Berliner Mauer: Zweimal 10.315 Tage | Deutschland | DW | 04.02.2018
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Deutschland

Berliner Mauer: Zweimal 10.315 Tage

Mehr als 28 Jahre teilte die Mauer Berlin, vor mehr als 28 Jahren ist sie gefallen. Wenn nun der Nationalismus in Europa das Haupt erhebt, sollte Berlin das Zentrum des Widerstands sein. Ein Essay von Frank Hofmann.

5. Februar 2018. Es ist gut möglich, dass dieses Datum verstreicht, ohne dass es besonders beachtet wird, selbst in Berlin. Dabei ist es für die einst geteilte Millionenstadt von ganz besonderer Bedeutung. Dieses Datum erzählt eine Geschichte: vom Zusammenwachsen, von Hoffnung, auch von Jugend, von einer neuen Generation, die nicht mehr weiß, wo die Mauer stand, ob man gerade im alten Westen oder im neuen Osten ist. An diesem 5. Februar 2018 lebt Berlin so viele Tage ohne Mauer wie die Stadt und ihre Menschen das Schandmal ertragen mussten.

10.315 Tage stand das Bauwerk, mit dessen Erstellung Erich Honecker behauptete, West-Berlin einfrieden zu wollen. Tatsächlich steckte er die Bürger der Ulbricht-DDR in ein riesiges Gefängnis. 10.315 Tage dauerte es nach dem 13. August 1961, bis in der glücklichen Nacht des 9. November 1989 alle nur noch "Wahnsinn" riefen, die geteilte Stadt wieder zusammenfand.  Und 10.315 Tage ist sie nun am 5. Februar 2018 gefallen.

Mauerbau im August 1961 (picture-alliance/dpa)

Mauerbau im August 1961: Millionenmetropole durch Ziegel- und Betonmonster getrennt

An der Berliner Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße steht noch ein Rest. Mittlerweile denken hier täglich mehrere hundert Touristen und zahlreiche Schulklassen über die Schrecken dieses Bauwerks nach. Eltern zeigen ihren Kindern, was da los war, als eine Millionenmetropole durch dieses Ziegel- und Betonmonster,  durch Selbstschussanlagen, Panzersperren und Schießbefehl getrennt war und auf diese Weise Familien und Freunde für fast drei Jahrzehnte auseinandergerissen waren.

Eine Zeit, in der das Regime in Ost-Berlin seinen Traum von der sozialistischen Moderne mit Fernsehturm und Kaufhalle am Alexanderplatz oder in der Schlichtheit der Plattenbauten von Lichtenberg bis Marzahn zu leben versuchte. In einer Architektur, die heute Hipster mögen. Damals war es ein Leben mit SED-Parteibuch - keine andere Stadt in Ost-Deutschland hatte so viele Parteimitglieder auf so engem Raum.

"Operation Rose"

Erich Honecker war Anfang der 1960er Jahre der für Sicherheitsfragen zuständige Sekretär im Zentralkomitee der SED und verantwortlich für die "Operation Rose", den Mauerbau quer durch die Stadt. Und das nicht nur zum Auftakt: Nachdem Honecker 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED zum DDR-Chef wurde, kümmerte er sich weiter um den Betonwall und dessen Perfektionierung: Die Mauer bekam ihr graues Äußeres.

Mauer mit Todesstreifen (1970) (picture-alliance/Dieter Klar)

Mauer mit Todesstreifen (1970): Der Druck im Kessel DDR nahm zu

Für die letzte Ertüchtigung aber, geplant Ende der 1980er Jahre, fehlten schlicht die Mittel: Die DDR war am Ende. Wirtschaftlich, moralisch - die greise Führung des ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaates war ohne Antwort auf die Veränderungen in der Sowjetunion.

Der Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, hatte mit Perestroika und Glasnost den Wandel eingeleitet: bis hin zur Meinungsfreiheit. Schon mit Anfang der 1980er Jahre hatten sich Menschen zum Protest in der DDR formiert. Dinge sollten angesprochen werden, gerade um den Sozialismus zu retten. Die Zahl der DDR-Bürger, die Ausreiseanträge stellten, war stetig gestiegen, die Mauer durchlässiger geworden. Der Druck im Kessel DDR nahm zu.

