Alternativer Nobelpreis geht an vier Menschenrechts- und Umweltaktivisten | Welt | DW | 29.09.2021
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Right Livelihood Stiftung

Alternativer Nobelpreis geht an vier Menschenrechts- und Umweltaktivisten

Die Right Livelihood Awards gehen an oft weniger bekannte Kämpfer für Frieden, Menschenrechte und Umwelt - dieses Jahr Marthe Wandou, Wladimir Sliwjak, Freda Huson und die "Legal Initiative for Forest and Environment".

Vier Auszeichnungen für Zivilcourage

Marthe Wandou

Die Gender- und Friedensaktivistin aus Kamerun setzt sich seit Jahrzehnten gegen sexuelle Gewalt und für die Rechte von Kindern und Frauen ein. Marthe Wandous 1998 gegründete Organisation "Action Locale pour un Développement Participatif et Autogéré" (ALDEPA) verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl Bildung, Präventionsarbeit, psychosoziale Betreuung als auch rechtlichen Beistand beinhaltet und auf der Mobilisierung ganzer Gemeinschaften beruht.

Von ALDEPAs Arbeit haben bereits mehr als 50.000 Mädchen vor allem in der nördlichen Region Kameruns profitiert - dort, wo auch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram aktiv ist. 

Wandou - 1963 selbst in einem Dorf im äußersten Norden des zentralafrikanischen Landes geboren - hat die harte Realität, mit der Kinder und insbesondere Mädchen dort konfrontiert sind, aus nächster Nähe mitbekommen: Kaum Zugang zu Bildung, frühe Verheiratung, Fremdbestimmung, Gewalt. Trotz dieser Voraussetzungen ging Wandou als eines der ersten Mädchen des Dorfes an die Universität in der Hauptstadt Yaoundé, um Jura zu studieren.

Ihre 1998 gegründete NGO hat viele Familien nach Fällen von Vergewaltigung, Entführungen und Gewalt unterstützt und dazu beigetragen, dass die Praxis der Frühverheiratung schrittweise abnimmt. In einem von geschlechtsspezifischer Gewalt und Unsicherheit geprägten Umfeld hat sich Marthe Wandou als Führungspersönlichkeit im Kampf für das Wohlergehen von Mädchen und Frauen erwiesen.

Wladimir Sliwjak

Wladimir Sliwjak ist einer der engagiertesten Umweltschützer Russlands. Er hat die einflussreiche Umweltorganisation Ecodefense mitbegründet und führt seit Jahrzehnten wichtige Basiskampagnen gegen umweltschädliche Praktiken. Der heute 48-Jährige hat es immer wieder geschafft, Projekte im Zusammenhang mit der Ausbeutung fossiler Brennstoffe, mit der Nutzung von Atomkraft sowie dem Transport radioaktiver Abfälle infragezustellen und sogar zu stoppen - kein einfaches Unterfangen im autoritär regierten Russland, das über riesige Öl-, Gas- und Kohlereserven verfügt und zu den weltweit führenden Exporteuren von fossilen Brennstoffen zählt.

Ecodefense war unter Sliwjaks Leitung die erste Umweltgruppe in Russland, die 2013 eine Anti-Kohle-Kampagne startete. Die Vernetzung lokaler Gemeinschaften im ganzen Land und der Informationsaustausch führten zu einem raschen Anstieg der Proteste gegen die Kohleförderung in verschiedenen Teilen des Landes. 2014 wurde der Bau des Kernkraftwerks Kaliningrad in der gleichnamigen russischen Exklave eingestellt, nachdem die NGO die Öffentlichkeit und internationale Geldgeber immer wieder auf die Gefahren aufmerksam gemacht hatte.

Trotz zunehmender Schikanen der russischen Behörden in den vergangenen Jahren hat Sliwjak seinen Kurs beibehalten - ermutigt auch durch den wachsenden Einfluss der jüngeren Generation von Klimaaktivisten.

Freda Huson

Freda Huson hat sich als Fürsprecherin kanadischer Indigener hervorgetan, die sich dem Land ihrer Vorfahren verbunden fühlen und Anspruch auf Mitsprache bei Bauprojekten erheben.

Die 57-Jährige ist ein weiblicher Häuptling der Wet'suwet'en. Sie lebt seit 2010 auf dem Territorium ihres Volkes in British Columbia und hat dort das Unist'ot'en Camp ins Leben gerufen - das Heilungszentrum für kolonialistische Traumata und Protestcamp zugleich ist. Huson und ihre Mitstreiter wehren sich gegen den Bau einer Gaspipeline, die Schiefergas transportieren und durch das indigene Gebiet verlaufen soll.

Als die kanadischen Behörden vergangenes Jahr eine Razzia an einem Kontrollpunkt zum Lager durchführten, löste das landesweite Proteste aus. Obwohl Husons Aktionen das Pipelineprojekt um Jahre zurückgeworfen haben, ist es immer noch im Bau.

Husons ganzheitlicher Ansatz verbindet den Kampf der indigenen Völker für Umweltschutz und Landrechte mit einem tiefergehenden Kampf um Kultur und Lebensweise - in einem Land, in dem sie über Jahrhunderte entsetzlicher Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt waren, wie zuletzt der Fund Hunderter Gräber indigener Kinder nahe eines katholischen Internats erneut schmerzlich vor Augen führte.

Legal Initiative for Forest and Environment (LIFE)

Mit Rechtsmitteln für mehr Umweltgerechtigkeit – das ist der Ansatz der indischen Organisation "Legal Initiative for Forest and Environment" (LIFE). Sie wurde 2005 von den Anwälten Ritwick Dutta und Rahul Choudhary gegründet, denen aufgefallen war, wie hürdenreich der Zugang zu Gerichten bei solchen Belangen war: Hohe Prozesskosten, lange Wartezeiten und die technische Natur der Materie machten es schwierig, selbst eklatante Verstöße vor Gericht zu bringen.

Right Livelihood Awards | Ritwick Dutta und Rahul Choudhary

Ritwick Dutta (Mitte links) und Rahul Choudhary (Mitte rechts) von LIFE

LIFE unterstützt Gemeinden dabei, sich gegen Umweltbedrohungen zu wehren, etwa Bauprojekte oder die Abholzung von Wäldern. Mit ihrer Hilfe konnten zudem Verursacher industrieller Verschmutzung für die Schäden zur Verantwortung gezogen werden, die sie der Umwelt und der öffentlichen Gesundheit zufügen. 

Einer der ersten Erfolge von LIFE war ein Verfahren gegen das britische Bergbauunternehmen Vedanta im Bundesstaat Odisha, das zu einem Präzedenzfall wurde. Das Bauxit-Minenprojekt der Firma wurde 2010 gestoppt - der Oberste Gerichtshof Indiens erkannte an, dass für den Beginn eines solchen Projekts die Zustimmung der örtlichen Gemeinde erforderlich ist.

Die Organisation spielte auch eine wichtige Rolle bei der Einrichtung des "Nationalen Grünen Tribunals" durch die indische Regierung im Jahr 2010. Das Gericht ist auf Umweltklagen spezialisiert und für die Bearbeitung komplizierter, multidisziplinärer Fälle ausgestattet.

Indem LIFE die Kluft zwischen dem Justizsystem und denjenigen überbrückt, die sich für den Schutz der natürlichen Ressourcen und der Tierwelt einsetzen, hat die Initiative die Messlatte für Umweltschutz in Indien bereits deutlich höher gelegt.

Audio und Video zum Thema