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PolitikGlobal

Amnesty-Report: "Das raubtierhafte Gebaren der Mächtigen"

21. April 2026

Amnesty International zieht im neuen Jahresbericht eine düstere Bilanz: In rund 140 Ländern wurden Menschenrechte verletzt. Die Organisation warnt vor der Erosion der Weltordnung und ruft zu ihrer Verteidigung auf.

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Das Bild zeigt zwei Teile eines offenbar zerrissenen Plakats, links im Bild US-Präsident Donald Trump, rechts Israels Premier Benjamin Netanjahu
Raubtiere an der Macht? Donald Trump und Benjamin Netanjahu stehen im Amnesty-Bericht im Zentrum der KritikBild: Aaron Favila/AP Photo/picture alliance

Es ist ein bedrückendes Fazit, das die Menschenrechts-Organisation Amnesty International im Bericht für das vergangene Jahr zieht: Menschenrechte würden weltweit immer stärker verletzt, sowohl von Staaten als auch von privaten Akteuren. Und zumeist blieben die Täter unbehelligt. Im "Amnesty Report 2025", der jetzt an verschiedenen Orten weltweit veröffentlicht wurde, heißt es, das Jahr 2025 sei von einem "raubtierhaften Gebaren" vieler Mächtiger geprägt gewesen.

Amnesty prangert dabei ganz konkret politische Anführer an, die im vergangenen Jahr die Schlagzeilen weltweit dominierten: "Staats- und Regierungschefs wie Trump, Putin, Netanjahu und andere scheuten bei ihren Beutezügen vor massiver Zerstörung, Unterdrückung und Gewalt nicht zurück, um sich wirtschaftliche und politische Vorherrschaft zu sichern."

Duchrow: "Iran kann durch Völkerrechtsbruch nicht frei sein"

Der Krieg im Iran: Das ist dann auch nach Ansicht von Julia Duchrow, der Generalsekretärin von Amnesty in Deutschland, das im Moment bedrückendste Thema. Obwohl sie betont, Amnesty habe Verletzungen der Menschenrechte in rund 140 Ländern dokumentiert. Durchrow sagt im Gespräch mit der DW: "Im Iran leben die Menschen in einer doppelten Gefahr: einmal durch die völkerrechtswidrigen Angriffe der USA und Israels. Auch auf die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur. Und gleichzeitig durch die Repressionen durch die eigene Regierung, die bereits zu vielen tausend Toten geführt hat."

Das Bild zeigt zwei auf Stühlen sitzende Jungen in einem Wohngebiet in Teheran, im Hintergrund sind zerstörte Fahrzeugen zu sehen
In einem Wohngebiet in Teheran nach Angriffen der USA und Israels: Die Aufnahme datiert vom 9. April 2026Bild: Morteza Nikoubazl/NurPhoto/IMAGO

Und trotzdem, so Duchrow, könne das Regime in Teheran nur abgelöst werden, wenn auch das Völkerrecht beachtet werde: "Die völkerrechtswidrigen Angriffe haben nicht dazu geführt, dass sich die Situation verbessert hat. Gerade jetzt befürchten wir noch einmal stärkere Angriffe der iranischen Führung auf die eigene Bevölkerung."

Aber nicht nur die USA, Russland und Israel hätten die alte Weltordnung längst verlassen. Auch viele andere Staaten entfernten sich zunehmend von einer Politik, die auf festen internationalen Regeln basiere, so der Amnesty-Jahresbericht: "Einer Weltordnung, die aus der Asche des Holocaust und der unsäglichen Zerstörung durch zwei Weltkriege entstanden war und die in den vergangenen 80 Jahren stetig, unter großen Mühen - und leider nicht stabil genug - aufgebaut worden war." Und die verbliebenen Staaten, die auf Demokratie und Rechtsstaat setzten und auf internationalen Ausgleich, wirkten oft hilflos und setzten auf Beschwichtigungen.

