Berliner Charité: Weltberühmt und geschichtsträchtig | Deutschland | DW | 21.08.2020
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Der Fall Nawalny

Berliner Charité: Weltberühmt und geschichtsträchtig

Der schwer erkrankte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny wird am Samstag nach Deutschland geflogen. Bundeskanzlerin Merkel hat ihm eine Behandlung angeboten. Infrage kommt dafür die Berliner Charité.

Charité bedeutet auf Französisch Nächstenliebe oder Barmherzigkeit. Und genau darin liegt auch der Ursprung des heute weltberühmten Berliner Krankenhauses. 1710 als ein Haus für Pestkranke gegründet, wurde die Charité richtig bedeutend, als 1810 die Universität in Berlin ihren Betrieb aufnahm. Forschung, Krankenhausbetrieb und Lehre gingen ab sofort Hand in Hand. Über die Hälfte der deutschen Nobelpreisträger für Medizin oder Physiologie arbeiteten an dem Krankenhaus, das heute über 3000 Betten hat, an mehreren Standorten in der deutschen Hauptstadt. 290 Professoren und über 8000 Studenten sind in der Charité mit Forschung, Lehre und Studium beschäftigt. Insgesamt 13.000 Mitarbeiter kümmern sich heute um das Wohl von fast 800.000 ambulanten oder stationären Patienten im Jahr. Weltberühmte und hoch dotierte Mediziner wie Robert Koch, Rudolf Virchow oder Ferdinand Sauerbruch wirkten hier.

Stoff genug für eine spannende TV-Serie

Die spannende und wechselvolle Geschichte einer der größten Krankenhäuser Europas war 2017 auch Gegenstand einer mehrteiligen TV-Serie des öffentlich-rechtlichen Senders ARD, die viele Zuschauer fand. Die Geschichte der Charité war allerdings nicht immer glanzvoll: Viele Mediziner waren während der NS-Zeit auch in die Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt, jüdische Selbstmörder und die hingerichteten Widerstandskämpfer des 20. Juli wurden in der Charité obduziert. Und der frühere DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker wurde sehr viel später, in den 1990er Jahren, in der Charité untersucht, bevor er ins chilenische Exil ausreisen durfte.

Deutschland Berlin | Spreebogen DDR | Universitätsklinikum Charité (Imago Images/R. Zöllner)

In den 1990er Jahren sah man noch die Überreste der Berliner Mauer nahe der Charité

Anonyme Patienten aus Russland und Saudi-Arabien

Heute suchen immer wieder Prominente aus der ganzen Welt den Rat der Berliner Ärzte oder lassen sich hier untersuchen. Ein offenes Geheimnis ist, dass viele schwerreiche und bekannte Patienten, etwa aus Russland oder Saudi-Arabien, in Berlin medizinisch versorgt werden - natürlich streng anonym. Schlagzeilen machten dagegen bekannte politische Patienten aus Deutschland: Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde in der Charité an der Hüfte operiert, der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wandte sich vor Jahren an die Charité, um seiner Frau eine Niere zu spenden.

Behandlung von Pussy-Riot-Mann (picture-alliance/ B. Pedersen)

Charité-Chefarzt Kai-Uwe Eckardt hat schon viele bekannte Menschen behandelt

Hilfe für osteuropäische Oppositionelle

Einen Namen hat sich die Charité heute auch gemacht als ein Ort, an dem schwierige Behandlungen von Hoch-Infektionspatienten durchgeführt werden, etwa solchen, die an Ebola erkrankt sind. 30 Betten für Erkrankte von gefährlichen Infektionen gibt es in ganz Deutschland, 20 davon allein an der Berliner Charité.

Große internationale Beachtung findet das Krankenhaus, wenn es prominenten Politikern aus dem Ausland, die in ihrer Heimat oft bedroht werden, Unterstützung anbietet. Etwa, als die ukrainische Oppositionspolitikerin und Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko im März 2014 in Berlin behandelt wurde. Nach drei Bandscheibenvorfällen, die sie während ihrer zweieinhalbjährigen Haft in mehreren Gefängnissen in der Ukraine erlitten hatte, konnte sie zwischenzeitlich nur im Rollstuhl sitzen. Berliner Ärzte hatten sie auch in der Ukraine betreut. Von ukrainischen Medizinern behandelt zu werden, hatte sie aus Furcht vor einem Anschlag abgelehnt. 

Pussy-Riot-Mitglied zur Behandlung in Berlin (picture-alliance/dpa)

Der russische Regierungskritiker Pjotr Wersilow während seines Aufenthalts an der Charité mit seinen Eltern

Pjotr Wersilow rät Nawalny zur Behandlung in Berlin

Und 2018 hatte Charité-Chefarzt Kai-Uwe Eckardt einen Aktivisten der regierungskritischen russischen Punkrock-Band Pussy Riot behandelt. Pjotr Wersilow war nach Vergiftungserscheinungen aus Moskau nach Berlin geflogen worden, konnte so von Eckardt und seinem Team betreut werden und wurde wieder gesund. Damals hieß es, ein Gift habe Störungen bei der Nervenübertragung verursacht. Jetzt sagte Wersilow der russischen Redaktion der DW, der Fall Nawalny erinnere ihn an seinen eigenen. Deshalb sei es wichtig, dass Nawalny in Berlin behandelt werde. Der Kreml-Kritiker Alexej  Nawalny war am Donnerstag nach einer mutmaßlichen Vergiftung in ein sibirisches Krankenhaus eingeliefert worden. 

Wersilow selbst sei etwa damals in seiner Heimat an keine Untersuchungsergebnisse gelangt: "Außerdem waren meine Verwandten sich nicht sicher, ob ich in einem russischen Krankenhaus angemessen behandelt werden kann." In Berlin aber sehr wohl.

Nawalnys Flug nach Deutschland am Samstag gestartet 

Ein Spezialflugzeug, das Nawalny von Omsk nach Berlin zur Charité bringen sollte, war am frühen Freitagmorgen aus Deutschland nach Sibirien geflogen. Bereits am Donnerstag hatte Kanzlerin Merkel angeboten, den Oppositionspolitiker in Deutschland zu behandeln. In der Nacht zu Samstag startete schließlich das Flugzeug mit Nawalny an Bord, er wird am Vormittag in Berlin erwartet. 

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