Auch das wird an der Bernauer Straße oder im Museum des "Tränenpalastes" am S-Bahnhof Friedrichstraße verhandelt. Es geht um Vergangenheit. An der Friedrichstraße können Besucher durch die ehemaligen Abfertigungsschalter für die Passkontrolle gehen, wo alle Westdeutschen bei einem Besuch in Berlin den deutschen Totalitarismus am Ende des 20. Jahrhunderts zu spüren bekamen bei der strammen Behandlung der DDR-Grenzer vor dem obligatorischen Geldumtausch.

Wohliges Gruseln an Mauerresten

Das Interesse der Berlinbesucher ist groß - doch Angst muss hier keiner mehr haben. Echte Aufregung gibt es meist nur noch, wenn - wie im Sommer 2017 - der Aussichtsturm der Gedenkstätte an der Bernauerstraße gesperrt ist, weil das Treppenhaus schon wieder renoviert werden muss. Der alte Wachturm der NVA-Grenzsoldaten und die paar erhaltenen Mauerteile gegenüber sind begehbare Kino-Kulisse, die manchen einen wohligen Schauer auf dem Rücken spüren lässt. Und das ziemlich erfolgreich: Knapp eine Million Menschen haben die Mauergedenkstätte schon 2016 besucht. Rekord.

Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße (2017) (picture-alliance/dpa/A. Mortada)

Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße (2017): Jährlich knapp eine Million Besucher

Die Mauergedenkstätte steht regelmäßig auf Platz zwei der meistbesuchten zeithistorischen Museen in Deutschlands Hauptstadt (Platz eins: Die "Topographie des Terrors" auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände). Hinzu kommt das privat geführte Mauermuseum am Checkpoint Charlie mit regelmäßig um die 800.000 Besuchern. Der ehemalige Wehrmachtssoldat Rainer Hildebrandt hatte es gleich nach dem Mauerbau am 19. Oktober 1962 gegründet - als Zeichen gegen den Totalitarismus im Allgemeinen und gegen den Betonwall im Besonderen. Der war hier für die internationalen Gäste der Stadt durchlässig, Checkpoint Charlie war "ihr" Grenzübergang.

Doch für die allermeisten Ostberliner war die Mauer unüberwindlich. Nur wenige haben es gewagt, zu fliehen - und wenn, dann mit riesigem Aufwand: Im Mauermuseum gibt es Kleinwagen mit Personenverstecken zu sehen, spezielle Leitern, Fluggeräte, mit denen Menschen versuchten, die Grenze zu überwinden. Heute ist die Beklemmung, die Angst, die die Mauer einst ausgelöst hat passé.

Rückkehr der Geschichte

Dafür ist die Geschichte des Nationalismus in Europa, die zum Mauerbau und damit zum bekanntesten Symbol des Kalten Krieges geführt hatte, wieder auf der Tagesordnung. Denn diese Geschichte, die im 20. Jahrhunderten zu zwei Weltkriegskatastrophen und zum Holocaust führte, sie ist 28 Jahre nach dem Mauerfall und 56 Jahre nach ihrem Bau mit Wucht zurück in der Welt.

DDR-Grenzanlagen am Potsdamer Platz (1970) (picture-alliance/dpa)

DDR-Grenzanlagen am Potsdamer Platz (1970): Symbol des Kalten Krieges

Francis Fukuyama erntete schon 1992 Widerspruch, als er in seinem Buch "Vom Ende der Geschichte" die frohe Hoffnung verkündete, mit dem Ende des Eisernen Vorhangs sei jener Moment erreicht, den Hegel als letzte Synthese bezeichnete, und mit dem Ende des Konflikts zwischen Ost und West werde alles gut.

Dass aber die Welt mit einem Rechtspopulisten im Weißen Haus in Washington und Europa mit den Vereinfachern in Warschau oder Budapest oder auch dem Brexit heute wieder über Fragen diskutiert, die längst geklärt schienen - das vermag dann doch zu verwundern. Viele Menschen erschreckt es. 

Die Rückkehr des Nationalismus fordert das europäische Einigungsprojekt heraus und damit den Traum, dass nach Mauer und Stacheldraht der alte Kontinent endlich zu sich findet: vereint in Frieden auf Grundlage des Rechts. Plötzlich wird klar, dass die Regierungen der Europäischen Union in mehr als zwei Jahrzehnten Nachwendezeit viel zu kurz gesprungen sind, eine große Chance der Vereinigung Europas sträflich vernachlässigt und den Kontinent viel zu wenig integriert haben.

