Carles Puigdemont ist jetzt Berliner | Deutschland | DW | 07.04.2018
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Auslieferungsverfahren

Carles Puigdemont ist jetzt Berliner

Die deutsche Hauptstadt hat einen neuen Einwohner - und der sorgt gleich für Aufsehen: Der frühere katalanische Regionalpräsident Puigdemont geht in Berlin sofort an die Öffentlichkeit. Sabine Kinkartz berichtet.

Er braucht die Aufmerksamkeit, die Presse mit ihren Mikrofonen und Scheinwerfern. Der Separatistenführer Carles Puigdemont kämpft "für Katalonien und seine Menschen". Und deswegen hat er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im norddeutschen Neumünster keine Zeit zu verlieren. Erst am Freitag ist der frühere Präsident Kataloniens unter der Auflage, vorerst in Deutschland bleiben zu müssen, auf freien Fuß gesetzt worden. Keine 24 Stunden später sitzt er im "Aquarium", einem alternativen Veranstaltungsraum in der Skalitzer Straße 6 in Berlin-Kreuzberg.

Hunderte Journalisten, allen voran Spanier und Katalanen, aber auch viele Sympathisanten Puigdemonts drängen sich in dem früheren Berliner Ladenlokal, das so heißt, weil hier bis 2015 "Aquarien Meyer" sein Geschäft hatte. Es gibt eine kleine Bühne mit einem Stuhl und einem runden Tisch, auf dem ein Meer von Mikrofonen aufgebaut ist.

"Wir erleben historische Ereignisse"

Der Raum ist viel zu klein für den Andrang. Es täte ihnen sehr leid, dass die Pressekonferenz so improvisiert sei, sagt Marie Kapretz, die frühere Leiterin der Vertretung der Katalanen in Deutschland. Es hätte alles so schnell gehen müssen. Man erlebe historische Ereignisse, "alles überschlägt sich". Auf die Frage eines Journalisten, ob man versucht habe, einen anderen Raum für die Pressekonferenz zu finden, beispielsweise die Bundespressekonferenz in Berlin-Mitte, antwortet Kapretz nicht.

Vielleicht ist alles so gewollt. In der Bundespressekonferenz hätten tatsächlich nur Journalisten Zutritt gehabt. Hier im "Aquarium" ist alles anders, auch die Stimmung. Jubel und Applaus brechen los, als Carles Puigdemont den Raum betritt. Seine Sympathisanten klatschen und rufen auf Katalanisch "Unser Präsident". Im Blitzlichtgewitter nimmt der Separatistenführer Platz neben dem kleinen Tisch.

Er wird nicht aufgeben

Puigdemont hat einen Tabletcomputer in der Hand, von dem er eine Ansprache abliest. In Katalanisch, Englisch und - ja, auch in Spanisch. Nach seiner Freilassung werde er in Berlin wohnen, sagt er. Er betrachte es als seine Pflicht, im Land zu bleiben und den Behörden zur Verfügung zu stehen. Er vertraue den deutschen Behörden.

Am Donnerstag hatte das Oberlandesgericht Schleswig entschieden, dass Puigdemont vorerst nicht an Spanien ausgeliefert werden darf. Jedenfalls nicht wegen des von Spanien erhobenen Vorwurfs der Rebellion. Über den Vorwurf der Veruntreuung öffentlicher Gelder muss das Gericht noch entscheiden. Solange muss Puigdemont in Deutschland bleiben und sich regelmäßig bei der Polizei melden. Außerdem musste eine Kaution in Höhe von 75.000 Euro hinterlegt werden.

Seit zwei Wochen ist er in Deutschland

Die deutsche Autobahnpolizei hatte den 55-Jährigen am 25. März in Schleswig-Holstein auf der Grundlage eines Europäischen Haftbefehls festgenommen. Hintergrund ist das von der spanischen Zentralregierung in Madrid untersagte und vom spanischen Verfassungsgericht für verfassungswidrig eingestufte Referendum vom 1. Oktober 2017 über die Unabhängigkeit Kataloniens sowie ein anschließender Abspaltungsbeschluss der Separatisten.

Wach und aufgeräumt sitzt Carles Puigdemont in Berlin auf der Bühne. Er spricht gleichbleibend freundlich, nie wird seine Stimme laut oder scharf. Auch inhaltlich gibt sich der Separatistenführer konziliant. "Die Unabhängigkeit ist für uns nicht die einzige Lösung. Wir sind bereit, zuzuhören", sagt er an die spanische Regierung gewandt. "Ich habe immer gesagt, Unabhängigkeit ist unser Vorschlag, aber natürlich sind wir bereit zusammenzuarbeiten, wenn die spanischen Behörden einen Plan für Katalonien haben." Es müsse unbedingt einen Mediator, einen internationalen Vermittler geben.

Er will sympathisch wirken

Puigdemont wird nicht aufgeben, so viel ist klar. "Ich verteidige nicht mich, sondern die Katalanen, das ist meine Pflicht", sagt er. "Pflicht" ist ein Wort, das der Politiker häufig verwendet. Auch, als er gefragt wird, warum er nicht im belgischen Exil geblieben sei, sondern sich der Gefahr ausgesetzt habe, indem er quer durch Europa gereist sei. "Als ehemaliger Präsident wollte ich nicht still in einer Ecke sitzen", sagt er. Er habe aber auch nicht erwartet, in Deutschland verhaftet zu werden. Das sei ein Schock gewesen, er habe die Ostertage mit seiner Familie verbringen wollen.

Eine Stunde lang steht Carles Puigdemont Rede und Antwort. Immer in wechselnden Sprachen. Dann steht er auf und wird von seinem Stab durch die gedrängt stehenden Journalisten zu weiteren, vor dem "Aquarium" wartenden Sympathisanten geleitet. Die umringen ihn und überreichen ihrem Idol gelbe Tulpen. Nach ein paar Minuten setzt sich der Pulk um Puigdemont, der von Minute zu Minute größer zu werden scheint, wieder in Bewegung: Kameraleute, Journalisten, Sympathisanten, Neugierige, Touristen, die ihre Handys zücken.

Quer durch Berliner Hinterhöfe

Es werde noch einen Fototermin im Park geben, hatte Assistentin Marie Kapretz angekündigt. Also geht es zurück in den Hof des Hauses Nr. 6 und dann um mehrere Ecken in einen Park. "Freiheit für Palästina" steht auf einem der Torbögen, durch die sich der Pulk drängt. Auf den Balkonen der Hinterhöfe stehen Einwohner und staunen. Ist das DER Puigdemont, fragen ein paar Jugendliche aufgeregt? "Hier, bei uns in unserem Haus?"

Im Park wird gefilmt, fotografiert und gesungen. Dann ist die Pressekonferenz, die eigentlich eine Kundgebung war, vorbei. Carles Puigdemont geht zurück zum Haus und zu seinem weißen Auto, das ein belgisches Kennzeichen trägt. Nach Belgien möchte er irgendwann gerne zurückkehren. "Wenn der Prozess zu Ende ist."

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