Asiens propagandistische Landkarten | Asien | DW | 03.03.2020
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Asien

Asiens propagandistische Landkarten

Wer ein Blick auf die offiziellen Landkarten mancher asiatischen Regierungen wirft, wird sich wundern. Die Territorien der Länder sind oft größer als erwartet. Nutzer sollten Karten deswegen kritisch hinterfragen.

Wie alle Schulkinder auf der Welt lernen auch die Schüler in Indien ihre Heimat im Unterricht kennen. Mit Buntstiften malen sie Karten Indiens aus und lernen so, wo die Bundesstaaten, die wichtigsten Städte und Flüsse liegen. Dabei malen sie ganz selbstverständlich auch den sogenannten "Kopf" Indiens aus – gemeint ist damit das Kaschmir-Gebiet, auf das Indien und Pakistan und zu einem kleineren Teil auch China Ansprüche erheben. Das Territorium, um das es geht, entspricht im Wesentlichen dem des früheren Fürstenstaates Jammu und Kaschmir aus der Zeit Britisch-Indiens.

Die Gebietskonflikte und die Tatsache, dass große Teile des angeblich "indischen" Kaschmirs von Pakistan und China verwaltet werden, kommen im Schulunterricht nicht vor – umgekehrt gilt das Gleiche für Pakistan. Auch wird offiziell nicht thematisiert, dass manche Einwohner im von Indien verwalteten Teil Kaschmirs die Unabhängigkeit bzw. einen Anschluss an Pakistan anstreben. Manche Inder werden sich dieser Tatsache erst als Erwachsene bewusst, etwa wenn sie englischsprachige Bücher lesen oder Karten aus dem Ausland sehen. In Indien steht die Verbreitung von Landeskarten, die nicht der offiziellen Version entsprechen, unter Strafe.

Karten Jammu und Kashmir EN

Die Ausschnitte stammen aus offiziellen Karten aus Pakistan (links) und Indien (rechts). Sie zeigen die umstrittene Region als je eigenes Territorium

Auch in Pakistan ist das Thema emotional aufgeladen. In der offiziellen Karte wird Jammu und Kaschmir dem pakistanischen Staatsgebiet zugeschlagen,  aber es gibt im Unterschied zur indischen Karte Hinweise auf den auf den ungeklärten Status von Gebieten und Grenzen: "Disputed Territory" und "Frontier Undefined" (zu Deutsch: "umstrittenes Territorium" und "unbestimmter Grenzverlauf") ist dort zu lesen.

Eine Karte, die die tatsächliche Lage (nach der Re-Organisation des indischen Teils von Kaschmir durch die Regierung Modi im vergangenen August) wiedergibt, müsste allerdings so aussehen:

Infografik Karte Grenzen in Kaschmir DE

Nationalismus und Karten

Indien und Pakistan sind nicht die einzigen Fälle. Auch andere asiatische Regierungen geben offizielle Karten heraus, auf denen Territorien ganz selbstverständlich als eigene angegeben werden, obwohl sie das faktisch nicht sind. Tim Trainor, Vorsitzender der Internationale Kartographischen Vereinigung und Gründungsmitglied des United Nations Committee of Experts on Global Geospatial Information Management sagt dazu: "Karten sind sehr mächtig. Denn wenn Leute auf Karten schauen, dann denken sie in der Regel, dass die Informationen korrekt sind." Hier gibt es einen ähnlichen Effekt wie bei Statistiken oder Zahlen, die ein hohes Maß an Objektivität suggerieren, was aber keinesfalls zutreffen muss. Das macht Karten in besonderer Weise geeignet als Propagandainstrumente. Auch die deutsche Kartographin Ute Schneider schreibt in ihrem Buch "Die Macht der Karten": Es gibt keine "objektiven" und "wertefreien" Karten. "Karten sind Instrumente der Macht."

Infografik Karte Südchinesisches Meer DE

Chinas Anspruch im Südchinesische Meer - markiert durch die Neun-Striche-Linie - wird von den anderen Anrainerstaaten zurückgewiesen

Insofern wundert es nicht, dass Karten zum Zankapfel von Staaten werden. So haben mehrere Länder Südostasiens im September 2019 den DreamWorks-Film "Abominable" scharf kritisiert bzw. verboten, weil in einer Szene im Hintergrund Chinas umstrittene Neun-Striche-Linie zu sehen war, mit der die Volksrepublik Anspruch auf  fast das gesamte Südchinesische Meer erhebt. Dagegen erheben nicht nur die anderen Anrainerstaaten Einspruch, sondern ein internationales Gericht hat 2016 auch festgestellt, dass die historisch begründeten Ansprüche Chinas im Südchinesischen Meer null und nichtig sind. Wegen des Copyrights kann die DW den entsprechenden Filmausschnitt hier nicht zeigen, aber der Ausschnitt ist im Internet leicht zu finden (wer nach "abominable" und "south china sea" sucht, wird fündig).

