AstraZeneca: der unbeliebte Impfstoff | Deutschland | DW | 18.02.2021
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Impfen gegen die Corona-Pandemie

AstraZeneca: der unbeliebte Impfstoff

In Deutschland soll bis September jeder, der das will, ein Impfangebot bekommen. Eine Rechnung, die nur aufgehen kann, wenn auch das Vakzin von AstraZeneca millionenfach verimpft wird. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

Sechs Wachleute stehen verteilt auf der breiten und vollkommen leeren Straße, die zum stillgelegten Flughafen Berlin-Tegel führt. Ihre gelben Warnwesten leuchten in der Sonne. Die Männer bewachen die Einfahrt zum Corona-Impfzentrum, das im ehemaligen Terminal C des Flughafens eingerichtet ist. Viel zu tun haben sie nicht. Drei bis fünf Impfkandidaten würden pro Stunde ankommen, sagt ein Wachmann auf Nachfrage. "Mehr nicht."

Blick auf den stillgelegten Flughafen Berlin-Tegel. Im Vordergrund steht eine verwitterte Anzeigetafel für Flüge, auf der ein Schild montiert ist, das auf das Corona-Impfzentrum Berlin hinweist

Es ist wenig los vor dem Corona-Impfzentrum in Berlin-Tegel

In Tegel wird ausschließlich das Vakzin des britisch-schwedischen Pharma-Unternehmens AstraZeneca verimpft. Wegen fehlender Studien bei älteren Menschen ist der Impfstoff in Deutschland nur für Menschen unter 65 Jahren zugelassen. In dieser Altersgruppe werden derzeit Menschen mit relevanter Vorerkrankung, vor allem aber Berufsgruppen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko geimpft.

AstraZeneca bleibt in den Kühlregalen liegen

Vor allem Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern lehnen AstraZeneca jedoch vielfach ab, weil das Vakzin auch gegen die sich ausbreitenden Corona-Mutationen weniger wirksam sein soll, als die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Bundesweit wurden von 736.800 bislang gelieferten AstraZeneca-Impfdosen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) erst 87.000 Dosen verimpft.

Screenshot für die Terminvergabe im Berliner Corona-Impfzentrum Tegel

Im Impfzentrum Berlin-Tegel sind Termine nicht schwer zu bekommen

Motorengeräusch durchbricht die Stille vor dem Impfzentrum. Ein Linienbus nähert sich. An der Haltestelle steigen drei junge Frauen aus. Es sind medizinische Fachangestellte in einer Berliner Arztpraxis. "Ich bin auch skeptisch gewesen, ob ich mich mit AstraZeneca impfen lassen soll", sagt eine der Frauen, die den Wachleuten ihre Einladung zum Impfen und ihre Terminbestätigung vorzeigen müssen. Ihr Chef habe sie daraufhin umfassend informiert und auch auf das positive Urteil des Berliner Virologen Christian Drosten verwiesen. "Das hat mich überzeugt", sagt die junge Frau, bevor sie in den Shuttlebus steigt, der sie zum Impfzentrum bringen soll.

Mangelhafte Kommunikation

AstraZeneca sei besser als sein Ruf, hat der Virologe Drosten in seinem Podcast "Coronavirus-Update" beim Norddeutschen Rundfunk gesagt. Es gebe viele Missverständnisse und Kommunikationsprobleme.

Ähnlich sehen es auch Politiker wie die Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche von den Grünen. Die Skepsis in der Bevölkerung sei auf "eine wirklich fatale Kommunikation zurückzuführen", so Schulz-Asche gegenüber der Zeitung Die Welt. Es werde zu wenig erklärt und über die Wirksamkeit des Impfstoffes würden "Schauergeschichten" erzählt.

"Zu sagen, der AstraZeneca-Impfstoff wäre zweitklassig, ist sowohl wissenschaftlich als auch von der öffentlichen Wirkung völlig daneben", schimpft Carsten Watzl von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) in einem Interview der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Um die Akzeptanz zu verbessern, schlägt er vor, für den Impfstoff eine Nachimpfung mit einem anderen Wirkstoff zu garantieren. "Man kann die Immunität, die man mit dem AstraZeneca Impfstoff ausgelöst hat, ohne Probleme mit einem mRNA-Impfstoff später noch einmal verstärken."

