Burkina Fasos stille Flüchtlingskrise | Afrika | DW | 23.10.2021
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Afrika

Burkina Fasos stille Flüchtlingskrise

Über eine Million Menschen sind vor Terror und Gewalt in Burkina Faso auf der Flucht. Und die Zahl steigt. Viele sind auf sich allein gestellt und kämpfen um das Überleben.

Jacob Ouermi spricht nicht gerne über das, was seine Familie durchgemacht hat. Mit seiner Frau Elisabet Simpore und den sieben Kindern lebte er in einem Dorf im Norden Burkina Fasos. Bis der Terror begann: "Menschen wurden entführt. Deshalb sind wir geflohen und haben nichts mitgenommen", sagt Ouermi, der im Schatten eines Baumes auf einer schmalen Holzbank sitzt. Das kleine Haus, in dem die Familie seit gut einem Jahr lebt, liegt in der Provinzhauptstadt Ouahigouya, drei Autostunden nordwestlich der Hauptstadt Ouagadougou.

Eigentlich wollten Jacob Ouermi und seine Familie nicht hierher. Sie hofften zunächst auf Schutz in einem Dorf neben ihrem alten. "Doch dort war es genauso schlimm. Meine Frau und die Kinder sind zunächst geblieben. Meine Frau hat versucht, einige Gegenstände zu holen", erinnert sich Jacob Ouermi. Er verließ das Dorf schon früher, weil er die Gewalt nicht aushalten konnte. "Sie haben viele Menschen umgebracht, auch meine Nachbarn. Meine Angst war zu groß."

Keiner kennt die Angreifer

Gemeinsam zog die Familie schließlich in die Provinzhauptstadt Ouahigouya. Doch auch hier schrecken sie nachts auf, wenn ein ungewohntes Geräusch zu hören ist. Ouahigouya ist eine der wenigen Städte im Norden, die noch einigermaßen sicher mit dem Auto zu erreichen sind. Anders sieht es in den umliegenden Städten und Dörfern aus. Selbst vermeintlich geschützte Konvois werden überfallen. Auf die Frage, wer hinter den Angriffen steckt, zuckt Ouermi mit den Schultern. "Wir nennen sie Terroristen. Wir wissen gar nicht, wer wer ist."

Eine Gruppe Flüchtlinge in Ouahigouya

Jacob Ouermi (Mitte) mit anderen Flüchtlingen in Ouahigouya

In Burkina Faso operiert eine Reihe von Terrorgruppen. Darunter die aus Mali stammende "Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime" (JNIM). Im Grenzgebiet zum Niger im Osten ist der sogenannte "Islamische Staat der größeren Sahara" (EIGS) aktiv. Für Überfälle sorgen außerdem Banditen, die von der schlechten Sicherheitslage profitieren.

Immer mehr Menschen werden durch die Angriffe vertrieben. Ende August waren in Burkina Faso nach Regierungs-Angaben über 1,4 Millionen Menschen auf der Flucht. Das Problem sei längst nicht mehr auf eine Region beschränkt, sagt Abdouraouf Gnon-Konde, Landesdirektor des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Das Misstrauen wächst

Lange galt Burkina Faso als Vorbild, weil verschiedene Volksgruppen und Religionen friedlich zusammenlebten. Doch das habe sich geändert, klagt Jacob Ouermi: "Durch diese ganzen Probleme gibt es viel Misstrauen."

Burkina Faso Ouahigouya | UNHCR-Repräsentant Abdouraouf Gnon Konde

UNHCR-Chef Gnon Konde muss sich um über 1 Million Vertriebene kümmern

Durch die Flüchtlingskrise verschlimmert sich auch die Armut. Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen belegt das Land seit jeher einen der hintersten Plätze. Aktuell 182 von 189 Staaten. Feste Jobs gibt es kaum, viele Menschen sind Kleinbauern. "Wir sind einfach nur da. Im Moment gibt es nichts zu tun. Wenn uns niemand etwas zu essen gibt, dann haben wir nichts", sagt Ouermi. Zwar haben die Bewohnerinnen und Bewohner von Ouahigouya kleine Felder zur Verfügung gestellt. Doch die Flächen werfen nicht genug ab, um die Familie zu ernähren.

