Beethoven-Competition: Gibt es ein objektives Urteil über Musik? | Musik | DW | 08.12.2017
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Musik

Beethoven-Competition: Gibt es ein objektives Urteil über Musik?

Eine Jury gibt es erst seit dem 18. Jahrhundert. Persönlicher Geschmack gehört zu den Kriterien, wenn über Musik geurteilt wird. Dem antiken Philosophen Platon gefiel das gar nicht.

Bewertungen von Musik prägen unser gesamtes modernes Musikleben: vom Gespräch mit Freunden über das neue Album unserer Lieblingsband bis hin zu Meinungsäußerungen des Publikums zum Ende eines Konzertes in Form von Applaus oder Buh-Rufen. Musik wird aber auch mittels Charts oder der Verleihung von Goldenen Schallplatten gewertet. Um die Qualität geht es bei einer Rezension, einer Aufnahmeprüfung oder auch bei der diesjährigen International Telekom Beethoven Competition Bonn (ITBCB). Denn dort versucht eine Experten-Jury mit ihrem Wissen, einen Sieger zu küren.

Von der Antike bis "Deutschland sucht den Superstar"

Wenn man den Äußerungen Hesiods (um 700 v. Chr.) glaubt, so war er selbst der erste Sieger eines musikalischen Wettkampfes. Mit seinem Hymnos gewann er bei Spielen, die zur Bestattung des Königs Amphidamas von Chalkis (heute Chalkida) abgehalten wurden. Seit dem 7. Jh. v. Chr. fanden bei den Pythischen Spielen in Delphi und dem Fest des Apollon Karneios in Sparta Wettkämpfe für Kitharoden statt (Sänger, die sich auf der Kithara/Leier selbst begleiteten). Der erste Superstar der Antike hieß Terpandros; er gewann fünf Wettbewerbe in Folge. Ab dem 6. Jahrhundert kamen weitere musikalische Wettbewerbe hinzu: die Pythischen, Isthmischen und Nemeischen Spiele.

Griechische Vasenmalerei Musiker (picture-alliance/akg-images/A. Held)

Altgriechenland sucht den Superstar

Der griechische Philosoph Platon kritisierte die Entscheidungsfindung bei Wettkämpfen durch den Mehrheitsgeschmack. Er glaubte, der Kunstgenuss könne die Masse zu leicht täuschen. Nach Platon bräuchte es zur Bewertung die Gebildeten und Tugendhaften, vor allem weil er der Musik eine pädagogische und charakterbildende Kraft zusprach.

Für den Musikwissenschaftler Diedrich Helms bestand die Funktion antiker Wettkämpfe darin, das Überleben der griechischen Kultur, die durch die geographische Ausdehnung immer zersplitterter wurde, zu sichern: "Auf dem Treffen der Agonisten (musikalischer Wettstreiter) wurden immer wieder neu Grenzen gezogen zwischen dem, was als Griechisch, und dem was als Nicht-Griechisch gelten konnte."

Von Sängerwettstreiten im Mittelalter erzählen etwa die Opern "Tannhäuser" und "Die Meistersinger von Nürnberg" des Komponisten Richard Wagner. Mit dem Aufkommen der bürgerlichen Kultur zum Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das moderne Musikleben, wie wir es kennen: mit Musikrezensionen in Zeitungen und Auszeichnungen, die Akademien oder Vereine ausschrieben. Und bei Konzerten etablierte sich ein neuer Brauch: der Applaus.

Wartburg - Der Sängerkrieg (picture-alliance/dpa/D. Kalker)

Bei Tannhäuser geht es um das Aussprechen - oder Aus-Singen - von gesellschaftlichen Tabus

In der Musikgeschichte kursieren viele Anekdoten zu Scharmützeln unter Komponisten oder virtuosen Instrumentalisten. Einmal sollte Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand antreten. Der Geschichte nach entzog sich Marchand aber dem Wettkampf durch Flucht aus der Stadt, nachdem er Bach üben gehört hatte. Gegen Ludwig van Beethoven trat einmal der heute vergessene, aber damals sehr bekannte Virtuose Daniel Gottlieb Steibelt an.

Während solche musikalischen Auseinandersetzungen meist durch Beifall und Zustimmung unter den Zuhörern entschieden wurden, kam bei immer regelmäßigeren öffentlichen Wettbewerben ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Jury zum Einsatz. Die Motivation für Wettbewerbe war damals der von heute ähnlich. Ob ITBCB oder "Deutschland sucht den Superstar" geht es um  Ausbildung und Nachwuchsförderung. Und um eine gut begründete und richtige Entscheidung zu fällen, waren und sind Experten gefragt.

Ein objektives Urteil über Musik?

Das Jury-Handbuch des ITBCB bietet Hinweise, nach welchen Kriterien die JurorInnen sich richten sollen. Dazu gehören neben technischem Können "Stilverständnis" und "Selbständigkeit der Interpretation". "Stilverständnis" impliziert jedoch "Werktreue": eine Interpretation, möglichst so wie es sich Beethoven vorgestellt haben könnte. Dagegen muss man mit "Selbständigkeit" etwas Eigenes aufweisen: Die Interpretation muss sich also abheben und persönlich geprägt sein. Zwischen diesen scheinbar widersprüchlichen Kritieren muss eine Balance gefunden werden – und dafür ist der Geschmack gefragt, mit dem man das richtige "Dazwischen" erkennt.

Komponist Daniel Steibelt (Imago)

Er nahm es sogar mit dem großen Beethoven auf: der Komponist Daniel Gottlieb Steibelt

Pavel Gililov, künstlerischer Leiter der ITBCB, erklärte der DW 2015, dass er neben Spielweise und Spieltechnik besonders auf Temperament und Persönlichkeit Wert legt. Und auf Inhaltsvermittlung und Kommunikation, denn: "Musik ist eine Sprache. Man merkt gleich, ob man die Sprache spricht oder nicht."

Welche Gültigkeit haben aber ästhetische Urteile? Auch die philosophische Disziplin der Ästhetik bietet verschiedene, teils widersprüchliche Antworten.

Frank Hentschel Musikwissenschaftler (privat)

Der Kölner Musikwissenschaftler Frank Hentschel

Für den deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) sind Geschmacksurteile zwar nicht wirklich zu beweisen, besitzen aber eine Allgemeingültigkeit. Die ästhetische Erfahrung eines Musikstücks löse, so Kant, bei dem Betrachter eine Reaktion aus. Wenn er nun von all seinen Interessen absieht – Kant nennt das das "interessenlose Wohlgefallen" –, kann die subjektive Reaktion allgemein gültig werden. Das rationale Denken, was alle Menschen besitzen und die Grundlage eines Urteils bildet, gewährleistet die Gültigkeit. Indem der Mensch also von seinen privaten Interessen absieht, kann er anderen sein Urteil zumuten.

Der englische Philosoph David Hume (1711-1776) betont dagegen die Subjektivität ästhetischer Urteile. Auch wenn man versucht, einen gemeinsamen Standard herauszufinden, bleibt dieser nach Hume unerreichbar. Denn was den Geschmack ausmacht, sei abhängig von Person, Zeit und Kultur: "Jede Empfindung besitzt ihre Richtigkeit. Weil die Empfindung sich auf nichts außer sich selbst bezieht, ist sie immer real sofern der Mensch sich derer bewusst ist."

Für den Kölner Musikwissenschaftler Frank Hentschel hat ein ästhetisches Expertenurteil keinen Anspruch auf Objektivität. "Es handelt sich um ein Urteil gesellschaftlich anerkannter, also privilegierter Autoritäten", so Hentschel.

Klavier bei der International Telekom Beethoven Competition Bonn (Dan Hannen/International Telekom Beethoven Competition Bonn)

Wurde das Klavier gerade frisch eingestimmt? Auch das kann den musikalischen Urteil beeinflussen, zumindest unterschwellig

Eindeutige Antworten zum Musikurteil gibt es also nicht – wie auch in vielen anderen Lebensbereichen. Dennoch können geschichtliche und philosophische Aspekte sehr bereichernd sein, wenn man über Musikwettbewerben nachdenkt. Und auch wer die Juryentscheidung nicht teilt, der hat doch wenigstens eins: den Musikgenuss.

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