Ausstellung zeigt die vielen Gesichter Ost-Berlins | Lebensart | DW | 10.05.2019
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DDR-Geschichte

Ausstellung zeigt die vielen Gesichter Ost-Berlins

Ost-Berlin war Hauptstadt und Machtzentrum der DDR, aber auch ein Ort der Subversion. Das Alltagsleben in den 1970er und 1980er Jahren fängt die Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt" im Ephraim-Palais ein.

Die Berliner Ausstellung zeigt ein Foto, auf dem eine alte Dame zu sehen ist. Sie hält ein vergilbtes S-Bahnticket in der Hand. Daneben hängt eine Tafel mit ihrer Geschichte, die von einem Besuch in West-Berlin erzählt - am 12. August 1961. Spät am Abend sei sie mit diesem Ticket nach Hause gefahren, in den Osten, nicht ahnend, dass es für Jahrzehnte ihr letzter Besuch bei den Verwandten im Westen gewesen sein sollte. Am nächsten Tag begann die DDR mit dem Mauerbau.

Berührende Schicksale sind nur eine Nuance der Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt", die am 11. Mai 2019 im Berliner Ephraim-Palais eröffnet hat. In ihrem Mittelpunkt steht knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall, wie die Menschen in der Hauptstadt der DDR gelebt, also: gewohnt, gearbeitet, konsumiert und gefeiert haben.

Mauerbau als Randnotiz

"Die Stadt hatte viele Gesichter", sagt Jürgen Danyel, Kurator der Ausstellung und stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, deshalb gebe es auch viele Perspektiven zu entdecken. "Ost-Berlin war politisch der Stellvertreter der DDR, aber auch das Eldorado der Subkultur. Zwischen diesen Polen gibt es eine Gesellschaft zu finden."

Der Mauerbau ist eine Randnotiz der Schau, weil es aus Sicht der Beteiligten bereits genug Anlaufstellen für diesen Themenkomplex gebe. Die Poster, Fotos, Skizzen und Malereien zeugen von vibrierenden kulturellen Milieus und ihren Versuchen, die festgelegten Grenzen zu dehnen und in einem auf Gleichheit getrimmten System Freiräume für Individualität zu schaffen.

Ausstellung | OST-BERLIN Die halbe Hauptstadt - DEWAG Berlin Sport- und Erholungszentrum Berlin um 1983 (Bundesarchiv)

Das Sport- und Erholungszentrum in Ost-Berlin

Die Ausstellung würdigt, dass die Menschen trotz Stasi und Ausreiseverbot ein normales Alltagsleben führten, und blickt dabei in die 1970er und 1980er Jahre mit ihrer Umgestaltung des Ost-Berliner Zentrums als baulicher Entwurf einer modernen sozialistischen Hauptstadt. Parallel entwickelten sich immer mehr Subkulturen, die sich der staatlichen Kontrolle zu entziehen versuchten. Irgendwann war die staatliche Kontrolle überfordert. Auftritte von Systemfeinden wie Depeche Mode 1988 oder Bruce Springsteen, zu dem im selben Jahr 160.000 Zuschauer strömten, waren nur die prominentesten Vorboten der politischen Umwälzungen.

Unterschiedliche Systeme, ähnliche Bedürfnisse

In einer Stadt, die auch 30 Jahre nach dem Ende ihrer Teilung noch nicht recht zusammengewachsen ist und nach so etwas wie Identität sucht, begleitet und erschwert durch einen rasanten Wandel samt eines enormen Bevölkerungswachstums, kann eine Ausstellung wie diese zum historischen Verständnis beitragen. Sie belegt auch, dass die Unterschiede der politischen Systeme groß waren, die Bedürfnisse und die Lebenswirklichkeit der Menschen im Alltag auf Ost- und Westseite der Mauer sich aber gar nicht so sehr voneinander unterschieden.

Auf den Stufen hoch in die drei Stockwerke des Museums stehen Begriffe, die Mitarbeiter der Ausstellung mit Ost-Berlin verbinden: "Kontrolle", "Schwarztaxi", "Schlange stehen". Manche Begriffe können nicht auf Ost-Berlin beschränkt werden und hatten auch jenseits der Mauer Geltung: "Getrennte Familien", "Freie Parkplätze", "Bulette", "Schrippe", "Baulücken".

Osten ambivalenter als der Westen

Die Ursprungsidee zur Schau basiere auf einer anderen Ausstellung im Ephraim-Palais, erzählt Paul Spies, Vorstand und Direktor des Stadtmuseums Berlin: Als er 2016 neuer Direktor der Stiftung Stadtmuseum wurde, habe er mit Blick auf die soeben beendete Ausstellung "West:Berlin" nach einer Fortsetzung über den Ostteil gefragt. "Die Komplexität in der Auseinandersetzung mit Ost-Berlin ist größer", sagt Spies. Den Westteil könne man nostalgisch zeigen und erzählen, der Osten sei dagegen ambivalenter. "Da geht es schnell um Ostalgie und die Sehnsucht nach etwas, das nicht positiv war." Die einst geteilte Stadt müsse historisch aber im Gleichgewicht betrachtet werden.

Umrahmt wird die sechsmonatige Ausstellung von einer umfangreichen Veranstaltungsreihe mit Lesungen, Stadtspaziergängen, einer Revue in der Volksbühne, Filmabenden im Kino Babylon, Diskussionsrunden, einem Online-Reiseführer und -Blog. "Die Besucher sollen Lust bekommen, sich die Stadt anzusehen", sagt Kurator Jürgen Danyel, der auch das begleitende Buch "Ost-Berlin - 30 Erkundungen" herausgegeben hat.

Die Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt" läuft bis zum 9. November 2019, dem 30. Jahrestag der Maueröffnung.

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