Berlin schafft die Wahlfreiheit ab

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer betont, der Impfstoff von AstraZeneca verhindere schwere oder tödliche Verläufen "ähnlich hoch wirksam" wie der von Biontech oder Moderna. Für Ärzte und Pflegekräfte, die jünger als 65 Jahre sind, sei es "unangemessen", auf anderen Impfstoffen zu bestehen. Die müssten angesichts der Impfstoff-Knappheit für die Älteren reserviert bleiben.

Berlin ist das einzige Bundesland, in dem man sich den Impfstoff bislang aussuchen konnte. Doch das wurde nun geändert. "Bei AstraZeneca gibt es keine Wahlfreiheit", sagte Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Mittwoch. Zwar würden nach wie vor in den unterschiedlichen Impfzentren unterschiedliche Impfstoffe ausgegeben. Wer jünger als 65 Jahre sei, habe dabei aber keine freie Wahl, so Kalayci.

Wer keine Wahl hat, lässt sich vielleicht gar nicht impfen

Kalaycis Entscheidung folgt einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission beim RKI. Danach sollen Impfstoffe, die nur für Menschen zwischen 18 und 65 Jahren empfohlen werden, auch "vorrangig" nur für diese Personengruppen eingesetzt werden. Die Skepsis gegenüber dem britisch-schwedischen Impfstoff wird diese Empfehlung allein aber kaum ausräumen und könnte dazu führen, dass sich jüngere Menschen eher gar nicht impfen lassen.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci steht mit einer Mitarbeiterin und einem Bundeswehrsoldaten vor der geöffneten Heckklappe eines Transporters und hält eine Kiste mit Impfutensilien in der Hand. Der Wagen gehört zu den mobilen Impfteams in Berlin

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (Mitte) bei der Vorstellung der mobilen Impfteams

Zumal es aus vielen Teilen der Republik Krankmeldungen nach Impfungen mit AstraZeneca gibt. In einer Braunschweiger Klinik traten von 88 geimpften Beschäftigten 37 ihre Arbeit am nächsten Tag wegen Impfreaktionen nicht an. Die Klinik setzte die Impfungen daraufhin aus, um den Weiterbetrieb der Klinik nicht zu gefährden.

Impfreaktionen sind normal

Für die Stiftung Patientenschutz sind die Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe nicht neu. Schon im Januar hätten Mitarbeiter von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen von Impfreaktionen auf die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna berichtet. Das sei aber in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden.

Auch Ärzte erklären, dass Impfreaktionen wie Kopf- und Gliederschmerzen oder auch Fieber nach einer Corona-Impfung nicht ungewöhnlich seien. Bei jüngeren Menschen würden Nebenwirkungen häufiger auftreten, weil das Immunsystem noch aktiver sei und heftiger auf eine Impfung reagiere als bei älteren Menschen.

Ist der Impfplan noch zu halten?

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) zeigt sich inzwischen besorgt, dass die Vorbehalte gegen das AstraZeneca-Vakzin den Impfzeitplan in Deutschland erheblich zurückwerfen könnten. Derzeit geht die Bundesregierung davon aus, dass bis Ende September alle Menschen, die das wollen, ein Impfangebot bekommen können. Das ZI rechnet vor, dass sich dieser Plan um bis zu zwei Monate nach hinten verschieben könnte, wenn der Impfstoff von AstraZeneca nicht besser angenommen wird.

Ein Shuttlebus mit Berliner Kennzeichen steht am Straßenrand an einer Haltestelle

Shuttlebusse bringen Impfkandidaten ins Impfzentrum und zurück

Vor dem Berliner Impfzentrum in Tegel ist der Shuttlebus, der die drei medizinischen Fachangestellten zu ihrem Termin bringt, unterdessen abgefahren. Auf der anderen Straßenseite taucht ein zweiter Bus auf, der zwei geimpfte Personen zurückbringt. Der Fahrer steigt aus, stellt sich in die Sonne und zündet sich eine Zigarette an. Er hat Zeit. Neue Passagiere mit Impftermin sind weit und breit nicht zu sehen.

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