Alltag hinter der Mauer | Meine Oma, das Regime und ich | DW | 05.05.2014
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Meine Oma, das Regime und ich

Alltag hinter der Mauer

Das Leben in der DDR hatte einige Schattenseiten: leere Geschäfte, Denkvorgaben und natürlich die Mauer. Die Politik des autoritären DDR-Regimes hat die Leben von Millionen Menschen geprägt - auch das von Pia Höhn.

Warum hat die DDR die Mauer gebaut, und wie haben die Menschen den Mauerbau empfunden?

Am Morgen des 13. Augusts 1963 trauen die Menschen in Berlin ihren Augen nicht. Entlang der Sektorengrenze, die die Stadt in Besatzungszonen teilt, stehen DDR-Soldaten und ziehen Stacheldrahtrollen durch die Straßen. Bauarbeiter verstärken den Draht mit Pfosten und Betonteilen. Innerhalb weniger Tage ist der Weg in den Westen abgeschnitten. Familien sind zerrissen, Deutschland ist ein geteiltes Land.

Die Grenze trennt auch Pia Höhn von ihrer Freundin Freda, die in Berlin wohnt. In diesem Sommer ahnt Pia noch nicht, dass sie ihre Freundin nie wieder sehen wird. Mit dem Bau der Mauer will die DDR-Regierung den Zusammenbruch des Staates verhindern. Denn dem autoritären Staat laufen die Bürger davon, vor allem junge und gut ausgebildete wie zum Beispiel Tante Annerose, die 1957 mit der Bahn von Leipzig nach Hannover geflüchtet ist.

Die Volkspolizei der DDR überwacht die Mauer (Foto: dpa)

Die Volkspolizei der DDR überwacht die Mauer. Sie soll die Flucht von Fachkräften stoppen.

"Nur der Bau der Mauer verhinderte den kompletten Zusammenbruch", sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk von der Stasi-Unterlagenbehörde BStU, der die Zeit der DDR-Diktatur aufarbeitet. Wer nach 1961 noch in den Westen fliehen will riskiert, von den Grenzsoldaten als "Republikflüchtling" erschossen zu werden. Die DDR wird zum großen Gefängnis, die Bundesrepublik zum Ort der Sehnsucht. Tausende DDR-Bürger versuchen, diesen Ort zu erreichen: durch selbstgegrabene Tunnel, übers Wasser auf Luftmatratzen oder durch die Luft mit Ballons.

"Nach dem Mauerbau änderten die Menschen ihr Verhalten und lernten neue Strategien", sagt Kowalczuk. Der letzte Ausweg ist versperrt, deshalb nimmt der offene Antikommunismus ab und die Lage stabilisierte sich. Auch für Pia Höhn ist der Westen damals unerreichbar. Erst als sie 1988 in Rente geht, darf sie dorthin reisen. Doch da ist ihre Freundin Freda bereits gestorben.

Inwiefern und warum wurden Akademiker-Kinder benachteiligt?

Das Leben in der DDR funktioniert nach eigenen Gesetzen. Im "Arbeiter- und Bauernstaat" darf nur studieren, wer das richtige Elternhaus vorweisen kann. Das "richtige Elternhaus" haben die Kinder, deren Eltern Arbeiter sind. So will die DDR Bildungsschranken einreißen und eine neue Elite schaffen.

Pia Höhn mit ihrem Mann und den Zwillingen Uschi und Barbara (Foto: privat)

Der "Arbeiter- und Bauernstaat" stuft Familie Höhn als Akademiker ein. Damit sind den Kindern bestimmte Berufe versperrt.

Für die Familie von Pia Höhn ist die Regelung ein Nachteil. Denn Pias Mann, Hans-Günther, ist Arzt und gehört damit zur sogenannten "Intelligenz". Das führt dazu, dass die Töchter Barbara, Uschi und Christiane nicht ohne weiteres studieren können. Die Zwillinge möchten eigentlich Ärztinnen werden. Aber mit den Akademiker-Eltern geht das nicht.

"Die Bildungspolitik entwickelte absurde Züge", sagt Historiker Kowalczuk: In den 80er Jahren studierten in der DDR viel weniger Arbeiterkinder als in der Bundesrepublik. Denn die Arbeiter waren ja jetzt auch Akademiker in der DDR."

Wie sind die Menschen mit den Einschränkungen umgegangen?

Die große Mehrheit verhält sich differenziert und pragmatisch. Mal marschiert sie angepasst mit, mal wehrt sie sich. Sie zweifelt und hofft. So wie Pia Höhn, die sich mit den oft widrigen Umstände arrangiert und versucht, das Beste daraus zu machen. Für Ilko-Sascha Kowalczuk eine verständliche Strategie: "Eine Diktatur lebt davon, dass Leute wegschauen, dass sie gleichgültig sind. Weil sie Angst haben, dass sie der nächste sind, den es trifft."

Radikaler Widerstand geht meist von jungen und ungebundenen Menschen aus. "Wenn Sie Kinder haben, sieht die Welt ganz anders aus", sagt Kowalczuk. "Dann muss man sich sehr genau überlegen, wie weit man geht." Und die Gefahr ist real: Oppositionelle werden in der DDR vom Inlandsgeheimdienst, der Staatssicherheit, überwacht und müssen mit beruflichen Nachteilen oder sogar Gefängnisstrafen rechnen. Für die meisten Menschen ist deshalb Anpassung das Mittel der Wahl: Man weiß, was man in der Schule oder im Betrieb zu sagen hat, und was man besser nur zu Hause äußert. Viele suchen wie Pia Höhn ihr Glück im Privatleben: in der kleinen Datsche oder im Urlaub an der Ostsee.