Internationale Organisationen und Globale Firmen

Auch die Vereinten Nationen wissen, wie heikel Landkarten seien können. Die offiziell dafür zuständige Abteilung "UN Geospatial Information Section" veröffentlicht fast alle Karten mit einer Klarstellung: "Die auf dieser Karte dargestellten Grenzen und Namen sowie die verwendeten Bezeichnungen stellen keine offizielle Billigung oder Akzeptanz durch die Vereinten Nationen dar."

Der Internetriese Google bietet seit einigen Jahren sehr erfolgreich den Online-Kartendienst Google Maps an, der nicht nur für Privatanwender, sondern auch als Grundlage für wissenschaftliche und journalistische Arbeit genutzt wird. Auch hier kann Politik ins Spiel kommen: 2014 konnte das Knight-Mozilla OpenNews project nachweisen, dass Google seine Karten dem jeweiligen Standort des Nutzers lokal anpasst. Das heißt konkret: Einem Nutzer in den Indien stellte sich die Welt anders dar als einem Nutzer in China oder Pakistan. Das gilt bis heute. Wie das funktioniert, hat die Washington Post in einem Film auf YouTube vom Februar 2020 gezeigt.

Mit politisch angepassten Grenzen auf Karten muss man bei google also jederzeit rechnen. Das bestätigte im Januar 2020 auch der ehemalige Google-Manager Ross LaJeunesse. Auf der Blogging Plattform "Medium" schrieb er: "In China verlangt die Regierung nicht nur vollständigen Zugang zu den von einem Unternehmen erfassten Nutzerdaten und der Infrastruktur, sondern auch, dass alle Inhalte mit den von der Regierung gesetzten Standards übereinstimmen. Zum Beispiel müssen bei Karten alle Beschriftungen und Informationen vorab von der Regierung genehmigt werden."

Auf Nachfrage der DW wie Google aktuell mit umstrittenen Grenzen umgeht, gab es nur eine verklausulierte schriftliche Antwort: "Google Maps spiegelt global soweit möglich vorhandene Grenzstreitigkeiten wider. Wenn wir über lokale Versionen von Maps verfügen, befolgen wir die hierfür [geltenden] lokalen Vorschriften für Benennungen und Grenzen. Wir erstellen keine normativen Karten, wir bilden die Grundwahrheit ab. Mit anderen Worten, wir zeichnen keine Grenzen und machen diesbezüglich keine Änderungen, sondern arbeiten mit unseren Anbietern zusammen, um die bestmögliche Interpretation der Grenze zu erhalten oder um Grenzen zu definieren." Was die Grundwahrheit sein soll und wer die Anbieter sind, bleibt unklar. Google war leider nicht bereit, Nachfragen zu beantworten.

Kritischer Umgang mit Karten

Die Liste mit Beispielen, auf denen Karten den faktischen Grenzverlauf ungenau, einseitig oder absichtlich falsch wiedergeben, lässt sich leicht erweitern. Streit gibt es zwischen Nord- und Südkorea, die jeweils die gesamte koreanische Halbinsel für sich beanspruchen. Japan, das nach dem Zweiten Weltkrieg einen Teil der Kurilen-Inseln an die Sowjetunion (heute Russland) verloren hat, hält auf seinen Karten unbeirrt daran fest, dass es sich um japanisches Territorium handelt (s. Kartenausschnitt). Jahrelang gab es zwischen Thailand und Kambodscha Uneinigkeit um den Grenzverlauf nahe des Temples Preah Vihear.

Karte Nordjapan Kurilen (Geospatial Information Authority of Japan)

Ausschnitt aus einer offiziellen Karte Japans. Korrekterweise müsste die Karte die nördlichen Inseln der Kurilen als russisch oder zumindest als umstritten ausweisen. Der Hinweis auf "Japans nördlichstes Staatsgebiet" ("The most northern end of Japan") ist irreführend

Um auf interessegeleitete Darstellungen nicht hereinzufallen, fordert Trainor einen kritischen und verantwortungsbewussten Umgang mit Karten. Zuerst einmal sollte jedem klar sein, dass nicht Kartographen Grenzen definieren, sondern Staaten, und zwar über Verträge und Vereinbarungen. "Es gibt keine übergeordnete Autorität für alle Staatsgrenzen weltweit", sagt Trainor. Darüber hinaus sollte sich jeder Nutzer bei jeder Karte die Frage stellen: "Wer hat die Karte für welchen Zweck erstellt?" Eine gute Karte weist die Quellen aus, auf Basis derer die Grenzen gezogen wurden und hat ein Datum, damit der Nutzer die Aktualität überprüfen kann. Als beispielhaft kann die Karte des US Geological Survey gelten (s. Ausschnitt). Unten links ist nicht nur angegeben, wer die Karte erstellt hat, sondern auch, woher die Daten für Straßen, Namen, Grenzen und alles andere stammen.

Standard-Topo-Ebenen (Public Domain)

Ausschnitt aus der topographischen Karte des Bundesstaats Wyoming des USGS mit exakten Quellenangaben für Straßen, Namen, Grenzen und alle anderen relevanten Elemente

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