Cannabis im Sport: Spielen wie im Rausch | Sport | DW | 22.09.2021
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Doping

Cannabis im Sport: Spielen wie im Rausch

Ein Joint vor dem Spiel oder Wettkampf - und ab geht die Post? Ganz so einfach ist die Sache nicht, wenn es um Cannabis im Leistungssport geht. Die WADA überprüft demnächst ihre Liste der verbotenen Substanzen.

Möglicherweise hätte Sha' Carri Richardson in Tokio gute Chancen gehabt. Die Olympia-Qualifikation über 100 Meter hatte die US-Sprinterin gewonnen, fiel dann aber bei einer Doping-Probe auf: Aufgrund des nachgewiesenen Konsums von Marihuana wurde sie für 30 Tage gesperrt. Die Olympischen Spiele fanden ohne die 21-jährige aus Dallas statt. "Ich weiß, was ich getan habe", sagte sie im US-Fernsehen.

Dass Leistungssportler offen über den Gebrauch von Drogen sprechen, kommt ungefähr so oft vor wie ein gewonnenes Elfmeterschießen der englischen Fußball-Nationalelf. Unter der Hand ist aber zu hören, dass Cannabis oder Hanfprodukte bei vielen Sportlern durchaus üblich sind. Immer wieder zitiert wird in diesem Zusammenhang der langjährige NBA-Profi Matt Barnes. 2018 sagte Barnes der BBC: "Ich habe Cannabis sechs Stunden vor einem Spiel geraucht. Wir haben am Morgen trainiert, ich bin nach Hause gekommen und habe einen Joint geraucht, habe ein Schläfchen gemacht, geduscht und bin zum Spiel gefahren."

Sha'Carri Richardson | US-amerikanische Sprinterin

Sha'Carri Richardson: schnell, aber berauscht

Ein gewisser Geruch

Seit diesen Worten umweht die US-Basketballer ein gewisser Geruch, um es vorsichtig auszudrücken. Spielen wie im Rausch? Ist das nicht verbotene Leistungsoptimierung? Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat nun angekündigt, dass überprüft wird, ob Cannabis weiter auf der Liste der verbotenen Substanzen bleibt. Man folge den Anträgen einer Reihe von "Stakeholdern", sprich Interessengruppen, den Status von Cannabis auf der WADA-Verbotsliste zu überprüfen, teilt WADA-Sprecherin Maggie Durand der DW auf Nachfrage mit.

Nach der Sitzung des Exekutivkomitees der Organisation in Istanbul hieß es aber, für das Jahr 2022 bleibe alles unverändert - also auch bei den anstehenden Olympischen Winterspielen in Peking. Das hat, so hört man, vor allem mit dem zeitintensiven Prozedere zu tun. 

Hanfprodukte

Für Hanfprodukte wie etwa CBD-Öle wird kein Rezept benötigt

Cannabis ist eigentlich das lateinische Wort für Hanf. Und schon bei der Begriffs- und Stoffbestimmung wird es für den Laien etwas kompliziert. Denn Hanfprodukte sind ja frei erhältlich und erfreuen sich - etwa als CBD-Öle - zunehmender Beliebtheit. Das Internationale Olympische Komitee hat seit 1999 die Anwendung von Cannabis für alle Sportarten als Dopingsubstanz für den Wettkampf verboten - daran hat sich die WADA bislang gehalten.

"Gefährdet sich und andere"

Laut dem Doping-Lexikon des Instituts für Biochemie in Köln führt die Anwendung von Cannabis "eigentlich nicht zu einer Verbesserung sportlicher Höchstleistungen". Das Problem liegt aber in einem anderen Punkt, wie der Sportwissenschaftler Mario Thevis vom Zentrum für Präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln erläutert. "In erster Linie sieht man in der Wirksamkeit der Cannabinoide eine Einschränkung der eigenen Risikoeinschätzung, also der Situation an sich", sagt der Professor im Gespräch mit der DW. "Wenn ein Formel-1-Fahrer die Geschwindigkeit nur minimal falsch einschätzt, gefährdet er sich und andere. Gleiches könnte für den Skifahrer gelten, der mit enorm hohen Geschwindigkeiten Risiken nicht erkennt, was ihm zum Verhängnis werden kann."

Mario Thevis | Sportwissenschaftler in Köln

Verweist auf das Problem der Risikobereitschaft: der Kölner Sportwissenschaftler Mario Thevis

Befürworter einer Cannabis-Freigabe geben an, dass der Stoff neben der angstlösenden Komponente auch bei Regeneration, Muskelentspannung oder Schmerzminderung eine Rolle spielen kann. Dem steht entgegen, was die Zeitschrift für Sportmedizin zu dem Thema festhält: "Auch wenn die körperlichen Auswirkungen von Cannabis relativ gering sind, kann die Erhöhung von Herzschlag und Blutdruck zu Problemen führen. Es sind Fälle bekannt, in denen Cannabis Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte und vermutlich auch Schlaganfälle verursacht oder begünstigt hat."

Welt Anti Doping Agentur

Nein zu Doping - aber ja zu Cannabis? Die WADA will es überprüfen

Um Athleten zu überführen, die sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen wollen, habe man die Grenze zum Dopingvergehen auf 150 ng/ml Urin erhöht, heißt es dort weiter. "Athleten, die ohne Dopingvorsatz hin und wieder einen Joint rauchen, werden so geschützt."

Klarer Kopf

Die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) in Bonn verweist bei dem Thema auf die WADA, die "unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse" in dieser Frage entscheiden werde. Man kann also davon ausgehen, dass die Forscher und Funktionäre in den WADA-Gremien einen klaren Kopf bewahren.

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