Absagen für saudischen Wirtschaftsgipfel mehren sich | Wirtschaft | DW | 16.10.2018
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Saudi-Arabien

Absagen für saudischen Wirtschaftsgipfel mehren sich

Der Fall um den verschwundenen und möglicherweise getöteten saudischen Journalisten Khashoggi könnte für Saudi-Arabien auch wirtschaftliche Konsequenzen haben. Vertreter aus Deutschland halten sich allerdings bedeckt.

USA Washington Protest von David Barrows vor der Botschaft von Saudi-Arabien (picture-alliance/AP Photo/J. Martin)

Proteste vor der Botschaft Saudi-Arabiens in der US-Hauptstadt Washington am 10.10.2018

Aus Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen des Falls Jamal Khashoggi ziehen sich Anleger aus dem Aktienmarkt Saudi-Arabiens zurück. Sie befürchteten wegen der internationalen Empörung über die mutmaßliche Ermordung des regimekritischen Journalisten einen versiegenden Zufluss ausländischen Kapitals, sagten Börsianer. Der Leitindex der Börse Riad fiel am Dienstag um bis zu vier Prozent.

Medienberichten zufolge will Saudi-Arabien eingestehen, dass Khashoggi bei einem Verhör ums Leben gekommen sei. Der Journalist ist seit einem Besuch des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul am 2. Oktober verschwunden. Die Türkei beschuldigt Saudi-Arabien, Khashoggi getötet und seine Leiche fortgeschafft zu haben. Die Regierung in Riad hat dies bislang zurückgewiesen.

Rial und Ölpreis

Am Devisenmarkt löste die Aussicht auf ein Eingeständnis der Regierung in Riad Erleichterung aus. Dadurch könne der wirtschaftliche Schaden der Affäre begrenzt werden, sagte ein Börsianer. Dies gebe der saudi-arabischen Währung Auftrieb. Der Dollar verbilligte sich am Dienstag auf 3,7511 Rial, nachdem er am Montag ein Zwei-Jahres-Hoch von 3,7526 Rial markiert hatte.

Auch die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich und kostete am Dienstag nur noch 80,09 Dollar je Barrel. Zuvor hatte der Preis aus Furcht vor Ausfällen saudi-arabischer Lieferungen kräftig zugelegt. Das Königreich hatte mit Vergeltung gedroht, sollte es mit Wirtschaftssanktionen belegt werden.

Weitere Absagen

Unterdessen wird die Liste der Unternehmer und Manager länger, die auf eine Teilnahme an der Wirtschaftskonferenz "Future Investment Initiative" (FII)  verzichten. Auch IWF-Chefin Christine Lagarde hat die Teilnahme an der internationalen Investorenkonferenz in Saudi-Arabien abgesagt. Lagarde habe ihre Reise in den Nahen Osten verschoben, bei der auch ein Besuch der Konferenz in Riad geplant war, teilte der Internationale Währungsfonds am Dienstagabend mit. Gründe dafür nannte der IWF nicht. Lagarde hatte sich am Wochenende entsetzt über das Verschwinden Khashoggis geäußert, an ihren Reiseplänen aber zunächst festgehalten.

Die Konferenz findet vom 23.-25. Oktober in Riad statt. Thematisch geht es dabei um Investitionen in Saudi-Arabien. Die Regierung will die Wirtschaft ihres Landes diversifizieren, um weniger vom Öl abhängig zu sein, ist dafür aber auf Geld und Wissen aus dem Ausland angewiesen.

Die Chefs der britischen Banken HSBC und Standard Chartered werden nicht nach Riad fahren, ebenso wie der Chef der Schweizer Bank Credit Suisse, berichtet Reuters am Dienstag. Zuvor hatten bereits die Chefs der US-Geldhäuser JPMorgan Chase und Blackrock abgesagt, außerdem der Verwaltungsratschef des Autobauers Ford sowie Richard Branson, der Gründer der britischen Virgin Group. 

Selbst der Transportvermittler Uber, der vor zwei Jahren rund 3,5 Milliarden US-Dollar vom saudischen Staatsfonds PIF erhalten hatte, hat die Teilnahme seines Chefs an der Konferenz abgesagt.

Auch aus Frankreich gab es Absagen, darunter von den Chefs der Banken BNP Paribas und Société Générale, des Energiekonzerns EDF, des Technologiekonzerns Thales und von AccorHotels.

Deutschland Siemens Jahrespressekonferenz | Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender (picture-alliance/dpa/T. Hase)

Siemens-Chef Joe Kaeser sitzt im Beratungsausschuss der Konferenz in Riad

Deutsche Firmen warten ab

Von deutschen Wirtschaftsvertretern sind dagegen keine Absagen bekannt, auch Siemens-Chef Joe Kaeser hält bisher an seiner Teilnahme fest.

"Nach derzeitigem Stand planen wir, weiter an der Konferenz teilzunehmen", zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen Sprecher von Siemens. Der Fall werde aber "sehr genau beobachtet und verfolgt".

Siemens gehört zu den Unternehmen, die der Konferenz-Veranstalter in Riad als "Strategische Partner" listet. Der Begriff ist nicht klar definiert und beschreibt Unternehmen, die eine Veranstaltung - oft auch finanziell - unterstützen.

Das allein kann aber kein Grund sein für Kaeser, die Konferenz zu besuchen. Schließlich sind auch die Banken HSBC und Credit Suisse, deren Chefs nicht kommen, strategische Partner der Konferenz.

Die deutsche Unternehmensberatung Roland Berger ist laut Veranstalter "Konferenzpartner" in Riad. Die Beratungsfirma teilte mit, man werde die Lage weiter beobachten, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen. Auch die Deutsche Bank prüft dem Vernehmen nach noch die Teilnahme, so die FAZ.

"Beziehungen und Kommunikation"

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) findet das nicht ungewöhnlich. "Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, ob es in Saudi-Arabien oder auch anderswo Geschäfte macht und das Risiko eingeht, dadurch möglicherweise Negativschlagzeilen zu bekommen", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Volker Treier der FAZ.

Die deutsche Wirtschaft setze darauf, "durch die Beziehungen und die Kommunikation mit Saudi-Arabien einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich Saudi-Arabien weiter hin zu einer offeneren Gesellschaft entwickelt", so Treier weiter.

bea/hb (dpa, reuters, FAZ, AP)

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