Bildergeschichten: Toilette für vier Nationen | Geschichte | DW | 27.05.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Geschichte

Bildergeschichten: Toilette für vier Nationen

Wir stellen jede Woche ein Bild vor und erzählen seine Geschichte. Diesmal gehen wir zurück in das Jahr 1949 und zu einer nach Nationen getrennten Toilette.

In diesem Häuschen an Berlins Ausfallstraße nach dem Westen, am Konotrollpunkt Dreilinden, hat jede Nation einen Sitz. - Foto: vermutl. Georg Brock

Berlin - Grenzbilder

Die deutsche Geschichte ist kompliziert. Das zeigt sich auch an diesem Bild, das im Jahr 1949 in Berlin entstand, genauer: am Grenzkontrollpunkt Dreilinden zwischen West-Berlin und dem Gebiet der DDR. Hier haben die West-Alliierten den sogenannten „Checkpoint Bravo“ eingerichtet. Amerikaner, Briten, Franzosen und auch West-Berliner Kräfte sorgen hier auf ihrer Seite für den reibungslosen Zonengrenzverkehr. Und wenn die Jungs einmal dahin gehen müssen, wo auch der Alliierte alleine hingeht – dann bitte schön sauber nach Nationalität getrennt. Den Alliierten und den Deutschen ist es zu dieser Zeit offenbar nicht zuzumuten, eine gemeinsame Toilette zu benutzen. Das Holzhäuschen ist viergeteilt.

Das Bild steht symbolisch für das geteilte Berlin, denn Dreilinden wird während der deutschen Teilung ein wichtiges Nadelöhr im Transitverkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik. Wer mit dem Auto von West- oder Süddeutschland in die nach dem Mauerbau von 1961 eingeschlossene Stadt will, muss hier oft quälend lange Kontrollen und Schikanen durch die DDR in Kauf nehmen. Auf DDR-Seite wird der Checkpoint als „Grenzübergangsstelle“ betrachtet. Die West-Alliierten lehnen den Ausdruck Staatsgrenze ab: Für sie liegt Dreilinden an der Sektorengrenze Berlins – und heißt deshalb bis 1990 schlicht „Kontrollpunkt“.

Die Kontrolle auf Seiten der DDR obliegt übrigens speziellen Passkontrolleinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit, kurz MfS. Ihre Mitglieder tragen zwar die Uniformen der Grenztruppen, bekommen als MfS-Mitarbeiter aber mehr Gehalt als die Grenzsoldaten. Auch deshalb ist das Verhältnis tendenziell vergiftet. Die MfS-Mitarbeiter prägen den groben Ton gegenüber westdeutschen Transitreisenden.

 Im Nachhinein wirkt es fast lächerlich, wie sehr sie sich tagtäglich an dem vermeintlichen Klassenfeind in seinem West-Auto abgearbeitet haben. Doch das ist inzwischen Vergangenheit. Heute sind die Deutschen wieder vereint und auch der europäische Einigungsprozess kann für sich zumindest das Verdienst in Anspruch nehmen, dass nach Nationalitäten getrennte Toilettenhäuschen auf unserem Kontinent praktisch nicht mehr existieren…

Die Redaktion empfiehlt