"Wir müssen es wollen, dieses neue Europa zu haben", sagte im September 2017 Lech Walesa, der ehemalige Anführer der Solidarnosc-Bewegung in Polen, die am Beginn des Falls der Berliner Mauer stand. Doch warum hat diese Freude des Mauerfalles nicht zu Strukturen geführt, die eine Restauration des Nationalismus verhindern? Wie konnte es so kommen?

Symbol kultureller Transformation

Gleich nach dem Mauerfall verschafften sich die Prinzipien der offenen Gesellschaft Karl Poppers in den Ländern Ostmitteleuropas Raum: Als Handlungsmaxime für die Transformation Polens oder Ungarns vom Sozialismus zur Marktwirtschaft. Das kulturelle Symbol dieser Transformation war das Zentrum der Teilung des Kontinents: Berlin. Interessanterweise gerade für viele Menschen in Ostmitteleuropa: Viele hatten keine Verwandtschaft im Westen.

Kunsthaus Tacheles in Berlin (1994) (picture-alliance/dpa/J. Bauer)

Kunsthaus Tacheles (1994): Künstler, Existenzialisten, Hobbyphilosophen aus der ganzen Welt

Im Ostteil der Stadt Berlin wurden 1990 in wenigen Monaten rund 120 meist vollständig leer stehende Häuser besetzt. Künstler, Existenzialisten, Hobbyphilosophen aus der ganzen Welt und junge Westberliner, die keine Mieten zahlen wollten, begannen für ein paar Jahre mit neuen Lebensentwürfen zu experimentieren. Jene, die dies taten haben anderen etwas voraus. Denn es gab auch viele Westler, die sich nicht trauten in den Osten zu gehen und viele Ostler, die keine Lust auf den Westen hatten.

Zum Symbol dieser Entwicklung wurde in der Oranienburger Straße das Kunstzentrum Tacheles. Russische Künstler hatten dort in einer Nacht- und Nebelaktion zwei MIG-Kampfjets in den Boden des Hinterhofs gerammt, ohne darüber nachzudenken, ob sie das durften; denn Kunst darf alles. In Berlin wurde das "everything goes" gelebt.

Erst Jahre später kamen ein paar Experten auf die Idee, dass es sich dabei vielleicht doch um einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz gehandelt haben könnte. Da saßen die Künstler schon wieder auf gepackten Koffern. Es war eine Zeit, in der die staatliche Regelungswut vor den riesigen Aufgaben kollabierte. Wer vermag schon kontrollieren, wer da kostenlos Strom abzog, wo es doch in jedem zweiten Haus so war, weil die DDR-Wirtschaft zuvor zusammengebrochen war.

Technoclub Tresor (2005) (picture-alliance/dpa/Xamax)

Technoclub "Tresor" (2005): Alles, was die Boxen hergaben

In Berlin-Mitte war damals auch unter der Woche "Wochenende", als immer wieder in wechselnden Locations DJs ohne Honorar bei Kerzenschein in Bruchhäusern auflegten. Es gab - anders als hin und wieder behauptet - nicht nur elektronische Musik, sondern alles, was die Boxen hergaben: Rock, Pop, Techno, House.

In der Rosenthaler Straße 68 entstand mit dem "Eimer" neben dem Tacheles ein weiteres Besetzerzentrum der Berliner Off-Kultur. In der Steinstraße ging es in den Keller zu Musik und Bier, genauso in der Tucholskystraße. Dimitri Hegemann hatte da bereits den berühmtesten Techno-Klub der Welt gegründet, den Tresor an der Leipziger Straße. Die Love-Parade wuchs jedes Jahr. Berlin brummte, als wolle die Stadt mit einem Tanz auf dem Vulkan die Schwere der Teilung so schnell wie möglich vergessen machen. Dabei kam die Initiative aus dem Westteil der Stadt. Getroffen haben sich hier alle.

