Antike Graffiti zeigen Alltagsszenen aus Pompeji
17. März 2026
Wer glaubt, dass "Ich war hier"-Graffiti nur in modernen Toiletten zu finden sind, täuscht sich. Neue Technologien machen eingeritzte Botschaften auf antiken Stätten sichtbar wie nie zuvor und offenbaren Details aus dem Leben ganz gewöhnlicher Menschen - von versklavten Personen bis zu Soldaten, die aus Langeweile ihre Namen in Wände ritzten.
Das Zentrum dieser Forschung liegt in Pompeji, der heute berühmten Stadt, die im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vulkans Vesuv unter Asche begraben wurde. Einst eine Katastrophe, später ein Glücksfall für die Archäologie, denn die meterhohen Ablagerungen aus Asche und Schlamm konservierten Gebäude und Straßen außergewöhnlich gut.
Seit Beginn der Ausgrabungen im 18. Jahrhundert haben Forschende zahlreiche Gemälde,Fresken und Mosaike in den Häusern der Oberschicht freigelegt. In den vergangenen Jahren aber wuchs das Interesse am Leben der einfachen Bevölkerung.
"In den letzten 15 bis 20 Jahren gab es einen starken Aufschwung in der Graffiti-Forschung, und das ist enorm spannend", sagt die Historikerin Rebecca Benefiel, die das "Ancient Graffiti Project" gegründet hat. Die Plattform digitalisiert antike Graffiti aus Pompeji und dem nahe gelegenen Herculaneum. Und auch Soziale Medien trügen dazu bei, dass das Interesse an dem Thema steige, so Benefiel.
Antikes Graffiti - lange Zeit nicht beachtet
Das Wort "Graffiti" geht auf das griechische Wort "graphein" zurück, was "schreiben" oder "zeichnen" bedeutet. Graffiti sind spontane Texte oder Zeichnungen von Menschen in ihrem Alltag. Genau wie heutige Stadtkritzeleien liefern sie direkte Einblicke in das Leben vor vielen Jahrhunderten.
Warum das Interesse daran wächst, erklärt Rebecca Benefiel so: "Als Graffiti in den 1830er und 1840er Jahren erstmals entdeckt wurden, herrschte zunächst große Aufregung darüber, was uns diese kleinen handgeschriebenen Kritzeleien wohl verraten könnten." Dann aber habe der einflussreiche römische Archäologe August Mau gesagt, das die Erkenntnisse nicht besonders substantiell seien, sondern eher zu vergleichen mit der Kritzelei von Touristen, die ihren Namen irgendwo hin schreiben, so die Wissenschaftlerin. Diese Einschätzung habe die Erforschung der Graffiti über Jahrzehnte hinweg gebremst.
Stimmen, die nicht in Geschichtsbüchern auftauchen
"Wir haben dadurch viel verpasst", sagt Benefiel. "Es ist faszinierend zu sehen, was Menschen aller sozialen Schichten schreiben - und auch wo." Die Graffiti seien überall in der Stadt zu finden und nicht "das Werk einiger Teenager", wie es manchmal behauptet werde.
Zu ihren Lieblingsfunden gehören Botschaften von Menschen, die sonst nicht in Geschichtsbüchern auftauchten. Eine versklavte Frau namens Methe etwa schrieb ein Gebet an Venus, die Schutzgöttin Pompejis: "Methe liebt Chrestus, möge die Venus von Pompeji ihnen wohlgesinnt sein und und mögen sie beide ein Herz teilen": Über diese Frau wäre nichts weiter bekannt, "aber jetzt haben wir dieses schöne Gebet."
Andere Schriften zitieren lateinische Literatur, beispielsweise den Anfang von Vergils "Aeneis". "Für mich sind diese Zitate ein bisschen wie unsere Musik - etwas, das im Hintergrund mitläuft. Man kann es aufschreiben und jemand anderes kennt die nächste Zeile", sagt Benefiel. Auch Humorvolles findet sich. Eine Inschrift parodiert Vergils berühmten Auftakt. Statt "Ich besinge Waffen und einen Mann" ist da zu lesen "Ich besinge Wäschereien und einen Kauz, nicht Waffen eines Mannes."
Neue Technologien treiben die Forschung voran
Dass diese Inschriften heutzutage sichtbar sind, ist möglich dank neuer neuer Technologien, darunter das "Reflectance Transformation Imaging (RTI)", bei dem mithilfe spezieller Beleuchtung selbst feine Kratzspuren sichtbar gemacht werden können, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind.
So dokumentierte ein Team um Marie-Adeline Le Guennec von der Universität Québec sowie Eloise Letellier-Taillefer und Louis Autin von der Universität Sorbonne hunderte von Ritzungen in einem ehemaligen Korridor in Pompeji, der zu einem Theater geführt haben soll - und entdeckte zusätzlich 80 neue, obwohl die Fläche als vollständig erfasst galt. Dabei kommen einige Motive häufiger vor als andere - von detailgetreu in die Wand geritzten Booten bis hin zu "vielen Darstellungen von Gladiatoren", sagt Marie-Adeline Le Guennec im Gespräch mit der DW. "Offenbar interessierten sich viele eher für Gladiatoren als für die Tragödien oder Komödien im nahen Theater."
Neben gezeichneten Porträts, Tieren und Zahlen fanden die Forschenden auch Namen, die auf eine Herkunft aus dem östlichen Mittelmeerraum hindeuten. "Wir vermuten, dass es sich um Soldaten aus dem Fernen Osten handelte, die eine Weile in Pompeji blieben und ihre Namen an den Wänden hinterließen", so Le Guennec - ein Beweis dafür, dass die "Ich war hier"- Botschaften alles andere als ein modernes Phänomen sind.
Dank der technischen Fortschritte wird die Forschung künftig vermutlich noch mehr über das Leben vor vielen Jahrhunderten erfahren können. "Jede dieser Botschaften ist eine eigene, unverwechselbare Stimme, und etwas daran wirkt unglaublich unmittelbar und kraftvoll", sagt Rebecca Benefiel. Insbesondere weil es Einblicke gebe in das Leben der gewöhnlichen Menschen in Pompeji, und nicht nur der Oberschicht.