Bildergeschichten: Bitte keine Touristen! | Geschichte | DW | 05.11.2013
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Geschichte

Bildergeschichten: Bitte keine Touristen!

Wir stellen jede Woche ein Bild vor und erzählen seine Geschichte. Diesmal gehen wir zurück in das Jahr 1886: Schloss Neuschwanstein ist fast fertig.

Wenn es ein Ranking der von Touristen am meisten fotografierten Bauwerke Deutschlands gäbe – Schloss Neuschwanstein belegte fraglos einen der vorderen Plätze. So schön und romantisch liegt es da oberhalb von Hohenschwangau bei Füssen, dass jedes Jahr mehr als eine Million Menschen anreisen, um das als "Märchenschloss" verklärte Bauwerk zu besichtigen. Dass allerdings genau dies für den Bauherrn eine wahre Schreckensvorstellung gewesen wäre, weiß kaum jemand: König Ludwig II. von Bayern war nämlich ein ausgesprochen menschenscheuer Monarch, der sich im Laufe seines Lebens immer mehr der Welt entzog.

Schon als Ludwig mit 18 Jahren den bayerischen Thron bestieg, wurde rasch deutlich, dass er es nicht lange aushielt, mit vielen Menschen zusammen zu sein. Bald mied er den Kirchgang mit anderen und ließ sich eine eigene kleine Kirche bauen, in der die Messe allein für ihn gelesen wurde. Selbst komplette Opern wurden später mit dem König als einzigem Zuschauer aufgeführt. Dass Ludwig dabei vor allem die Werke von Richard Wagner bevorzugte, ist bekannt. Ob dies seinem labilen psychischem Zustand wirklich gut tat, kann hingegen bezweifelt werden …

Prinz Ludwig v.Bayern in Uniform/Albert Ludwig II., Koenig von Bayern Foto (Joseph Albert, Muenchen), 1863

König Ludwig II. von Bayern

Mit seiner Leidenschaft für prächtige Bauten stand Ludwig durchaus in einer gewissen Familientradition: Schon Vater und Großvater verschönerten die Residenzstadt München mit repräsentativen Bauten. Allerdings geriet Ludwig bald in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Bekanntlich nutzte Reichskanzler Otto von Bismarck die Verlegenheit des bayerischen Königs, um dessen Stimme zu kaufen.

Es ging um die Zustimmung zur Ernennung des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser 1871: Bismarck bot dem zögernden Ludwig reichlich Geld an – umgerechnet fünf Millionen Goldmark. Der König nahm's gerne, schlug den Preußen zum Kaiser vor und hatte wieder Geld für seine Schlösser. Vorerst jedenfalls.

Besonders angetan war Ludwig von Schloss Neuschwanstein, das einerseits romantisch verklärt, andererseits auffallend modern ausgestaltet wurde: mit elektrischer Beleuchtung, Zentralheizung und fließend heißem Wasser. Doch Ludwig konnte das alles nur wenige Tage genießen. Noch waren nicht alle Räume fertig, da wurde der König 1866 von der bayerischen Regierung als unzurechnungsfähig abgesetzt (und ertrank bekanntlich kurz daraus im Starnberger See). Was blieb, waren Schulden. Um zumindest die für das "Märchenschloss abzutragen, wurde Neuschwanstein schon einige Wochen später für zahlende Besucher geöffnet. Der König ist tot, es lebe – die Touristenattraktion!

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