Angst vor Rückkehr des Linksterrorismus | Europa | DW | 08.01.2014
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Europa

Angst vor Rückkehr des Linksterrorismus

Nur wenige Tage nach Schüssen auf die Residenz des deutschen Botschafters in Athen ist ein verurteilter griechischer Terrorist auf der Flucht. Zu Beginn der griechischen EU-Ratspräsidentschaft steigt die Terrorangst.

Der Flüchtige ist nicht irgendwer: Es handelt sich um Christodoulos Xyros, einen führenden Kopf und berüchtigten Killer der bislang gefährlichsten griechischen Terrororganisation 17. November. Nach eigener Aussage war Xyros an mehreren Terroranschlägen in den 80er und 90er Jahren maßgeblich beteiligt. Zu seinen Opfern gehören der Athener Industriemagnat Dimitrios Angelopoulos, der konservative Großverleger Nikos Momferatos, griechische Polizisten, sowie Diplomaten aus Großbritannien und den USA. Zudem war Xyros an fehlgeschlagenen Anschlägen auf den sozialistischen Ex-Minister Giorgos Petsos und den ehemaligen EU-Kommissar Ioannis Paleokrassas beteiligt. Auch ein Panzerfaust-Anschlag auf die Residenz des deutschen Botschafters 1999 ging auf das Konto von 17. November.

Nach der Zerschlagung der Terrorganisation war Xyros 2003 zu sechs Mal lebenslanger Haft verurteilt worden. Wegen guter Führung hat er in den letzten anderthalb Jahren acht Mal Hafturlaub bekommen - unter der Voraussetzung, dass er jeden Tag bei der nächstgelegenen Polizeiwache vorstellig wird. Bei seinem letzten weihnachtlichen Hafturlaub nutzte Xyros offenbar seine Chance und tauchte unter. Seine Flucht bestätigte am Dienstagabend (07.01.2014) auch Regierungssprecher Simos Kedikoglou.

Griechischer Terrorist Christodoulos Xyros (Foto: picture alliance/dpa)

Christodoulos Xyros hat sich abgesetzt

"Es kann doch nicht angehen, dass ein zu lebenslänglich verurteilter Terrorist innerhalb von 18 Monaten sieben Mal Urlaub bekommt, nicht einmal unsere Soldaten genießen derartige Privilegien", moniert der Politikanalyst Jannis Pretenderis im TV-Sender MEGA Channel. "Ich wüsste doch gerne, welche Richter nach welchen Kriterien eine solche Entscheidung getroffen haben", empört sich der Athener Kommentator.

Reformversprechen für die Zukunft

Nach Auffassung von Rechtsexperten war die Gewährung des Hafturlaubs nach heutiger Rechtslage jedoch nicht zu beanstanden: Das griechische Strafvollzugsgesetz trifft in dieser Hinsicht keine Unterscheidung zwischen Terroristen und anderen Gewalttätern. Die Regierungskoalition aus Konservativen und Sozialisten wolle dies nun ändern, erklärte Justizminister Charalambos Athanassiou nach einem Treffen mit Ministerpräsident Antonis Samaras am Dienstag. Zudem verspricht Athanassiou, innerhalb von 100 Tagen ein neues Hochsicherheitsgefängnis für Schwerverbrecher und Terroristen bauen zu lassen. Warum bisher noch niemand daran gedacht hat, ließ der Minister offen.

Frangiskos Ragoussis, Anwalt von Christodoulos Xyros, sieht die Flucht seines Klienten jedenfalls ganz gelassen: Es sei halt eine politische Entscheidung des Häftlings gewesen, die völlig im Einklang mit seiner "revolutionärer Tätigkeit" stehe, sagt Ragoussis im Interview mit dem Athener Nachrichtensender Skai. Auf hartnäckige Nachfrage der Skai-Journalisten wollte der Strafrechtler nicht ausschließen, dass der flüchtige Terrorist erneut "tätig" wird: Soziale Notwendigkeiten und die "Anliegen unserer Zeit" hätten Xyros offenbar zu seiner Fluchtentscheidung geführt, erklärte Ragoussis.

Diese Formulierung lässt aufhorchen. In Zeiten steigender sozialer Spannungen scheint das Gespenst des Linksterrorismus das krisengeplagte Griechenland wieder im Griff zu haben. Kommentator Jannis Pretenderis bringt es drastisch auf den Punkt: Alles deute darauf hin, dass ein neue Gewaltwelle bevorstehe, mahnt Pretenderis. "Xyros ist ja nicht irgendwer, er verfügt über äußerst fundierte Kenntnisse in Sachen Terroranschläge und Explosionsmittel." Nun wolle er offenbar die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen an die jüngere Generation weitergeben. Dabei handele es sich um junge Menschen, die er selbst rekrutiert in den vergangenen Jahren rekrutiert habe, erklärt Pretenderis.

Sorge um die griechische EU-Ratspräsidentschaft

Antonis Samaras (Foto: picture alliance/AP Photo)

Ungemütliche Zeiten: Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras

Einen günstigeren Zeitpunkt, um Ängste zu schüren, hätte Xyros nicht wählen können: Griechenland steht derzeit im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit, zumal am Mittwoch (08.01.2014) in Athen die Eröffnungszeremonie der griechischen EU-Ratspräsidentschaft stattfindet. Hohe Gäste aus Brüssel werden erwartet, 2000 Polizisten sind rund um die Uhr im Einsatz. Der altehrwürdige Zappeion-Palast im Herzen Athens, in dem wichtige Ministertreffen und Pressetermine stattfinden werden, ist seit Dienstagnachmittag hermetisch abgeriegelt.

Die Journalistin Anna Panagiotarea, der ein guter Draht zum konservativen Regierungslager nachgesagt wird, warnt n einem Gespräch mit dem TV-Sender Skai: "Unser Land steht unter ständiger Beobachtung ausländischer Medien und bekommt in deren Berichterstattung immer wieder Schläge unter die Gürtellinie. Und jetzt auch noch das: Als hätte unser Ministerpräsident nicht ohnehin schon genug Probleme, wird er sich eventuell auch noch für den Terrorismus in Griechenland rechtfertigen müssen."

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