Techno-Tempel und sich drehende Kräne

Im Berliner Senat arbeitete Baudirektor Hans Stimmann von 1991 an sechs Jahre als Senatsbaudirektor daran, die Teilung architektonisch vergessen zu machen: Auf dem Potsdamer Platz neben dem Techno-Tempel Tresor drehten sich bald die Kräne, die Tanzenden wurden beim Austreten ins Helle mit Presslufthammer begrüßt. Die Stadt hatte nach der Teilung doppelt so viele Theater und Opern, wie finanziell vernünftig gewesen wäre - und hatte doch gerade damit eine Chance bekommen, die Kulturhegemonie im deutschsprachigen Raum an sich zu ziehen. An Berlin kommt in der Theaterwelt heute niemand vorbei.

Bill Clinton in Berlin (1994) (picture alliance/AP Photo/J. Bauer)

Berlinbesucher Clinton (1994): "Gewaltige Kraft der Freiheit"

Die Auguststraße in Berlin-Mitte wurde in dieser Zeit zur Atelier-Meile für arme Künstler. Dahinter steckte eine Politik der öffentlichen Wohnungsbaugesellschaft Mitte, für die andere Städte Berlin bis heute beneiden: Jahrelang brauchten die Gerichte, um die Rückübertragungsansprüche der Alteigentümer abzuarbeiten, darunter viele jüdische Familien weltweit.

Das dauerte - für die Zeit des Übergangs bekamen Künstler Einjahresverträge und mussten lediglich Strom und Heizkosten bezahlen. Das hatte den Vorteil, dass die Häuser nicht weiter verfielen. Dann kamen die Galeristen und machten aus den Ateliers Ausstellungsräume. In Berlin war schon alles möglich, als US-Präsident Bill Clinton im Juli 1994 in die Stadt kam und alle darauf warteten, was er wohl sagen würde, um John F. Kennedys Satz von 1963 weiter zu schreiben: "Ich bin ein Berliner".

Damals rief Clinton den Berlinern vor dem Brandenburger Tor zu: "Wir stehen gemeinsam dort, wo das Herz Europas gespalten wurde - und wir feiern die Einheit". Feinste Redenschreiberei. "Wir stehen dort, wo rohe Betonmauern Mutter und Kind trennten - und wir kommen als eine Familie zusammen. Wir stehen dort, wo diejenigen, die ein neues Leben anstrebten, den Tod fanden - und wir sind von tiefer Freude über die Erneuerung erfüllt", sagte der US-Präsident - und massierte damit die geschundene Berliner Seele, vor allem die im Westteil der Stadt: "Bürger Berlins! Sie haben Ihren langen Kampf gewonnen. Sie haben bewiesen, dass keine Mauer auf ewig die gewaltige Kraft der Freiheit einsperren kann."

"Berlin ist frei"

Damals klang das für die Erneuerer, die Kampfjets zu Kunst machten, und für die DJs, die ansetzten, aus ihrem Hobby einen gut bezahlten Job zu machen, ein wenig lächerlich, denn: Sie lebten ja längst, was schließlich in Clintons "Cliffhanger-Satz" mündete: "Berlin ist frei."

Mehr als zwei Jahrzehnte später klingt diese Rede nicht mehr selbstverständlich, sondern wie eine Verheißung - angesichts der Rechtspopulisten und Spalter, die den Fragen des 21. Jahrhunderts mit Antworten aus dem 19. Jahrhundert beikommen wollen.

Jetzt also lebt Berlin seit 28 Jahren ohne Mauer. Die Stadt, die die Vernichtung ihrer jüdischen Bevölkerung erlebt hat im nationalsozialistischen Terror, die Kaiser- und Nazireich wie Bombennächte erduldete. Die ehemalige Hauptstadt der DDR - diese Stadt hat aufgeschlossen zu den anderen freiheitlichen Metropolen Europas. Da wird es Zeit, die politischen Herausforderungen dieser Welt anzunehmen.

Welche Stadt könnte sich besser gegen die Restauration des Autoritären stemmen als die ehemalige Stadt der Teilung? Berlin kann froh sein über und stolz sein auf all die Neu-Berliner, die heute hier leben, weil sie die Orbáns, die Kaczynskis und Trumps verabscheuen. Zeigen wir den Anhängern des kleinen Karos in Europa was wir gelernt haben in 28 Jahren ohne Schandmauer.

Mitarbeit: Peter Köpf (Denk-Bar), Karla Sachse (Prenzlauer Berg), Ekkehard Schwerk (Bautzen)

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