Dazu kommt die Sorge um die Schulausbildung. Die älteren Kinder der Familie Ouermi haben mehrere Schuljahre verpasst. Staatliche Schulen sind schon ohne  Binnenflüchtlinge überfüllt. 2244 Bildungseinrichtungen bleiben in diesem Schuljahr wegen des Terrors geschlossen. Knapp 54 Prozent der Binnenflüchtlinge seien jünger als 14 Jahre, sagt UN-Vertreter Abdouraouf Gnon-Konde. "Sie warten die ganze Zeit darauf, wieder zur Schule zu gehen. Die Schule ist der Schlüssel, um eine Zukunft für diese Kinder zu schaffen." Hilfsorganisationen haben eine Reihe von Projekten gestartet, um den fehlenden Unterricht zu überbrücken. Ausreichend ist das jedoch nicht.

Überleben mit 1,50 Euro am Tag

Sandrine Kaborés Kinder sind noch zu klein, um zur Schule zu gehen. Sie lebt mit ihren Töchtern Maïmata und Cherifatou am Stadtrand von Ouagadougou. Kaboré ist mit ihren Kindern aus der Stadt Kaya hierher geflohen, die rund 100 Kilometer von Ouagadougou entfernt ist. Der Vater ihrer Töchter lebt in der Elfenbeinküste und schickt alle paar Monate umgerechnet zwischen 15 und 25 Euro. Die 19-jährige Sandrine ist ständig auf der Suche nach Jobs. Manchmal verdient sie als Waschfrau 1,50 Euro pro Tag, manchmal die Hälfte, manchmal gar nichts.

Burkina Faso Ouahigouya | Sammelunterkünfte

Manche Vertriebene finden in Notunterkünften ein Obdach

Untergekommen ist sie in einer Notunterkunft, die Adama Sawadogo mit Spendengeldern gebaut hat. Auch er ist ein Binnenflüchtling aus Djibou. Die Unterkunft besteht aus zwei Gebäuden mit 18 Räumen. Jeder Raum ist 16 Quadratmeter groß. 2019 hätten in der privaten Notunterkunft mitunter 78 Haushalte gelebt, erzählt Sawadogo: "In jedem Raum haben mindestens vier Frauen mit neun oder zehn Kindern geschlafen". Schlafen möchte Sandrine Kaboré hier nicht mehr. "Es gibt Mäuse, Kakerlaken, und die Wände sind undicht." Offiziell leben 1051 Binnenvertriebene in der Zentral-Region, zu der Ouagadougou gehört. Viele andere sind nicht registriert und werden nicht als Vertriebene wahrgenommen.

Burkina Faso Ouahigouya | Sandrine Kaboré

Sandrine Kaboré muss ihre Kinder fast alleine ernähren

Die Flüchtlingskrise hat auch längst die Nachbarländer erreicht. "Zwischen 20.000 und 25.000 Burkiner leben heute in Mali", sagt Abdouraouf Gnon-Konde vom UNHCR. 12.000 bis 15.000 haben nach seinen Angaben in Niger Asyl gefunden. 4000 bis 5000 haben im Norden Benins Zuflucht gefunden und rund 5000 in der Elfenbeinküste. Auch würden zunehmend junge Burkiner in Europa Asyl beantragen.

Gleichzeitig fehlt dem UNHCR laut Gnon-Konde aber das Geld, um sich um alle Flüchtlinge zu kümmern. Von den rund 602 Millionen US-Dollar, die für 2021 nötig seien, sei aktuell nur ein gutes Viertel finanziert. "Europa macht zwar schon viel. Wir wünschen uns aber, dass das auch so bleibt. Was hier passiert, geht uns alle an", sagt er.