Berliner Mauerstücke weltweit begehrt | Lebensart | DW | 12.08.2016
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Lebensart

Berliner Mauerstücke weltweit begehrt

Mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Handel mit Überresten der Berliner Mauer immer noch ein gutes Geschäft. Sie gelten als Freiheitssymbole. Allerdings sind nicht alle Stückchen echt.

"Ein Stück Geschichte zum Anfassen", sagt Sarah und zeigt auf die bunten Mauerstücke, die wie auf einem Gabentisch in einem Souvenirgeschäft in Berlin-Mitte aufgestellt sind. Die Schwedin schlendert mit hrer Mutter über Berlins Prachtmeile "Unter den Linden" und findet es "cool", ein Stückchen Mauer mit nach Hause zu nehmen.

Wie kostbare Diamanten sind sie in Plastikaufsteller eingeschweißt. Die Preise variieren: 6.99 EUR bis 23.99 EUR steht auf den Etiketten. Keiner der Minibrocken ist glatt geschnitten. Sie sind unregelmäßig gezackt, so, als wären sie eben erst aus der Mauer gebrochen worden.

Mauerreste für jeden Geldbeutel

Die Mauerteile gehen gut. Für die Souvenirhändler in Berlin sind sie noch immer ein gutes Geschäft. Sie kämen direkt nach den Magneten für Kühlschränke auf Nummer zwei der meistverkauften Artikel, sagt der Verkäufer: "Spätestens jeder fünfte kauft was mit Mauer". Das bestätigt auch Wieland Giebel. Der Chef von Berlin Story, einem Buchhandel mit Onlineverkauf, vermarktet alles zum Thema Berlin. In seinen vier Berliner Geschäften und im Online-Shop mache er mit der Mauer jedes Jahr mehrere hunderttausend Euro Umsatz, sagt er auf Anfrage der Deutschen Welle. Die Nachfrage bliebe seit Jahren konstant hoch.

Berliner Mauer

Sarah aus Schweden findet Mauerkaufen cool

Erfreulicher Ausreißer nach oben sei die Zeit um den Jahrestag des Mauerfalls am 9. November. Giebel bezeichnet sich als "den größten Einzelhändler für Mauerteile in der Welt". Neben den kleineren Mauerstücken verkauft er auch ganze Mauersegmente. Sie werden auf seiner Website für Beträge zwischen 7000 EUR und 12.000 EUR angeboten. Vor allem Firmen oder große Institutionen sind die Abnehmer. Doch Giebel macht das Hauptgeschäft nicht mit den tonnenschweren Einzelsegmenten, sondern mit den kleineren Mauerstückchen.

Ein Kilometer Mauer verkauft

Berliner Mauer im Müll

Wieland Giebel von Berlin Story verdient viel Geld mit der Mauer

Recherchen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zufolge wurden seit dem Fall der Mauer mehr als 360 komplette Segmente verkauft. "Das entspricht einer Mauerlänge von einem Kilometer", sagt die Mauerexpertin der Stiftung, Anna Kaminsky, gegenüber der Deutschen Welle. Theoretisch müssten noch 154 Kilometer Mauer verfügbar sein. Doch viele Mausersegmente wurden nach dem Abbaubeschluss der DDR vom 29. Dezember 1989 geschreddert und als Baustoff weiterverkauft. Manche landeten auch auf dem Müll. Oder sind alle Winde verstreut.

Berliner Mauer im Müll

Die DW fand jetzt mehrere Dutzend Mauersegmente im Müll

Insgesamt 241 Mauerteile wurden laut Bundesstiftung Aufarbeitung an 146 Orten in der Welt aufgestellt, davon allein 57 in den USA. Eine Sensation war der Verkauf im Sommer 1990. Fünf sowjetische Künstler bemalten 100 kleine Betonplatten und verscherbelten sie für mehrere 100.000 Dollar an einen Sammler in den USA.

Mauerkunst und Graffiti

Oft handelt es sich aber auch um repräsentative Geschenke, wie etwa beim Mauersegment im Garten der UN in New York. Gerade erst gingen fünf Mauersegmente nach Südkorea, wie Elmar Prost, Geschäftsführer der Berliner Baustofffirma Klösters, der DW mitteilte. Klösters hat vor einigen Jahren 164 Mauersegmente gekauft und Künstlern und Amateurmalern als steinerne Leinwand gegen ein geringes Entgelt zur Verfügung stellt. Die Serie der Nobelpreisträger, gemalt vom spanischen Künstler Victor Landeta, ist so entstanden. Landeta sucht Käufer für seine Serie. Könnte er für jedes Bild ähnlich wie die Profis von Berlin Story 12.000 Euro erzielen, würde er "Hurra schreien", spekuliert Prost.

Die 2800 Kilo schweren, 3,60 Meter hohen Mauersegmente sind unhandlich und brauchen Platz, um aufgestellt zu werden. "Deswegen ist das Geschäft damit nicht sehr erfolgreich gewesen", erzählt Anna Kaminsky und erinnert daran, dass die letzte DDR-Regierung sogar noch die irrwitzige Erwartung hegte, mit jedem Mauersegment mehr als 100.000 D-Mark zu erzielen. "Der eigentliche Markt ist das, was an die Touristen in kleinen Bröckchen verkauft wird, von 3.95 bis 100 Euro. Da kommt schon was zusammen." Da Verkauf und Handel nicht zentral erfasst werden, hat auch sie keine verlässlichen Zahlen.

Vertrausenssache wie beim Reliquienhandel

Berliner Mauer Vicor Landeta, Mauerbilder von Friedensnobelpreisträgern

Noch zu haben: Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt auf einem Mauerbild des spanischen Künstlers Victor Landeta

Je länger der Mauerfall zurückliegt, umso drängender werde die Frage nach der Echtheit. "Das Kaufen von Mauerteilen ist letztlich Vertrauenssache", sagt der Berliner Mauerexperte Ronny Heidenreich der DW. Ob die fingernagelgroßen Krümel echt seien, lasse sich nicht mehr feststellen. Das sei dann eher wie "Reliquienhandel". Der Glaube steht im Vordergrund. Gerhard Sälter von der Gedenkstätte Berliner Mauer sieht das ähnlich. Besonders misstrauisch ist er bei bemalten Mauerteilen, die sich bunt einfach besser verkaufen ließen als grau: "Ich vermute, dass die meisten Mauerstücke, die wir als Touristen kaufen können, nachbemalt sind."

"Sie müssen ja nicht kaufen"

Wilbert Giebel von Berlin Story reagiert auf Echtheitszweifel gelassen: "Ich persönlich habe noch nie davon gehört, dass ein unechtes Mauerteil verkauft wurde", sagt er. Und außerdem: "Sie müssen ja nicht kaufen."

Mauertourismus

Die Berliner Mauer ist immer noch ein Touristenmagnet.

Doch sie kaufen und kaufen. Gerade in den USA sei das Interesse ungebrochen, "weil die Mauer den Freiheitswillen der Deutschen zum Ausdruck bringt", sagt Giebel. "Ich freue mich darüber, weil das Berlin ausmacht. Hier ist der Freiheitswille immer präsent, mehr als in Passau oder Wanne-Eickel."

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