Wie Demokratie zur Diktatur wird: Neue Hitler-Biografie erschienen | Kultur | DW | 21.11.2018
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Geschichte

Wie Demokratie zur Diktatur wird: Neue Hitler-Biografie erschienen

Wie rasch Demokratie aus den Angeln gehoben werden kann, zeigt Volker Ullrich im zweiten Teil seiner Hitler-Biografie - der Diktator als Meister der Verführung.

Rechte Populisten attackieren derzeit die deutsche Erinnerungskultur. Sie wollen den selbstkritischen Umgang mit der NS-Zeit beenden und deklarieren sie zum Zwischenspiel in einer ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte. Ein Beispiel dafür ist die Äußerung des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, der Hitler und die Nazis als "Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte" verharmloste. Solche Äußerungen sind geschichtspolitisch gefährlich. "Wer derart schönfärberische Geschichtsklitterung betreibt", so der Hamburger Historiker und Journalist Volker Ullrich, "muss wissen, dass er an die Fundamente der Republik rührt". Ullrich hat jetzt seine zweibändige Hitler-Biografie komplettiert.

Darin erklärt Ullrich den "Fall Hitler" zu einem warnenden Exempel: Er lehre, wie rasch eine Demokratie aus den Angeln gehoben werden könne und wie dünn die Decke sei, welche die Zivilisation von der Barbarei trennt.

Hinter der Person Adolf Hitlers zwei uniformierte Männer (Museen der Stadt Nürnberg/Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände)

Der Biograf zeigt Hitler, den Verführer

Die Persönlichkeit des "Führers"

Schon mit seinem vor fünf Jahren vorgelegten ersten Band, der die Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schildert, hatte Ullrich wieder die Person des Diktators in den Mittelpunkt der Analyse gerückt - gegen einen langjährigen Trend der NS-Forschung. Diese hatte zuletzt vermehrt die strukturellen Bedingungen für den Aufstieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten untersucht. Ullrich lässt diese Fragen nicht außer Acht, betont aber zugleich die persönlichen Eigenschaften Hitlers, die ihn als "Führer" für viele Deutsche so attraktiv machten: seine schauspielerische Kraft, sein Talent als Massenredner und Organisator sowie seine instinktsichere Schlauheit, sich blitzschnell auf veränderte politische Situationen einzustellen.

Die treibende Kraft beim Holocaust

In seinem zweiten Band nun führt Ullrich seine Einschätzung vor allem von Hitlers Rolle als oberster Kriegsherr sowie beim Holocaust konsequent fort. So wäre der Mord an den europäischen Juden zwar ohne Tausende von Helfern nicht möglich gewesen, doch eben auch nicht ohne die Person Hitlers. Schon bei der Radikalisierung der Judenpolitik bis 1939 hielt der Diktator stets - als letzte Instanz - das Heft des Handelns in der Hand, so Ullrich, und dieses Muster habe sich in der Kriegszeit wiederholt. Der Biograf zeigt, dass dem Völkermord nicht nur Hitlers generelle Absichtserklärung zur systematischen Vernichtung der europäischen Juden vorausging. Vielmehr war in verschiedenen Fällen seine persönliche Zustimmung nötig, etwa um die Juden zum Tragen eines Abzeichens zu zwingen oder sie aus dem Reichsgebiet zu deportieren.

Der Feldherr als gescheitertes "Genie"

In seiner Rolle als oberster Kriegsherr traten dann - aus Sicht Ullrichs - Hitlers persönliche Defizite zutage. Dazu zähle nicht nur sein Hang, die eigenen militärischen Kräfte zu über- und die der Gegner zu unterschätzen. Viel schwerer, so Ullrich, wog Hitlers Neigung, wie ein Spieler alles auf eine Karte zu setzen. Auf die Rückschläge an der Ostfront reagierte er mit Wut- und Hassausbrüchen, glaubte alles besser zu wissen und strafte die Mitglieder des Oberkommandos der Wehrmacht auch persönlich ab: Entgegen früherer Gewohnheit gab er bei den Lagebesprechungen keinem der Anwesenden mehr die Hand, und auch an den gemeinsamen Mittag- und Abendessen nahm er eine Zeit lang nicht teil. Der selbsterklärte Feldherr genierte sich wohl vor den Profis: "Dass er der Offizierstaffel fernblieb", so sein Biograf, "hatte nicht nur mit seinem Groll auf die Militärs zu tun, sondern auch damit, dass er ihnen nicht mehr in der Pose des überlegenen Feldherrngenies gegenübertreten konnte."

Hitler marschiert an der Spitze uniformierter Militärs (General Photographic Agency/Getty Images)

Hitler am Tag der Amtsübernahme als Reichskanzler am 30. Januar 1933

Hitler taugt nicht als Ausrede

Volker Ullrich, der für seine kenntnisreiche und wohltuend lesbare Darstellung auf zahlreiche Archivfunde zurückgreift, öffnet mit seiner Betrachtung der Person Hitlers indes keine Tür zur Entschuldigung - nicht für die Generäle, die nach 1945 ihren Anteil an der moralischen und militärischen Katastrophe mit dem Hinweis auf Hitler kleinreden wollten, und nicht für die Deutschen schlechthin, die im Nachhinein vom Holocaust nichts gewusst haben wollten: "So ist es zwar richtig, dass nur wenige Deutsche alles über die 'Endlösung' wussten, aber auch nur sehr wenige wussten nichts." 

Der Historiker und Journalist Volker Ullrich, Jahrgang 1943, leitete von 1990 bis 2009 das Ressort "Politisches Buch" bei der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit". Für sein publizistisches Wirken wurde er unter anderem mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet.

Volker Ullrich: Adolf Hitler. Die Jahre des Untergangs 1939-1945. Biographie. 894 Seiten. S. Fischer Verlag.

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