Eine traurige Bilanz. Ist es auch Resignation? Bleibt denn gar nichts übrig von der alten Welt? Im Gegenteil, so Amnesty. Im Report werden die Mühen von Diplomaten und Aktivisten für eine friedlichere Welt nach 1945 gar als "Meisterleistung" bezeichnet: "Die im Jahr 1948 verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Völkermordkonvention sowie die vielen anderen Regelwerke, die in den folgenden 80 Jahren diskutiert und verabschiedet wurden, sind mitnichten ein Trugbild." Wer jetzt laut das Ende der regelbasierten Welt beklage, sei meist nur an ihrer Abschaffung interessiert: "Eines können wir uns gewiss sein: Die Berichte über den Tod dieses regelbasierten internationalen Systems sind überzogen."

Das Bild zeigt die Generalsekretärin von Amnesty International Julia Duchrow, sie blickt direkt in die Kamera
Julia Duchrow ist die Generalsekretärin von Amnesty International in DeutschlandBild: Hannes P Albert/dpa/picture alliance

Kritik an Zukunftsvisionen von Marco Rubio

Zwei Regierungen sind es vor allem, die Amnesty anprangert: die in den USA und in Israel. Zu den USA unter Präsident Donald Trump heißt es in dem Bericht, im Januar 2026 habe Außenminister Marco Rubio eine Vision für eine neue Ordnung, eine westliche Allianz christlicher Zivilisationen, geprägt, die aber wichtige historische Fakten einfach ausgeblendet habe. Rubio habe vom Stolz dieser Staaten auf ihr Erbe gesprochen: "Ein Erbe, das er in seiner Rede durchweg romantisierte. Doch Worte können Fakten nicht vertuschen: Dieses gemeinsame Erbe ist geprägt von Vorherrschaft, Kolonialismus, Sklaverei und Völkermord."

Drastisch sind auch die Bemerkungen zum Vorgehen Israels gegen seine Nachbarstaaten im Nahost-Konflikt: "Für Millionen Menschen versagten die internationalen Schutzmechanismen, wie im Falle der Palästinenser und Palästinenserinnen, die durch die israelische Regierung Völkermord, Apartheid und Besatzung erfahren." Und an die Adresse von Russlands Präsident Wladimir Putin heißt es in dem Report: "Russland begeht unvermindert Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Ukraine."

Das Bild zeigt die belarussiche Bürgerrechtlerin Maryja Kalesnikawa in einem Bus mit anderen  freigelassenen belarussischen Gefangenen
Endlich frei, auch auf Druck aus dem Ausland: Maria Kolesnikowa im Dezember 2025 mit anderen früheren MitgefangenenBild: Coordination Headquarters for the Treatment of Prisoners of War/AFP

Hoffnung auf Engagement der Zivilbevölkerungen 

Das klingt alles nach einer Entwicklung, die unaufhaltsam weiterschreitet und weitere Eskalationen nach sich ziehen wird. Aber beim Krieg der USA und Israels gegen den Iran hätten sich vor allem bei einigen EU-Staaten deutliche Absetzbewegungen gezeigt, heißt es in dem Jahres-Report: "Anfang 2026 schienen sich einige europäische Staaten der globalen Gefahr stärker bewusst zu werden: Sie lehnten es ab, sich den Angriffen der USA und Israels auf Iran anzuschließen, und bekannten sich zum Schutz der staatlichen Souveränität."

Und auch Julia Duchrow findet immer noch genug Beispiele, die Hoffnung machen können in einer anscheinend aus den Fugen geratenen Welt: "Im Iran sind die Leute auf die Straße gegangen, obwohl sie wussten, dass ihnen Gefahr für Leib und Leben droht. In Ungarn ist gerade die menschenverachtende Politik von Viktor Orban abgewählt worden. Und immer wieder kommen Menschen frei aus der Haft, wie Maria Kolesnikowa in Weißrussland, für die wir uns eingesetzt haben." Maria Kolesnikowa, bekannte belarussiche Musikerin und Bürgerrechtlerin, war erst im Dezember 2025 nach fünf Jahren aus der Haft entlassen worden.