Boris Johnson gerät unter wachsenden Druck | Aktuell Europa | DW | 23.06.2019
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Großbritannien

Boris Johnson gerät unter wachsenden Druck

Er sah schon wie der sichere Sieger aus: Doch nun scheinen die Chancen von Boris Johnson auf den Vorsitz der konservativen Partei und damit das Amt des britischen Premiers zu sinken. Ursache ist ein privater Streit.

Nach einem lautstarken Streit zwischen Boris Johnson und seiner Lebensgefährtin wächst der Druck auf den britischen Ex-Außenminister. Hochrangige Tory-Mitglieder kritisierten Johnsons Schweigen zu der Auseinandersetzung, die am Samstag die Titelseiten der britischen Zeitungen beherrschte.Johnson gilt als Favorit im Rennen um die Nachfolge von Premierministerin Theresa May. Jüngste Umfragen zeigen jedoch, dass die Unterstützung für ihn abgenommen hat.

Noch am Donnerstag galt Johnson bei 36 Prozent aller Wähler als der beste potenzielle Premierminister, während 28 Prozent Hunt unterstützten. In einer neuen Umfrage nach dem Polizeieinsatz vom Freitag zog Hunt mit 32 Prozent an dem Ex-Außenminister vorbei, der nur noch 29 Prozent erhielt. Unter konservativen Wählern fiel Johnsons Zuspruch von 55 auf 45 Prozent, während Hunts Zustimmungsquote von 28 auf 34 Prozent stieg.

England Außenminister Jeremy Hunt (picture-alliance/NurPhoto/W. Szymanowicz)

Anscheinend hat er nun Grund zur Freude: Jeremy Hunt

Johnson hatte am frühen Freitagmorgen in seiner Wohnung in London Besuch von der Polizei bekommen. Auslöser war offenbar eine lautstarke Auseinandersetzung mit seiner Freundin Carrie Symonds, die Nachbarn Medienberichten zufolge gehört haben. Nach Polizei-Angaben war der Anrufer "um das Wohl einer Nachbarin besorgt".

Lieber Schweigen als Kommentieren

Johnson, der sich derzeit von seiner zweiten Frau scheiden lässt, versuchte am Samstag bei einem Auftritt vor der Parteibasis in Birmingham, das Gespräch von seinem Privatleben auf die Politik zu lenken. "Ich glaube nicht, dass die Leute von solchen Dingen hören wollen", sagte Johnson in Birmingham, wo er sich neben seinem Kontrahenten, dem amtierenden Außenminister Jeremy Hunt, den Mitgliedern der konservativen Tory-Partei präsentierte. Er stellte lieber seine Sicht auf den EU-Austritt Großbritanniens heraus. "Wir müssen den Brexit schaffen", sagte er und versprach, Großbritannien auf einen "No Deal"-Brexit vorzubereiten, falls mit der EU keine Einigung erzielt werde.

Der ehemalige britische Außenminister Malcolm Rifkind kritisierte Johnsons Schweigen zu dem Vorfall. "Tatsache ist, dass es einen Polizeibesuch gab. Da sagt man nicht einfach, 'Kein Kommentar'", sagte der konservative Politiker dem Sender BBC Radio 5. Auch der britische Staatsminister für Europa, Alan Duncan, ist mit Johnsons Reaktion nicht einverstanden. Der Ex-Außenminister habe jetzt ein "großes Fragezeichen über dem Kopf", sagte Duncan der Zeitung "The Guardian". Er fügte hinzu, Johnson habe während seiner gesamten Karriere einen "Mangel an Disziplin" gezeigt.

Auch Hunt sieht seinen Kontrahenten in der Pflicht, sich zu dem Vorfall zu äußern. "Jemand, der Premierminister werden will, sollte Fragen zu allem beantworten", sagte er dem Sender "Sky News" am Sonntag. Handelsminister Liam Fox, ein Unterstützer Hunts, sagte dem Sender BBC 1, "ich denke, es ist immer leichter, einfach eine Erklärung abzugeben".

Freundlicher Empfang in Birmingham

Das letzte Wort haben jedoch die 160.000 Parteimitglieder, die sich bis Ende Juli per Briefwahl zwischen Johnson und Hunt entscheiden müssen. Die Unterstützung der Tories für Johnson schien auch bei der ersten Wahlveranstaltung der beiden verbliebenen Kandidaten in Birmingham zunächst ungebrochen. Johnsons Auftritt wurde mit großem Applaus quittiert. Als der Moderator dem Londoner Ex-Bürgermeister Fragen über den häuslichen Zwischenfall stellte, reagierte die Menge mit lauten Zwischenrufen. Hunt wurde in Birmingham ebenfalls ein herzlicher Empfang bereitet. Er versprach, falls es mit der EU zu keiner Einigung über den Brexit komme, werde der Austritt "ohne Deal" erfolgen.

Ein Video, das die Zeitung "The Observer" veröffentlichte, könnte Johnson zusätzlich unter Druck setzen. Darin behauptet der ehemalige Chefstratege von US-Präsident Donald Trump, Steve Bannon, er habe im vergangenen Jahr an Johnsons Rücktrittsrede als Außenminister mitgewirkt. Johnson und der US-Rechtsaußen-Ideologe lernten sich kennen, als beide im Amt waren, und sollen sich im vergangenen Sommer inoffiziell wieder getroffen haben. Johnson sagte damals, seine "sogenannte Beziehung" zu Bannon sei eine "Wahnvorstellung der Linken".

kle/haz (afp, rtr)

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