1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Berlin und der alltägliche Antisemitismus: Worte und Zeichen

7. Mai 2026

Berlin und der Judenhass. Übergriffe und Bedrohungen nehmen zu. Eindrücke aus der deutschen Hauptstadt.

https://p.dw.com/p/5DNzK
Deutschland Berlin | Vor einer Hauswand mit viel Graffiti ist ein Laternenmast mehrfach mit einem weißen Plastikbank umwickelt auf dem in blauen Buchstaben steht: "Gegen jeden Antisemitismus"
Zeichen der Solidarität gegen Antisemitismus in BerlinBild: Christoph Strack/DW

Berlin ist eine Stadt voller Graffiti: bunt und schrill, verletzend, phantasievoll, lästig, nicht selten politisch. Längst haben, so wirkt es, die Sprayereien über die Stadt gesiegt. Doch sorgten drei großflächig auf eine Hauswand im Prenzlauer Berg gesprühten Worte, die in englischer Sprache zur Tötung aller Juden aufriefen, für Entrüstung und Betroffenheit. Da stand, in schwarzen Buchstaben, der Aufruf zum Mord. 

Bis die Buchstaben zugeklebt, dann überpinselt waren, dauerte es nicht lang. Aber man ahnt die Schrift nach wie vor (siehe das Titelfoto). Und so wie Berlin ist, wehrt sich die vielbeschworene Zivilgesellschaft. Es gab eine Mahnwache. An Laternenmasten und Verkehrsschildern kleben nun blau-weiße Bänder: "Gegen jeden Antisemitismus", steht da neben einem Davidstern.

"Kein Platz für Hass"

Kinderhände haben mit Kreide über knapp hundert Meter den Bürgersteig der Ueckermünder Straße mit Herzen bemalt und dazu Parolen geschrieben: "Kein Platz für Hass" heißt es da, "Respekt", "Miteinander" oder "Unser Kiez steht zusammen". Im Kiez, womit Berliner ihr Wohnquartier bezeichnen, hängen nun Fahndungsplakate der Polizei Berlin an den Haustüren: "Antisemitische volksverhetzende Sachbeschädigungen durch Graffitis".

Am Tag nach der Mahnwache, ein paar Kilometer entfernt im Westen Berlins: Das Präsidium der "Christlich Demokratischen Union" (CDU) trifft sich mit Parteichef Bundeskanzler Friedrich Merz an der Spitze auf dem Campus der jüdisch-charismatischen Chabad-Bewegung. Sie sind zu Gast bei Rabbiner Yehuda Teichtal, dem prominentesten Rabbiner der Hauptstadt. Teichtals steter Appell ist es, doch bitte auf das Gute zu schauen, auf Zeichen der Hoffnung, nicht auf die Dunkelheit.

Und Teichtal hat einen Campus errichtet, einen herausragenden Bau mit Schulräumen und Mehrzwecksaal, Kindergarten und Cafe. All das hinter einem befestigten Eingangsbereich, der auch an der Sicherheitsschleuse eines Flughafens stehen könnte. Unter freiem Himmel begrüßen Schulkinder die Politiker mit einem Lied. "Wir schützen Euch", sagt Merz ihnen. Zum konkreten Schutz der Kinder wurden die Medienleute bereits im Vorfeld aufgefordert, die Schülerinnen und Schüler nicht zu fotografieren.

"Jüdisches Leben in Deutschland ist so bedroht wie schon lange nicht mehr", sagt Merz vor Kameras. Viel wird in diesen Tagen geschrieben über Merz und seinen Führungsstil, auch über mangelnde Empathie. Aber im vergangenen Sommer gab es, in München und Berlin, zwei Rede-Auftritte des Kanzlers im Gedenken an den Massenmord Nazi-Deutschlands an den Juden und zur neuen Angst von Jüdinnen und Juden, bei denen der 70-Jährige mit den Tränen kämpfend fast die Fassung verlor. Das Thema treibt ihn um.

Münchner Synagoge wiedereröffnet: Merz sichtlich ergriffen

Solch eine - in dieser Form beispiellose – Sitzung der Parteispitze der Kanzlerpartei in einer jüdischen Einrichtung braucht lange, sorgfältige Vorbereitungen. Sie ist keine Reaktion auf die Empörung über die Graffiti. Aber Merz nennt in seinem Statement neben der "stark steigenden Zahl von Straftaten und Übergriffen" ausdrücklich auch "Schmierereien an Hauswänden mit antisemitischem Inhalt". Wer jüdisches Leben in Deutschland angreife, "greift unsere Gesellschaft an und greift unsere Demokratie an".

Bald sitzt Merz mit den anderen Präsidiumsmitgliedern zum Empfang in der Synagoge des Chabad-Campus. Der Rabbiner spricht ein kurzes Gebet um Frieden und Toleranz. Jeder der Gäste bekommt als Geschenk ein jüdisches Psalmenbuch mit seinem eingeprägten Namen. 

"Jeden Antisemitismus bekämpfen"

"Jüdisches Leben gehört zu Deutschland", heißt es in einem fünfseitigen Beschlusspapier, das das Spitzengremium der Partei später bei seiner Sitzung im Bildungszentrum verabschiedet. "Als CDU Deutschlands werden wir jede Erscheinungsform des Antisemitismus, egal ob von Rechtsextremisten, Linksextremisten oder Islamisten, klar benennen und bekämpfen."

