″Beautiful America″: Jerry Berndts Blick auf den Zustand der USA | Kunst | DW | 25.09.2020
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USA

"Beautiful America": Jerry Berndts Blick auf den Zustand der USA

Rassismus, Proteste, soziale Ungleichheiten - Jerry Berndts Bilder dokumentieren Amerika von den 1960ern bis zu den 1980ern. Die Themen bleiben aktuell.

Wüsste man nicht, dass die Schwarz-Weiß-Fotos vor rund 50 Jahren gemacht wurden, könnte man meinen, dass sie der heutigen Zeit entstammen. Auf Jerry Berndts Bildern protestieren Menschen gegen Rassismus, demonstrieren auf Anti-Atomkraft-Demos oder schwenken US- Flaggen. Hoch politische Motive - und hochaktuell. Mit Blick auf die US-Wahl im November könnte die Ausstellung "Beautiful America", die ab Freitag (25.09.) in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen sein wird, wohl kaum zu einem besseren Zeitpunkt kommen.

Die Fotografien entstanden zwar schon in den 1960er bis 1980er Jahren, doch genau die Themen, die heutzutage die Wahlkampfdebatten dominieren - Black Lives Matter, China, Polizeigewalt - zeichnen sich bereits in Berndts Fotografien ab. Ein Beispiel: Rassismus.

Schwarzer Junge hält Protestplakat hoch (Courtesy The Jerry Berndt Estate 2020)

Obwohl mit dem Civil Rights Act von 1964 die Rassentrennung in allen zivilen Bereichen der USA abgeschafft wurde, war der Rassismus in der Gesellschaft noch lange nicht überwunden.

 Ein besonders eindringliches Bild zeigt einen schwarzen Jungen, der gegen die schlechte Behandlung von Schwarzen und Lateinamerikanern im Hochsicherheitsgefängnis in Attica im Staat New York protestiert. Auf einem anderen Bild der Serie sieht man einen schwarzen Mann mit einem Plakat, auf dem steht: "Keep racist police out of the community", zu Deutsch: "Haltet rassistische Polizisten von der Gemeinschaft fern". Laut der Kuratorin der Ausstellung, Sabine Schnakenberg, hatte Jerry Berndt einen besonderen Blick für die sozialen Bewegungen seiner Zeit. "Er war sehr anfällig für die sozialen Strömungen und die Ungerechtigkeiten. Er konnte sie deswegen auch so gut abbilden", sagt sie gegenüber der DW. 

Häufiges Motiv: Studentenproteste

Neben Rassismus und sozialer Ungleichheit geht es in der Serie "Beautiful America" auch um die zahlreichen Protestbewegungen, die 1968 begannen und sich vor allem gegen den Vietnamkrieg und Atomkraft richteten. In seiner Jugendzeit war Berndt selbst Teil dieser Protestbewegungen und ist auf diesem Wege zum Fotografieren gekommen, sagt Sabine Schnakenberg. "Er hat angefangen zu fotografieren, weil er das, wofür er gestanden und gelebt hat, nämlich diese Proteste und das Involviertsein in diese politischen Anti-Prozesse, einfach hat dokumentieren müssen." Gerade weil die US-amerikanische Presse oft nur einseitig berichtet hätte, habe Berndt die Sichtweise derjenigen wiederspiegeln wollen, die an den Protesten teilnahmen.

Industriestädte dienten als Kulisse

In einem amerikanischen Diner hängt ein Plakat mit der US-Flagge und der Aufschrift: America - Love it... or leave it! (Courtesy The Jerry Berndt Estate 2020)

In Jeremy Berndts Fotoserie finden sich auch viele Stillleben wie dieses aus dem Jahr 1969.

Jedoch haben die Werke des Fotografen nicht nur einen politischen Charakter. Laut Schnakenberg wechsele sich "Konkretes mit lyrisch-poetischen Aspekten ab". So finden sich in der Serie auch Stillleben, die den Alltag in der Großstadt zeigen. Als Kulisse dienten die Städte Detroit und Boston im Nordwesten der USA, zwischen denen Jerry Berndt hin und her tourte. Gerade in Detroit entstanden viele der Fotos aus "Beautiful America". Von einem "schönen Amerika" sieht man darin aber nicht viel. Stattdessen: Bilder vom Verfall einer ehemaligen Industriestadt. Nach der wirtschaftlichen Blüte Detroits Anfang des 20. Jahrhunderts kam es nach und nach zu immer mehr Problemen: die Massenproduktion von Autos, die einst noch ein wirtschaftlicher Erfolgsgarant Detroits war, wurde aus der Stadt ausgelagert. Es kam zu Massenarbeitslosigkeit und infolgedessen zu Unruhen. Die Stadt hatte immer mehr mit Bevölkerungsschwund (die weiße Mittel- und Oberschicht wanderte in die Vororte ab) und hohen Kriminalitätsraten zu kämpfen. Der American Dream verwandelte sich in einen Alptraum - bis heute gilt Detroit als eine der gefährlichsten Städte Amerikas.

Jerry Berndt (Eugene Richards. Courtesy Jerry Berndt Estate)

Engagierte sich sein Leben lang politisch: Fotograf Jerry Berndt.

Vom FBI beobachtet

Nicht weit von Detroit, in Milwaukee, wuchs Jerry Berndt in sozial schwachen und ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Großmutter war vor dem Ersten Weltkrieg aus dem ostpreußischen Posen in die USA emigriert. Sein Vater betrieb eine Kneipe, in der der junge Jerry Berndt einen Großteil seiner Kindheit verbrachte. Das Fotografieren und Herstellen von Abzügen brachte er sich selber bei. Später, nach seinen Serien "Beautiful America" und "Missing Persons: The Homeless", zog es Jerry Berndt für seine Fotografien in die weite Welt: Der politisch engagierte Fotograf reiste nach San Salvador (1984) und Haiti (1986-1991), um dort die sozialen und kulturellen Lebensbedingungen der Menschen zu fotografieren. Außerdem dokumentierte er die Kriege in Armenien (1993-94) und in Ruanda (2003-2004). Sein politisches Engagement hatte jedoch auch negative Konsequenzen: Nach einer Reise nach Kuba, wo er mit Fidel Castro Zuckerrohr schnitt, wurde Jerry Berndt vom FBI beobachtet. Für Sabine Schnakenberg, die Kuratorin der Ausstellung, ein besonderes Kuriosum - denn man wisse gerade dank der FBI-Akten heute mehr über Jerry Berndt, der selber kaum an seinem Nachruf gearbeitet habe. Er starb 2013 in Paris.

 

Die Ausstellung "Beautiful America" läuft vom 25. September 2020 bis zum 03. Januar 2021 in den Deichtorhallen Hamburg. 

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