähigen Waffen im Südpazifik."
Schon im letzten Jahrhundert war der Pazifik von der atomaren Aufrüstung nicht verschont geblieben. Das Bikini-Atoll, das heute zu den Marshall-Inseln gehört, war nach dem Zweiten Weltkrieg Schauplatz zahlreicher Kernwaffentests der USA. Das Sicherheitskonstrukt im pazifischen Raum nach dem Krieg dominierten die Vereinigten Staaten.
Trägerrakete bis 12.000 Kilometer Reichweite
Genau dieses Konstrukt fordert China nun heraus. Zwar haben die offiziellen Medien keine Details über den Test veröffentlicht. Aber die nationalistischen Militärexperten spekulieren in den chinesischen sozialen Medien, wie stark die getestete Rakete gewesen sein könnte. "Es handelt sich um eine U-Boot-gestützte ballistische Interkontinentalrakete der Baureihe Julang(JL)-3", sagt Oberstleutnant Zhang Junshe von der chinesischen Naval Research Institute.
Julang-3, oder zu deutsch "Riesenwelle-3", befindet sich derzeit noch in der Entwicklung. Sie soll eine maximale Reichweite von 12.000 Kilometern haben und kann mehrere atomare Sprengköpfe tragen. Bisher wurde drei erfolgreiche Tests zwischen 2018 und 2019 gemeldet. "Die Zielgruppe dieser Rakete ist nicht die Kampftruppen an der Front, sondern die strategischen Ziele wie die Kommandozentrale, Militärstützpunkte oder Energieversorgung", sagt Zhang. Damit stelle sie eine umfassende Abschreckung dar.
Abgefeuert worden soll die "Riesenwelle-3" von einem atomar betriebenen U-Boot des Typs 094 der Jin-Klasse. Vollbesetzt mit 120 Matrosen kann das 135 Meter lange U-Boot 70 Tage lang fahren. Derzeit hat Chinas Marine sechs davon im Dienst. Es sei nicht auszuschließen, dass ein modifiziertes U-Boot im Einsatz gewesen sei, sagt Oberleutnant Zhang. Neben der Jin-Klasse betreibt China laut "Nuclear Threat Initiative", einem in Washington ansässigen Thinktank, weitere 59 atomgetriebene Angriffs-U-Boote.
Atomarer Rückschlag bei Bedarf
"Selbst wenn alle anderen militärischen Kampfmittel außer Gefecht gesetzt werden sollten, wäre das chinesische U-Boot komplett in der Lage für einen nuklearen Rückschlag", so Zhang weiter. Von internationalen Gewässern aus wäre China in der Lage, einen beliebigen Punkt im Pazifik auszuwählen und von dort einen zuverlässigen strategischen Rückschlag durchzuführen.
Schon im September 2024 hatte China vom Festland aus eine interkontinentale Rakete mit einer Sprengkopfattrappe in Richtung Südpazifik abgeschossen. Das Geschoss sei in einem vorher ausgewählten Gebiet im französischen Polynesien gelandet. Damals war es Chinas erster Test einer Langstreckenrakete über internationalen Gewässern seit mehr als 40 Jahren. Wie 2024 reklamierte Peking diesmal, dass alle Anrainerstaaten vorab informiert worden seien und dass sich die Übung gegen kein bestimmtes Land oder Ziel gerichtet habe.
Doch China will im Pazifik etwas verändern. Die starke Militärpräsenz der USA und ihrer Verbündeten auf seiner Türschwelle beunruhigt Peking. Die kommunistische Regierung will sicherstellen, dass sie in der Lage ist, militärische Erstschläge zu erwidern und mit einem aus ihrer Sicht angemessenen Rückschlag zu reagieren. Die Atommacht China hat gleichzeitig versprochen, keinen atomaren Erstschlag auszuüben.
"China stellt derzeit auf verschiedenen Ebenen die US-geführte regionale Sicherheitsarchitektur offensiv infrage", schrieb Felix Heiduk, Forschungsgruppenleiter Asien an der Berliner Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) bereits im Jahr 2024. Damals nahm die Bundeswehr an der Militärübung unter der Führung der US-Streitkräfte im Pazifik teil. Fünf Wochen lang übten 29 Nationen mit 40 Kriegsschiffen um den US-Militärstützpunkt Pearl Harbour im Juli und August 2024.
Wachsende Sorgen
"Indem Peking diese US-geführte Ordnung als 'Relikt des Kalten Krieges' bezeichnet und den Gegenentwurf einer regionalen Ordnung 'von und für Asiaten' mit China an der Spitze propagiert, und nicht zuletzt militärisch durch die Aufrüstung der Volksbefreiungsarmee, den Ausbau bilateraler Sicherheitspartnerschaften und die Militarisierung von großen Teilen des Südchinesischen Meeres" wolle Peking sein strategisches Ziel erreichen, so Heiduk 2024.
Auch im Südpazifik wachsen die sicherheitsrelevanten Sorgen. "Die Raketenstreitkraft der Volksbefreiungsarmee ist Chinas wirksamstes Mittel für Fernangriffe auf Australien", schreiben Sam Roggeveen und David Vallance von der australischen Denkfabrik Lowy Institute in einer Studie vom Juni 2026. "Im Falle eines größeren regionalen Konflikts wären Stützpunkte in ganz Nordaustralien Ziele der Volksbefreiungsarmee."
Noch im letzten Monat fanden die australischen Forscher in öffentlich zugänglichen Quellen keine schlüssigen Beweise dafür, dass eine chinesische Rakete das gesamte australische Festland erreichen könne, wenn sie vom chinesischen Festland aus abgefeuert werde. Die Metropolenregionen Australien befinden sich an der Ostküste. Nach dem Raketentest am Montag im Südpazifik - und von einem U-Boot aus - ist die Lage sicherlich anders geworden.
Der Testabschuss sei eine Botschaft an die NATO, sagte der Generalsekretär des Bündnisses, Mark Rutte, am Rande des Gipfels in der türkischen Hauptstadt Ankara. "Dies ist erneut ein Beweis dafür, dass wir nicht naiv sein dürfen", sagte Rutte, und: "Das sind wir auch nicht." Die NATO ist ein von den USA geführtes Militärbündnis, bisher mit Fokus auf Europa. Die Osterweiterung der NATO bis nach Asien, zum Beispiel durch den Beitritt von Japan, wurde bisher nur theoretisch im Ansatz diskutiert.