Juden in Deutschland- zwischen Vorsicht und Zugehörigkeit

Das Papier trägt den typischen Duktus solcher Erklärungen. "Wo Hass gegen jüdisches Leben wächst, ist die Demokratie in Gefahr." Was heißt das allerdings konkret für Menschen, deren Hauswand plötzlich zur Hass-Parole wird, deren Namen auf dem Klingelschild besprüht und markiert werden, die - wie in diesen Tagen in Berlin auch dokumentiert - auf der Straße wegen der Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, angemacht werden?

Proteste gegen Israels Krieg in Gaza mit seinen zehntausenden Toten, der auf den Überfall der terroristischen Hamas folgte, Proteste nun gegen die Angriffe im Libanon und den amerikanisch-israelischen Iran-Krieg sind in der Hauptstadt an der Tagesordnung. Auch daraus erwachsen Bedrohungen gegen jüdisches Leben in Deutschland.

Am Dienstag kam Gideon Sa'ar, der israelische Außenminister, für knapp zwei Tage in die Stadt. Er ist Teil der in der Kritik stehenden Regierung Israels unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, gegen den es einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Völkermords gibt. Sa'ar führt viele Gespräche mit Politikern. Er nimmt auch – ohne dass es vorher öffentlich groß angekündigt wurde – an einer Veranstaltung des CDU-Wirtschaftsrates teil.

"Angegriffen, weil sie Juden sind"

Im Auswärtigen Amt gibt Sa'ar mit seinem deutschen Amtskollegen Johann Wadephul (CDU) nach seinem ersten Tag an der Spree vor der Medien ein paar Erklärungen ab. Juden, sagt er da irgendwann,  seien "das einzige Volk, das überall physisch angegriffen wird – weil sie Juden sind –, selbst wenn sie so weit entfernt vom Konflikt im Nahen Osten leben".

Anderntags besucht Sa'ar am Berliner S-Bahnhof Grunewald die Gedenkstätte "Gleis 17". Ein eindrücklicher Ort, man steht an der Rampe dieses einstigen Gleises 17, an jener Bahnsteig-Kante, von der die Nazis 1941/42 rund 10.000 Jüdinnen und Juden in den Tod schickten. Teil der Gedenk-Skulptur ist die Auflistung jedes einzelnen Deportationszuges mit der Zahl der Menschen an Bord und dem Zielbahnhof im Osten Europas.

Es ist ein ruhiger Ort trotz naher Bahntrasse und Autobahn. Längst sind Bäume zwischen den Gleisen gewachsen. Sa'ar kommt, ohne Begleitung durch deutsche Politik, in einem Konvoi von 15 Limousinen, bewacht von vielen Polizisten. Einige Erläuterungen, die Zeit drängt. Der Minister entzündet zwei Kerzen. Dann steht er dort vor der Gedenktafel mit dem israelischen Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, und Rabbiner Teichtal. Keine Reden. Keine Worte.

Teichtal stimmt einen jüdischen Trauergesang an. Als er verstummt, bleibt Sa'ar stehen, einen Moment, einen immer länger werdenden Moment. Vielleicht, so wirkt es, sein ruhiger Moment dieser Reise. Er fragt leise in Hebräisch die beiden noch einmal nach der Opfer-Zahl, der Zahl der Juden im damaligen Berlin, weiteren Details. Nach knapp zwölf Minuten rollt der Konvoi wieder davon. Es bleibt die Stille, es bleibt das unfassbare Geschehen.

Berlin und seine jüdische Gemeinschaft. An diesem Donnerstag setzte die Stadt ein großes Zeichen. Nun trägt in Berlin-Mitte der Platz vor dem Berliner Landesparlament den Namen Margot-Friedländer-Platz. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner enthüllte das Straßenschild. Die Umbenennung, so Wegner im Vorfeld, sei ein "kraftvolles Zeichen gegen Antisemitismus, gegen das Vergessen – und für Demokratie und Menschenwürde".

Die Zeitzeugin der Stadt und ihre Mahnung

An Samstag, dem 9. Mai, jährt sich der Todestag von Margot Friedländer (1921-2025) zum ersten Mal. Die Ehrenbürgerin der Stadt hatte als junge Frau den Holocaust, auch eines der Konzentrationslager, überlebt und reiste 1946 nach New York aus. Erst 2010 kehrte sie dauerhaft zurück an die Spree.

2025 erschien in Deutschland diese Briefmarke zum Gedenken an Margot Friedländer. Sie zeigt ein spätes Porträtfoto neben ihrem Zitat "Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen, seid vernünftig."
Im Herbst 2025 wurde Margot Friedländer mit einer Briefmarke zu ihrem Gedenken geehrtBild: Bundesministerium der Finanzen

Vielleicht spürt man bei jeder neuen Irritation, bei allem Entsetzen über den Judenhass in der Stadt welche Bedeutung sie hatte während ihrer letzten Jahre. Als "Zeitzeugin" des Grauens, als Mahnerin gegen den Hass. Sie klagte nicht an, sie rief zur Menschlichkeit auf. Wieder und wieder.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen