Aufruhr im Feuilleton: Kritik an Takis Würgers Roman ″Stella″ | Bücher | DW | 14.01.2019
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Presseschau

Aufruhr im Feuilleton: Kritik an Takis Würgers Roman "Stella"

Ein Buch über eine jüdische Gestapo-Kollaborateurin sorgt für heftige Diskussionen in deutschen Feuilletons. Viele Rezensenten großer Zeitungen verreißen Takis Würgers Werk, der Verlag kann das nicht nachvollziehen.

"Wir haben eine neue Literaturdebatte", resümierte Hannah Lühmann, die Rezensentin der Tageszeitung Die Welt, vor wenigen Tagen. Und das sei "existentiell wichtig". Diskutiert wird über das Buch "Stella" von Takis Würger, das am 11. Januar im renommierten Hanser Verlag erschienen ist.

Worum geht's?

Takis Würger ist Journalist, "Stella" ist sein zweiter Roman und basiert auf einer wahren Geschichte. Es geht um die Jüdin Stella Kübler, geborene Goldschlag, die als sogenannte "Greiferin" während der NS-Zeit untergetauchte Juden an die Gestapo verriet. Würger war von dem Sujet fasziniert und strickte eine fiktive Geschichte um den Stoff. Die Meinungen darüber, ob sie gelungen ist, gehen weit auseinander - was ja an sich erst mal nicht ungewöhnlich ist.

Auffällig ist die Heftigkeit, mit der die deutschen Feuilletons reagierten. So schreibt die Süddeutsche Zeitung am 11. Januar, dass das Buch "ein Ärgernis, eine Beleidigung oder ein richtiges Vergehen" sei und "das Symbol einer Branche, die jeden ethischen oder ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint, wenn sie ein solches Buch auch noch als wertvollen Beitrag zur Erinnerung an die Schoah verkaufen will". Dem Autor wirft der Rezensent vor, den Roman "ohne jedes Problembewusstsein für Literatur, Literarisierung und Geschichte" geschrieben zu haben.

Ähnlich reagierte der Rezensent der Wochenzeitung die ZEIT.  "Gräuel im Kinderbuchstil: Takis Würger schreibt in 'Stella' von einer Jüdin, die in der NS-Zeit zur Mittäterin wird. Es ist ein Roman voller erzählerischer Klischees." Und die FAZ am Sonntag fragt: "Wozu diese Nazigeschichte-für-Dummies?"

Reaktion des Verlags

Stella Kübler sitzt neben einem Mann in Robe (Imago)

Stella Kübler wurde nach dem Krieg vor Gericht gestellt

Via Social Media meldete sich noch am selben Tag Florian Kessler, Kulturjournalist und Lektor beim Hanser Verlag, zu Wort. Er postete ein ausführliches Statement auf Facebook, in dem er unter anderem den Vorwurf der Süddeutschen Zeitung aufgreift, der Roman würde den Holocaust instrumentalisieren. "Man kann da nur antworten: Diese Diskussion, wie und was man erzählen darf, durchzieht doch richtigerweise die Literatur nach 45." 

Auch dem Roman "Der Vorleser" von Bernhard Schlink sei in den Neunzigern eine Mischung von Klischees und Holocaust-Instrumentalisierung vorgeworfen worden, so Kessler. Kurz darauf habe er das Buch in der Schule im Unterricht gelesen: "Wir redeten auch über eben solche Vorwürfe dagegen - und hatten über dieses Buch in seinen Ambivalenzen und Problematiken die besten, für mich sehr wichtige und prägende Diskussionen zur NS-Zeit in meiner gesamten Schulzeit." Der Beitrag wurde unter anderem von Jo Lendle, dem Chef des Hanser Verlags, geliked. 

Nicht beim "Skandalisieren" mitmachen

Eien Frau hält das Buch Der Vorleser von Bernhard Schlink hoch (DW)

Auch "Der Vorleser" löste heftige Debatten aus

Über die Heftigkeit der Verrisse wundert sich auch die bereits oben zitierte Hannah Lühman von der Tageszeitung Die Welt. Sie verteidigt das Buch insgesamt, auch wenn man natürlich viele Fragen stellen könne - "an die Wahl des historischen Stoffes, diese krasse Geschichte einer jüdischen Frau, die hunderte Juden an die Gestapo verraten hat. Daran, welche Fantasien das Lesen vielleicht bei den nicht-jüdischen Deutschen heute befriedigt. Daran, welche Form der Autor gewählt hat." Aber sie weigere sich, so Lühmann in dem Facebook-Post, "dieses Skandalisieren mitzumachen".

Wie der Roman vom Publikum aufgenommen wird, muss sich noch zeigen. Das Interesse an dem Thema ist auf jeden Fall vorhanden: Die Premieren-Lesung in Hamburg an diesem Montag war Wochen vorher ausverkauft. Und auch international wird es beachtet: Bislang wurden neun Auslandslizenzen verkauft. Das Buch wird unter anderem auf Englisch, Französisch, Spanisch und Chinesisch erscheinen.

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